Großbaustelle auf dem 120.000 Quadratmeter großen Areal im Frankfurter Ostend Beim Neubau der EZB hilft Erfahrung mit Kirchensanierungen

Bagger heben Erde aus, Kräne hieven schweres Gerät nach oben, überdimensionale Bohrer machen einen Heidenlärm: Die Großbaustelle für das neue Domizil der Europäischen Zentralbank (EZB) im Ostend von Frankfurt am Main sollte man besser nur mit Helm und Schutzweste betreten. Auf einer Fläche von rund 120.000 Quadratmetern haben die Bauarbeiter und Ingenieure ein Mammutprojekt zu stemmen.

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Beim Neubau der EZB hilft Erfahrung mit Kirchensanierungen

Frankfurt/Main (dapd-hes). Bagger heben Erde aus, Kräne hieven schweres Gerät nach oben, überdimensionale Bohrer machen einen Heidenlärm: Die Großbaustelle für das neue Domizil der Europäischen Zentralbank (EZB) im Ostend von Frankfurt am Main sollte man besser nur mit Helm und Schutzweste betreten. Auf einer Fläche von rund 120.000 Quadratmetern haben die Bauarbeiter und Ingenieure ein Mammutprojekt zu stemmen.

Sie müssen nicht nur zwei moderne, ineinander verschlungene und 185 Meter hohe Wolkenkratzer mit 2.300 Arbeitsplätzen für die Wächter des Euro errichten. Gleichzeitig haben sie auch noch die nicht minder schwierige Aufgabe, den denkmalgeschützten Backsteinbau der ehemaligen Frankfurter Großmarkthalle zu sanieren und in das Projekt einzubeziehen. Und zum Dritten kommt noch die Einrichtung einer Gedenkstätte an der Stelle des Areals hinzu, von der in der NS-Zeit die Juden von der Großmarkthalle aus mit Zügen in die Konzentrationslager gekarrt wurden.

Vom Backsteinbau der Großmarkthalle steht im Augenblick nur noch die Betonhülle mit Teilen des Deckengewölbes. Der historische Bau soll den Eingangsbereich der neuen EZB-Zentrale bilden, aber unter anderem auch das Pressezentrum und die Konferenzräume der Bank aufnehmen. Nun hat sich aber herausgestellt, dass das Mauerwerk recht porös und auch die Betonstreben nur noch bedingt tragfähig sind. Also hat der bei der EZB für den gesamten Neubau zuständige Projektmanager Thomas Rinderspacher eine Fachfirma gesucht, die das Kunststück fertigbringen muss, Belange des Denkmalschutzes mit den Interessen der Bank und ihres Neubaus in Einklang zu bringen.

Gefunden hat er sie in dem nordhessischen Unternehmen Torkret, das unter anderem auf die Sanierung von Kirchenbauten spezialisiert ist: Erfahrungen, die ihr auch an der Großmarkthalle zugute kommen, wo etwa die alten Backsteine ebenfalls nur von Hand verfugt werden können. Immerhin ist ein kleines Stück Fassade schon restauriert worden, und selbst die beiden zur Probe eingesetzten Fenster sind auch bei der Farbe des Rahmens ganz originalgetreu nach dem historischen Vorbild gestaltet worden, obwohl natürlich die neuesten Standards etwa bei der Schalldämmung zu beachten sind. Den Auftrag dafür hat übrigens eine chinesische Firma erhalten. "Aber die Qualität ist erstklassig", versichert EZB-Projektleiter Rinderspacher bei der Baustellenbesichtigung vor Ort.

Übereinstimmend schildern er und Andrea Hampel vom Amt für Denkmalschutz der Stadt Frankfurt, dass beide Seiten immer bemüht sind, zu gemeinsam tragfähigen Kompromissen zu kommen. "Wir kommen den Denkmalschutz entgegen, und manchmal auch er uns", berichtet er. Immerhin zeigt sich die Vertreterin des Denkmalamts mit der Bauentwicklung an der Großmarkthalle "sehr zufrieden". Der Streit um die Erhaltung des Baus von Martin Elsässer aus dem Jahr 1926 scheint vergessen.

Mitten auf dem Gelände der für den Neubau allerdings jetzt in zwei Teile zerrissenen Halle sind derweil die Arbeiten für das Fundament in vollem Gange. Allein an dieser Stelle mussten 99 Bohrpfähle in den Boden gerammt werden, um dann die bis zu vier Meter dicken Bodenplatten in Beton zu gießen. Auch die Arbeiten für den ersten Hochhausturm haben direkt neben der Historischen Großmarkthalle schon begonnen, der Rohbau reicht bereits bis zum ersten Stock. Jeden Tag werden zudem an die 3.500 Kubikmeter Grundwasser abgepumpt, gereinigt und dann in den Main geleitet. "Wenn die Bodenarbeiten abgeschlossen sind, wird sich der Grundwasserspiegel schnell wieder normalisieren", versichert Rinderspacher.

Zurzeit sind 250 bis 280 Arbeiter auf der Baustelle tätig, in der Hauptbauzeit werden es bis zu 1.000 sein. Bis dahin soll auch eine Art Fitnessstudio auf dem Gelände fertig sein, wo sie abends mit Pilates und ähnlichem einen Ausgleich für das schwere Tageswerk suchen können. Die beiden Hochhaustürme sollen in zwei Jahren so weit fertig sein, dass sie als weithin sichtbares Zeichen der für die Stabilität des Euro verantwortlichen Zentralbank erkennbar sind. Bezugsfertig wird der Neubau der EZB 2014 sein, wenn auch alle Installations- und Innenarbeiten abgeschlossen sind.

Bis dahin sollen auch die Rampe, die Schienen und das beleuchtete Mahnmal zu Erinnerung an den Abtransport der Juden in der Nazi-Zeit fertig sein. Sie entstehen an genau der Stelle auf der Ostseite des Areals, wo die Deportationen seinerzeit begannen. Die Pläne dafür hatte kürzlich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet persönlich zusammen mit der Oberbürgermeisterin vorgestellt. Den Neubau aber wird in drei Jahren sein Nachfolger eröffnen. Trichet geht Endes des Jahres in den Ruhestand.

dapd