Wolfgang Bachmann, der ehemalige Präsident der Handwerkskammer Erfurt, erinnert sich an den Herbst 1989.
Bei jeder Demo dabei
Der Herbst 1989 wird dem Handwerk im Kammerbezirk Erfurt ewig im Gedächtnis bleiben. Wir forderten auf den Handwerkerberatungen und Obermeistertagungen bereits im Spätsommer unbedingte Veränderungen im DDR-System. Wir nahmen an jeder Donnerstagdemo in Erfurt auf dem Domplatz teil, verschiedene Kollegen ergriffen dort das Wort.
Ich selbst war Bezirksobermeister im Elektrohandwerk im Bezirk Erfurt. Am 24. Oktober führte ich eine Obermeistertagung Elektro durch. Dort wurde ein Forderungsprogramm von 40 Punkten zur Veränderung im Handwerk der DDR aufgestellt. 14 Tage später fiel die Mauer und unser Programm wurde von vielen anderen Kollegen als Leitfaden verwendet. Alle Bezirksobermeister sämtlicher Berufe forderten den Rücktritt des HWK-Vorsitzenden und der alten Vorstände. Es wurde die Abschaffung der Repressalien und Einschränkungen gefordert.
Wir besorgten uns die "Deutsche Handwerksordnung" und nahmen uns ein gut funktionierendes Gesetz als Vorbild. Es wurde festgelegt, dass ein neuer Vorstand zu wählen ist, der sich aus allen Kreishandwerkerschaften und möglichst vielen Berufsgruppen zusammensetzt.
Am 20. Dezember 1989 trafen sich die 22 in freier, geheimer Wahl gewählten Vorstandsmitglieder in der HWK Erfurt, um über die Zukunft zu entscheiden. Ich wurde als Präsident vorgeschlagen und einstimmig gewählt.
Das war ein unbeschreibliches Gefühl, ohne damit gerechnet zu haben, in diese große Verantwortung genommen zu werden. Aber ich habe mich dieser Verantwortung gestellt. Ich war der erste frei gewählte Präsident im Handwerk in den neuen Bundesländern. Damals wusste keiner, ob unsere Bemühungen Erfolg haben oder ob evtl. alles zurückschlägt. Ich war mir dieses Risikos bewusst, habe aber nach vorn geschaut.
Wichtig für uns waren die sofortigen engen Kontakte vor allem mit den Handwerkern in Mainz und Kassel. Die Unterstützung des westdeutschen Handwerks für uns war einer der wesentlichen Punkte, weshalb wir es als Allererste geschafft haben, uns in dem neuen System zu etablieren. Für uns waren fast alle Dinge neu, sämtliche Gesetze und Verordnungen waren unbekannt. Da war viel Hilfe nötig und sie wurde gerne angenommen.
Deshalb gilt heute mein besonderer Dank, aber auch der Dank aller Thüringer Handwerker, den Helfern der ersten Stunde.