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Gesetzgebung Bestatter fordern Meisterpflicht für ihr Gewerk

Bisher darf sich jeder ohne Ausbildung als Bestatter betätigen. Wenn es nach Vertretern des Bestatterhandwerks geht, muss der Zugang zu dem Beruf dringend geregelt werden - auch um unseriöse Anbieter zurückzudrängen. Ein Gutachten bestärkt sie darin.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Meister im Handwerk

Mitarbeiter von Krematorien bekommen allerhand zu sehen, wenn sie vor den Einäscherung den Sarg zur vorgeschriebenen zweiten Leichenschau öffnen. Verstorbene werden bisweilen bäuchlings in den Sarg verfrachtet. In einigen Leichen stecken noch Schläuche und Zugänge aus dem Krankenhaus. Auf Särgen finden sich Fußabdrücke, weil sie als Trittbrett missbraucht wurden. Und der eine oder andere Bestatter versucht, zusammen mit der Leiche heimlich Müll zu entsorgen.

Zwielichtige Anbieter

Kein Zweifel, im Bestattungsgewerbe sind auch zweifelhafte und zwielichtige Anbieter unterwegs. Die verstoßen nicht nur gegen die gebotene Totenfürsorge, sondern fügen durch ihr Treiben auch Angehörigen großen Schmerz zu. "Ein Tischler kann nacharbeiten. Eine Bestattung kann man nicht nachholen“, sagt Hermann Hubing, Hauptgeschäftsführer des Fachverbands Leben Raum Gestaltung Hessen/Rheinland Pfalz, bei einem Pressegespräch in der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main.

Deshalb fordern mehrere Verbände eine Meisterpflicht für den Beruf des Bestatters. Sie gehen davon aus, dass dadurch vor allem kleine Beerdigungsunternehmen gestärkt werden, während es für den einen oder anderen Online-Bestatter nach Einschätzung Hubings "etwas schwieriger“ werden dürfte. Für alle Betriebe - ob mit oder ohne Meisterbrief, ob groß oder klein - gilt indes Bestandsschutz, sollte das Bestattungsgewerbe wirklich zulassungspflichtig werden.

Bestatter sind unter den Handwerkern in einer besonderen Situation: Ihr Beruf war noch nie meisterpflichtig, anders als beispielsweise das Gewerk der Fliesenleger, das 2004 aus der Meisterpflicht herausfiel. "Für uns ist es keine Rück-, sondern eine Neuvermeisterung“, sagt Hubing. Derzeit treibt die Große Koalition in Berlin die Ausweitung der Meisterpflicht voran - und die Bestatter hoffen, davon zu profitieren. "Wir fordern seit Jahren die Einführung der Meisterpflicht. Jetzt öffnet sich ein politisches Fenster“, sagt Hubing.

Im falschen Sarg beigesetzt

Verbraucherschützer Christoph Keldenich, Vorsitzender der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas, hat unzählige Fälle dokumentiert, in denen Beerdigungen schiefliefen. Das beginnt mit der vergleichsweise harmlosen Begebenheit, dass der Verstorbene nicht in seinen zuvor ausgewählten Lieblingssarg gebettet wurde. Vereinzelt tauchen in den Medien Berichte auf, dass Toten das Zahngold entnommen wurde. Oder dass Verstorbene in nicht-beauftragten Billig-Särgen eingeäschert wurden. Bisweilen verschwinden Leichen sogar in falschen Gräbern, was für trauernde Angehörige besonders schrecklich ist. Die Bestatterverbände sehen nun eine Chance gekommen, halbseidene oder inkompetente Anbieter zurückzudrängen.

Gemeinsam haben mehrere Verbände des Bestattungsgewerbes eine gutachterliche Stellungnahme in Auftrag gegeben, die ihr Vorhaben stützen soll. Neben dem Fachverband Leben Raum Gestaltung Hessen/Rheinland-Pfalz als Landesinnungsverband für das Tischlerhandwerk, Bestattungs- und Montagegewerbe sind dies die Bundesfachgruppe Bestatter im Bundesverband Holz und Kunststoff, der Bundesverband Deutscher Bestatter sowie der Verband Deutscher Bestattungsunternehmen. Sie stehen zusammen für rund 95 Prozent der Bestattungsunternehmen.

