In der Elektrobranche und in den Wäschereien gibt es bereits allgemeinverbindliche Tarifverträge von Handwerks und IG Metall. Nun wollen die Organisationen ihre Tarifpartnerschaft stärken. Im Interview sprechen Handwerkspräsident Otto Kentzler und der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber über die Vorteile von gemeinsamen Absprachen in Zeiten des Fachkräftemangels und über das Image des Handwerks.

Herr Kentzler, Herr Huber, viele Fachverbände des Handwerks schließen seit Jahrzehnten Tarifverträge mit der IG Metall. Wie bewerten Sie diese Tarifpartnerschaften?
Otto Kentzler: Den Arbeitgeberverbänden und den Gewerkschaften im Handwerk ist es stets gelungen, für die besonderen Strukturen im Handwerk passgenaue tarifpolitische Lösungen zu finden. Dabei berücksichtigen beide Tarifpartner sowohl die wirtschaftliche Situation der Betriebe als auch die berechtigten Interessen der Arbeitnehmer im Handwerk.
Berthold Huber: Dieses über Jahrzehnte erfolgreich praktizierte Modell der Sozial- und Tarifpartnerschaft ist in den vergangenen Jahren in einzelnen Branchen und Regionen unter Druck geraten. Eine abnehmende Tarifbindung ist aber für Arbeitnehmer und letztlich auch für Arbeitgeber mit vielen Nachteilen verbunden. Wir brauchen nachhaltige Tarifverträge, die in der Fläche wirken und einheitliche Wettbewerbsbedingungen sichern. Flächentarifverträge sind an dieser Stelle entscheidend. Diese müssen die Bedürfnisse der Arbeitnehmer und der vertragsschließenden Tarifvertragspartner in den Handwerksbranchen berücksichtigen.

Auch für das Handwerk wird die Fachkräftesicherung immer wichtiger. Welchen Beitrag kann die Tarifpolitik leisten, um den Fachkräftenachwuchs im Handwerk zu sichern?
Kentzler: Für die Gewinnung qualifizierten Nachwuchses ist eine attraktive Ausbildung von zentraler Bedeutung. Hier steht das Handwerk in einem immer schärfer werdenden Wettbewerb mit anderen Wirtschaftssektoren – von der Industrie bis hin zur gesamten Dienstleistungswirtschaft. Umso erfreulicher ist, dass bis Mitte des Jahres das Handwerk bei neu abgeschlossenen Lehrverträgen ein Plus von sechs Prozent verzeichnen kann.
Huber: Das Handwerk mit seinen arbeitsintensiven Tätigkeiten ist noch mehr als andere Wirtschaftszweige auf qualifizierte Fachkräfte angewiesen. Mit Blick auf die demografische Entwicklung sind Ausbildungsvergütungen, die mit anderen Wirtschaftszweigen mithalten können, ein wichtiger Aspekt, um das Handwerk für junge Menschen attraktiv zu machen. Qualifizierte und kompetente Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden nur im Handwerk arbeiten, wenn sie möglichst überall gute Einkommen für gute Arbeit bekommen – ob in städtischen Ballungszentren oder auf dem Land. Sowohl die Einkommen als auch die Arbeitsbedingungen im Handwerk müssen mit denen in anderen vergleichbaren Bereichen mithalten können. Das wird am besten über Tarifverträge erreicht.
Innungen als starke Partner
Welchen Beitrag können denn die Fachverbände im Handwerk leisten, um attraktive Arbeitsbedingungen im Handwerk zu sichern?
Huber: Die Innungsmitgliedschaft von Handwerksbetrieben macht den entscheidenden Unterschied. Jeder Innungsbetrieb stärkt die Innung – so auch, wenn die Innung tarifgebunden ist, die Tarifpartnerschaft mit der IG Metall. Die Flucht einzelner Betriebe aus der Tarifbindung ist keine Lösung. Das Gegenteil ist richtig. Unsere Erfahrung zeigt: Flächentarifverhandlungen über die Innungen bringen den Beschäftigten die entscheidenden Verbesserungen.
Kentzler: Handwerksbetriebe, die Mitglied einer tarifgebundenen Innung sind, gehen mit gutem Beispiel voran. Über ihre Innung oder ihren Fachverband können die Unternehmen unmittelbar auf die tarifpolitischen Aktivitäten Einfluss nehmen und damit entscheidend zu ihrer Wettbewerbsfähigkeit beitragen. Wichtig sind dabei passgenaue Lösungen für die jeweiligen Branchen und für die besonderen Betriebsstrukturen im Handwerk.
Lohntarifverträge allgemein verbindlich
Welche Beispiele gibt es für Tarifabschlüsse, die nicht nur die tarifpolitische, sondern auch die sozialpolitische Verantwortung im Handwerk belegen?
Kentzler: Ein herausragendes Beispiel für eine verantwortungsvolle Ausgestaltung der Sozial- und Tarifpartnerschaft sind die in zahlreichen Handwerksbranchen abgeschlossenen und für allgemein verbindlich erklärten Lohntarifverträge. Sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene spielt das Instrument der Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen eine wichtige Rolle im Handwerk.
Huber: Allgemeinverbindliche Tarifverträge im Bereich der IG Metall gibt es bisher nur im Elektrohandwerk und in den Wäschereien. Darüber hinaus sind weitere innovative tarifpolitische Ansätze zu nennen, insbesondere Tarifverträge über Altersvorsorge, Übernahme, Demografie oder Qualifizierung. Solche Abschlüsse zeigen, dass die Tarifpartner im Handwerk ihrer Verantwortung gerecht werden und Antworten auf die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse geben. Es geht in der Tarifpolitik um mehr als ein Einkommen zum Auskommen. Es geht unseren Mitgliedern und der IG Metall immer um ein "Besser statt Billiger". In diesem Sinne bereitet die IG Metall die "Offensive Handwerk – Wir verstehen unser Handwerk" vor.
Welchen tarifpolitischen Herausforderungen sieht sich das Handwerk gegenüber und welchen Beitrag können die Tarifparteien im Handwerk leisten?
Huber: Es liegt im gemeinsamen Interesse des Handwerks und der IG Metall, die Tarifpartnerschaft im Handwerk auf allen Ebenen weiterzuentwickeln. Der Flächentarifvertrag ist dabei das zentrale tarifpolitische Instrument. Er muss auch wieder in der Fläche gestärkt werden. Nur Flächentarifverträge sichern einen fairen Wettbewerb unter den Betrieben und den Arbeitnehmern. Sie verhindern Lohndumping und geben dem Handwerk ein gutes Image.
Kentzler: Eine starke Tarifpartnerschaft ist angesichts der Herausforderungen im Handwerk künftig unerlässlich, um die Autonomie der Tarifvertragsparteien und deren tarifpolitischen Gestaltungsspielraum auf allen Gebieten auch zukünftig zu sichern. So darf die Euro-Krise auf europäischer Ebene nicht dazu genutzt werden, verstärkt die Tarifabschlüsse in den einzelnen Mitgliedsstaaten in den Blick zu nehmen. Auch sieht das Handwerk mit Sorge Initiativen der Europäischen Kommission, die hohen beruflichen Bildungsstandards im Handwerk zu hinterfragen, die entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und damit für die Sicherung der Arbeitsplätze sind. Derartigen Ansätzen erteilen ZDH und IG Metall eine klare Absage.
Das Interview wurde von der Mitgliederzeitschrift "metall" geführt.