Das Bildungssystem muss gerechter, durchlässiger und nachhaltiger werden. In einem gemeinsamen Positionspapier haben der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und Bündnis 90/Die Grünen Ziele und Maßnahmen formuliert, um die Berufsbildung auf die zukünftigen Herausforderungen durch den Fachkräftemangel vorzubereiten. Ziel müsse es sein, einen verpflichtenden Besuch der Berufsschule für alle ausbildungsreife Jugendliche zu ermöglichen, die keine Lehrstelle bekommen haben. Die Zeiten sollen den Schülern dann bei der Regelausbildung anerkannt werden.

Bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der Jugendlichen, die einen allgemeinbildenden Schulabschluss erreichen, um 20 Prozent zurückgehen, so die Prognosen. Obwohl die betriebliche Berufsausbildung bei vielen Absolventen noch immer sehr beliebt ist – aktuell streben rund 60 Prozent eines Jahrgangs das duale Ausbildungssystem an –, gilt es für die Wirtschaft nun rechtzeitig vorzusorgen, um den Schülermangel auszugleichen. Mehr Jugendliche müssen für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden, doch dafür sind noch große Hürden zu nehmen.
Um auf die zukünftigen Herausforderungen hinzuweisen und mögliche Lösungen vorzustellen, haben ZDH und Grüne ein gemeinsames Positionspapier zur aktuellen Bildungspolitik verfasst. Sie fordern darin, dass das Bildungssystem insgesamt aufgeschlossener werden müsse. Mehr Jugendliche aus bildungsfernen Schichten und mehr Migrantinnen und Migranten müssten für eine Ausbildung im Handwerk gewonnen werden. Zusätzlich müssten die berufliche und die akademische Bildung besser miteinander verknüpft werden.
Berufsvorbereitung schon in der Grundschule
Um die Startchancen von allen Kindern im Bildungssystem zu verbessern, fordern ZDH und Grüne einen Rechtsanspruch auf eine ganztägige öffentlich geförderte Tagesbetreuung schon für Kinder unter drei Jahren sowie den flächendeckenden Ausbau der Ganztagsschulen. Damit soll auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefördert und so mehr Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt gehalten werden. Besonders die Kinder aus bildungsfernen Familien sollen so von klein auf Unterstützung und Kinder mit Migrationshintergrund eine frühe Sprachförderung bekommen.
In Ganztagsschulen sollen die Jugendlichen stärker auf einen möglichen Beruf vorbereitet werden. Doch dazu fehle es noch an ausreichenden Beratungsangeboten. Zudem seien auch die Lehrer bislang nicht genügend auf eine praxisnahe Berufsorientierung vorbereitet, die laut Positionspapier für alle allgemeinbildenden Schulen zum festen Bestandteil des Unterrichts werden müsse.
Wissen die Schüler schon früh, welchen Beruf sie nach dem Schulabschluss erlernen möchten, so könnten die Schulen ihre Angebote gezielter anpassen und Übergangszeiten zwischen Schule und Beruf besser genutzt werden. Deshalb müsse es auch Ziel sein einen "obligatorischen Besuch der Berufsschule für ausbildungsreife Jugendliche, die dennoch nicht direkt in die Regelausbildung einmünden" zu ermöglichen, schreiben ZDH und Grüne. Wenn die Jugendlichen diese Berufsschulzeiten dann bereits in dem angestrebten Beruf absolvieren, müssten sie dann aber auch bei der Regelausbildung anerkannt werden, so die Forderungen.
Betriebe sollen Mitarbeiter zum Lernen motivieren
Ein weiterer wichtiger Aspekt, den das Handwerk und die grünen Politiker in den Vordergrund stellen, ist die Integration von Migrantinnen und Migranten in das Berufsbildungssystem. Das neue, erst vor kurzem in Kraft getretene Anerkennungsgesetz für Berufsabschlüsse sei zwar ein wichtiger Schritt, um mehr Fachkräfte fürs Handwerk zu gewinnen. Doch damit dieses auch wirksam werden können, müssten nun auch neue Anpassungs- und Nachqualifizierungsangebote zur Verfügung gestellt werden.
Weiterbildung ist grundsätzlich ein wichtiges Stichwort des Papiers. Denn nur mit entsprechenden Angeboten könnte der Fachkräftebedarf in Zukunft gedeckt werden. Dabei muss der Fokus auf "die Leistungsreserven des deutschen Arbeitsmarktes gerichtet werden, wie Zuwanderer, Ältere und Frauen", fordern ZDH und Grüne. Auch gilt es, die Potenziale von Geringqualifizierten stärker zu nutzen. Alle Beteiligten seien deshalb in der Verantwortung, das Berufsbildungssystem im Hinblick auf die steigenden Anforderungen aus Globalisierung, demografischem Wandel, Wandel zur Dienstleistungswirtschaft und bestehenden sozialen Problemlagen zu verbessern.
Insgesamt mangelt es also an den passenden Angeboten in der Praxis. Mehr Migranten ins Handwerk, mehr Schulabbrecher für eine Ausbildung motivieren und die Weiterbildung von Fachkräften fördern – das alles klingt gut. Es muss aber auch von den Ausbildern, von den Lehrern und von den Schulen insgesamt geleistet werden können. Und hier fehlt anscheinend noch die Verzahnung von Theorie und Praxis. Lehrer sollen auch berufsberatend tätig werden und die Betriebe sollen ihre Mitarbeiter zum Lernen motivieren und ihre Lehrlinge, wenn möglich, auch einmal ins Ausland schicken. Das sind die Ziele, zu denen das Positionspapier Anstoß geben will. jtw