Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz Belästigung im Betrieb: "Man muss sich wehren"

Jeder Zweite soll schon einmal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt haben, so die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Ein sensibles Thema, bei dem die Dunkelziffer sogar noch höher liegen könnte. Psychotherapeut Steffen Pawelczack erläutert im Interview die Folgen einer Belästigung und warum Unterstützung für den Betroffenen so wichtig ist.

Steffen Pawelczack. - © Steffen Pawelczack

DHZ: Wenn jemand sexuell belästigt wird – wie wirkt sich das auf den Betroffenen aus?

Steffen Pawelczack: Das hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Großen Einfluss hat das Maß an Hilfslosigkeit, das ein Betroffener in diesem Moment fühlt, also wie allein gelassen oder ausgeliefert er sich fühlt. Je hilfloser desto schwerer wird er damit fertig. Die andere Seite ist: Durch #Metoo ist es mehr denn je eine Definitionsfrage geworden, was sexuelle Belästigung ist. Ist es schon die wiederholte Einladung zum Kaffee nach der Arbeit? Für den einen ja, für den anderen nicht. Zum Dritten hat es auch viel mit den Vorerfahrungen einer Person zu tun. Wer sehr sensibilisiert auf das Thema ist oder befürchtet sexuell belästigt zu werden, der wird ganz andere Antennen haben und schneller reagieren als jemand, der das nicht befürchtet.

DHZ: Was kann im schlimmsten Fall durch eine Belästigung passieren?

Pawelczack: Je nachdem wie massiv diese sexuelle Belästigung ist, kann das beim Betroffenen schwerwiegende psychische Krankheiten auslösen. Es kann zu einer depressiven Erkrankung führen, was für den Betroffenen eine große Einschränkung seiner Lebensqualität ist und eine starke Bedrohung für seine Arbeitskraft. Als Folge einer sehr massiven Belästigung kann es im Extremfall auch zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen.

DHZ: Was sind die Folgen für das Berufsleben?

Pawelczack: Ein solches Ereignis kann ganz akute Auswirkungen auf die Arbeitskraft und auf den Verbleib im Unternehmen haben. Denn wer an einer depressiven Erkrankung leidet, hat als Arbeitnehmer eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit und eine hohe Wahrscheinlichkeit, nicht mehr an diesen Arbeitsplatz zurückzukehren. Das ist sicherlich nicht im Interesse des Arbeitgebers.

DHZ: Welche Möglichkeiten hat der Arbeitgeber, seine Mitarbeiter zu unterstützen?

Pawelczack: Der Arbeitgeber hat ganz massive Möglichkeiten. Wie gesagt, hat das Maß an Hilflosigkeit, das eine Person in dieser Situation erlebt, einen großen Einfluss darauf, wie sehr es sie psychisch belastet. Wenn diese Person nun die Erfahrung macht, dass ihr Arbeitgeber sie nicht hilflos stehen lässt, sondern sich ganz glaubhaft und engagiert bemüht, sie nicht alleine zu lassen, dann ist das ein sehr großer schützender Faktor. Wichtig ist die Reaktion des Vorgesetzten. Seine Maßnahmen können einen schützenden Einfluss auf den Betroffenen haben, indem er den Vorfall nicht herunterspielt oder bagatellisiert, sondern ihn ernst nimmt. Indem er überlegt, was er als Vorgesetzter tun kann. Indem er sich damit auseinandersetzt und dem Betroffenen eine Rückmeldung gibt, was in der Sache unternommen wurde. Das Schlimmste wäre, wenn der Betroffene das Gefühl hat, es interessiert niemanden und keiner will ihm helfen.

DHZ: Kann der Arbeitgeber auch etwas präventiv tun?

Pawelczack: Natürlich, ein Unternehmer kann beispielsweise Kontakt mit kundigen Stellen aufnehmen und sich beraten lassen, was vielleicht schon als grenzüberschreitend wahrgenommen wird beziehungsweise was als sexuelle Belästigung im Betrieb aufgenommen werden könnte. Je nachdem wie er selbst sozialisiert wurde oder was sein persönlicher Hintergrund ist, hat er vielleicht ein ganz anderes Verständnis von diesem Thema als seine Mitarbeiter. Das könnte ein erster Schritt sein. Das Thema könnte der Unternehmer einfach mal ohne Anlass im Betrieb ansprechen und präventiv seinen Mitarbeitern sagen: Hört mal her, wenn einer Nein sagt, dann heißt das auch Nein.

DHZ: Und Betroffene – sie sollten sich auf jeden Fall wehren?

Pawelczack: Man muss sich wehren, denn was wäre die Alternative? Wenn sich Betroffene nicht wehren – wie auch immer das aussieht – ist die Alternative, dass sie weiter leiden und sich nichts verändert. Dann ist programmiert, dass sie als Arbeitskraft für den Betrieb ausfallen, weil sie es nicht mehr aushalten oder dass sie psychisch so stark erkranken, dass sie nicht mehr arbeiten können. Runterschlucken und weitermachen ist weder im Sinne eines Unternehmens und schon gar nicht im Sinne der Betroffenen.