Juristisches Gutachten bestärkt Bestatter

Autor dieser juristischen Einschätzung ist Professor Tade Matthias Spranger von der Universität Bonn, Staatsrechtler und führender Experte auf dem Gebiet des Friedhofs- und Bestattungsrechts. Er verweist darauf, dass Bestatter heutzutage über "exorbitante Rechtskenntnisse“ verfügen müssten. Der Grund: In Deutschland gelten 16 verschiedene Landesgesetze, die sich erheblich voneinander unterscheiden. So muss ein Verstorbener in Hessen zum Beispiel innerhalb von 96 Stunden bestattet sein, in Nordrhein-Westfalen beträgt diese Frist zehn Tage. Bestimmungen weichen von Kommune zu Kommune ab. Manche Friedhöfe haben muslimische Gräberfelder, andere erlauben Wahlgräber. Umbettungen sind extrem kompliziert und auch um die Überführung in Leichenhallen gibt es immer wieder Streit mit Behörden. Aus Sicht von Bestattern und Totengräbern ist Deutschland ein juristischer Flickenteppich. Erheblich Unterschiede bestehen auch, wie mit Frühgeburten zu verfahren ist oder wie schnell eine Kremation zu erfolgen hat.

Das wäre halb so wild, wenn nicht viele unzureichend qualifizierte Bestatter große Fehler begehen und die Hinterbliebenen Verstorbener laienhaft beraten würden. Die Folge: Einige Bestattungen erfolgen juristisch gesehen illegal, Kunden werden betrogen. „Wir können in diesem Gewerk nicht nachbessern“, bestätigt auch Spranger. "Wenn die Urne im falschen Grab liegt, bekomme ich sie nicht mehr heraus.“ Gar nicht zu reden davon, wenn ein gläubiger Katholik oder Moslem gegen seinen Willen aus Versehen eingeäschert wurde - dieser Fehler ist erst Recht nicht wiedergutzumachen. Zurück bleiben traumatisierte Angehörige. Eine misslungene Beerdigung beschäftigt Familien über Generationen.

Angehörige im Ausnahmezustand

Prof. Spranger spricht von einer besonderen „Vulnerabilität“ der Angehörigen. Er meint damit, dass viele trauernde Menschen in Ausnahmesituationen praktisch nicht geschäftsfähig sind. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, vergleicht keine Preise und Angebote. Kunden von Beerdigungsunternehmen sind daher im besonderen Maße - so heißt es in der Fachsprache der Ökonomen und Juristen - einer "strukturellen Informationsasymmetrie“ ausgesetzt. Das heißt: Der Betroffene vertraut dem Bestatter - oder wird unter Ausnutzung seiner psychischen Ausnahmesituation über den Tisch gezogen. Christoph Keldenich von Aeternitas drückt es anders aus: "Man muss ein gewisses Vertrauen fordern dürfen.“

Die Interessenvertreter der Bestatter erhoffen sich, über eine Einführung der Meisterpflicht den Verbraucherschutz und damit die Qualität der Dienstleistung zu verbessern. Derzeit ist der Beruf zulassungsfrei, das heißt jeder kann als Bestatter tätig werden, eine spezielle Ausbildung ist nicht erforderlich. Meisterprüfungen können jedoch freiwillig abgelegt werden, was auch 40 Absolventen pro Jahr an den Meisterschulen machen. Außerdem gibt es 150 Auszubildende für den Beruf der Bestattungsfachkraft. Die Voraussetzungen zur Einführung der Meisterpflicht sind also gegeben.

Muslimische und buddhistische Bestattungsriten

Tatsächlich wird der Beruf des Bestatters auch immer komplexer. Mit der Zuwanderung haben neue Bestattungsriten in Deutschland Einzug gehalten. Für Verstorbene muslimischen Glaubens gelten andere Regeln als für eine christliche oder buddhistische Beerdigung. Immer mehr Menschen wünschen sich eine Beisetzung in Friedwäldern, andere suchen ihre letzte Ruhe im Fußballstadion. "Die Verbraucher sind kritischer geworden“, sagt Hermann Hubing. "Es gibt mehr Möglichkeiten und Anforderungen.“

Das gilt insbesondere auch für die Abwendung von Gesundheitsgefahren - ein weiteres Argument, mit dem die Bestatter die Notwendigkeit der Meisterpflicht begründen. Aus gutem Grund verbieten Bundesländer wie Baden-Württemberg, dass Mitarbeiter, die im Bestattungsgewerbe tätig sind, zum Beispiel auch im Lebensmittelgewerbe arbeiten. "Wer mit toten Menschen umgeht, sollte nicht die Fruchtsaftpresse bedienen“, sagt Prof. Spranger.

Besondere Fachkenntnis ist auch im Umgang mit einem "hochinfektiösen Leichnam“ gefragt. Menschen, die im tropischen Ausland gearbeitet haben, aber auch Zuwanderer leiden mitunter an hierzulande seltenen Krankheiten. Auch in Deutschland wurden vereinzelt Fälle von Ebola oder anderer Tropenfieber festgestellt, die zum Tod des Erkrankten führten. Wer den Beruf nicht gelernt hat, kann kaum wissen, was in diesem Fall zu unternehmen ist. Er kann ebenso kaum wissen, wie aufgebrochene Körperöffnungen fachgerecht zu schließen sind, wenn ein Leichnam etwa daheim aufgebahrt werden soll. Prof. Spranger hält es für eine "Gefahrenabwehr“, wenn trauernde Angehörige vor psychischen Belastungen bewahrt werden. Eine völlig misslungene Beisetzung stelle für manchen Menschen einen erheblichen Eingriff in die "psychische Integrität“ dar.

Rechtlich zulässige Beschränkung

Rechtsprofessor Spranger hat noch andere Kriterien geprüft, die für oder gegen eine mögliche Meisterpflicht für die Bestatter sprechen könnten. Sein Ergebnis: Die angestrebte Meisterpflicht verstößt weder gegen Verfassungs- noch Europarecht. Die Einführung einer Meisterpflicht stelle den Musterfall einer erlaubten "subjektiven Berufszugangsvoraussetzung“ dar. "Tatsache ist, dass der Bestatterberuf nicht nur unter ethischen, sondern vor allem auch unter rechtlichen und sozialen Gesichtspunkten immense Herausforderungen mit sich bringt“, heißt es in dem Gutachten. Hinterbliebene seien auf die fachlich versierte und objektive Beratung des Bestatters angewiesen.

Die Bestatter selbst betonen, dass die Mehrheit der Fachverbände sich dafür ausgesprochen habe, ihren Beruf in die Meisterpflicht zu führen. Doch das Saarland schert aus. Der dortige Landesinnungsverband des Bestattungsgewerbes schließt sich dem Vorstoß nicht an - und bringt dafür seinerseits ein Gutachten bei. Darin stellt Verwaltungsjurist Prof. Dr. Ulrich Stelkens von der Universität Speyer fest: "Es gibt gute oder jedenfalls nachvollziehbare Gründe, das Bestattungsgewerbe im Interesse des Verbraucher-, Gesundheits- und Pietätsschutzes stärker zu regulieren.“ Eine Umwandlung des Bestattungsgewerbes in ein zulassungspflichtiges Handwerk sei jedoch eine "weitgehend untaugliche Antwort auf begründete bzw. begründbare Regelungsanliegen“ - insbesondere weil sie nicht zu einer präventiven Zuverlässigkeitsprüfung führe. Stelkens äußert in seinem Gutachten den „kaum zu widerlegenden Verdacht“, dass es bei der „Vermeisterungsinitiative“ darum gehe, „traditionelle Bestattungsbetriebe vor einer zunehmend als aggressiv wahrgenommenen Konkurrenz durch ,Discount-Bestatter’ mit reduziertem Leistungsangebot zu schützen“. Dies werde in der Folge zu zahlreichen gerichtlichen Auseinandersetzungen führen.

Wie auch immer der Gesetzgeber entscheidet: Es gibt gute Gründe, ein seriöses Bestattungsinstitut zu beauftragen, das im Sinne der Kunden handelt. Davon konnte keine Rede sein bei einem angeblich auf Seebestattungen spezialisierten Unternehmer aus Sachsen-Anhalt. In einem leerstehenden Haus in Stolberg fand die Polizei an die 70 Urnen, die eigentlich dem Meer hätten übergeben werden müssen. Doch der Bestatter war in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und hatte die Gefäße im Harz gehortet statt sie auf hoher See zu versenken.

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