TV-Kritik: Dokumentation "Handwerker gesucht" im MDR Bei der Fachkräftegewinnung zählt der Mut zum Wandel

Die Problemlage ist sattsam bekannt: Dem Handwerk fehlen Fachkräfte und Auszubildende, Betriebe machen dicht, weil kein Nachfolger in Sicht ist, und obendrein zehrt die Bürokratie an den Nerven. Was sind die Ursachen? Und was schafft Abhilfe? Die MDR-Dokumentation "Handwerker gesucht" warf einen umfassenden und differenzierten Blick auf die Branche und ihre Probleme und zeigte Lösungsmöglichkeiten auf.

Markus Riedl

Eine der größten Herausforderungen für das Handwerk ist der Fachkräftemangel. Die MDR-Dokumentation "Handwerker gesucht“ zeigte Lösungsmöglichkeiten auf. - © vulcanus - stock.adobe.com

Fast schon wehmütig blickt Thomas Queck in das Fotoalbum, das doch eigentlich den ganzen Stolz zeigt, den er für seinen Beruf empfindet. Der Maurermeister aus Hundshübel in der Nähe von Zwickau hat darin den Bau eines Fachwerkhauses vor einigen Jahren dokumentiert. Es sind Fotos von fröhlichen Menschen beim Richtfest darin, Aufnahmen vom Baufortschritt. "Mein Anspruch ist es, dass der Bauherr sagt, mit euch würde ich jederzeit wieder bauen", sagt Queck. Seinen Betrieb, und daher kommt der Wehmut mit Blick auf vergangene Zeiten, wird er aber nach eigener Aussage nicht übergeben können, seine beiden Töchter arbeiten in anderen Branchen. Das Lebenswerk, es ist bedroht: "Dann werde ich eines Tages wahrscheinlich einfach zumachen - und das war‘s."

So wie Thomas Queck geht es vielen Handwerkern, gerade in kleineren Betrieben, das wird in der MDR-Dokumentation "Handwerker gesucht" ganz deutlich. Auch Fleischermeisterin Susann Bergmann aus dem sächsischen Freiberg kann ein Lied von den Schwierigkeiten mit dem Nachwuchs singen - auch ganz persönlich. Ihr Sohn kann sich jedenfalls eine Selbstständigkeit nicht vorstellen. "Meine Mutti hatte nie Zeit für mich, es war immer so stressig", sagt er. Also auch hier: Kein Nachfolger in Sicht. Und auch wenn Susann Bergmanns Vater Werner noch jeden Donnerstag am Grill steht und die Fahne des Familienbetriebs hochhält, so betreibt die Fleischermeisterin doch die letzte Fleischerei mit eigener Herstellung in dem sächsischen Ort. Die Lebensmittelindustrie ist stark und drückt die Preise - da wird es eng für kleine Handwerksbetriebe, die nicht nur Probleme haben, Nachfolger für den Chefposten, sondern generell qualifizierten Nachwuchs zu finden.

Die jungen Leute streben nicht gerade ins Handwerk. Jede zehnte Ausbildungsstelle blieb laut der in der Doku eingespielten Zahlen des ZDH im Jahr 2017 unbesetzt. "Die Frust-Toleranz der Jugendlichen scheint abzunehmen", konstatiert Jörg Dittrich, Präsident der Handwerkskammer Dresden und Präsidiumsmitglied des ZDH. Doch gibt es neben dem Umstand, dass viele junge Leute heute nicht mehr hart und schon gar nicht körperlich arbeiten möchten, noch weitere Gründe? Und wie wird man dieser Misere Herr?

Stolz sein, auf das, was man geschafft hat

Kilian Bizer, Professor für Mittelstandsforschung an der Uni Göttingen, forscht im Bereich des Handwerks und bietet eine Lösung an, die wohl Mut zum Wandel bedeutet: "Die Jugendlichen leben heute in einer Welt voller Optionen. Das Handwerk muss deutlich machen, welche besonderen Qualitäten in den Berufen bestehen, worin die Könnerschaft besteht und wie man in den Berufen Glück erfahren kann." Es gebe immer noch den Ruf, dass gerade Azubis im ersten Lehrjahr nur Getränke holen und fegen dürften, und das komme heute nicht mehr gut an.

Und die Praxis? Im Jahrgang des Azubis von Heizungsbauer Bela Fritzsche aus Heidenau haben 50 Prozent der jungen Leute die Ausbildung abgebrochen. Doch er hat sich beholfen, indem er etwa einen jungen Mann, dessen schulische Leistungen eigentlich nicht ausgereicht hätten, nach einem Praktikum doch als Lehrling anstellt. Der Heizungsbauer ist pragmatisch, wenn es um die Nachwuchsgewinnung geht: "Ein Heizkörper läuft nicht von alleine die Treppen hoch, da brauche ich keine 10. Klasse oder Abitur. Zu meiner Zeit hieß das Teilfacharbeiter." Mit seinem Azubi kommt er gut zurecht. Dass es sowohl bei der Unternehmensnachfolge als auch bei der Gewinnung von qualifiziertem Nachwuchs gut klappen kann, zeigen auch zwei weitere Fälle. Bei Elektro Hausmann in Schneeberg im Erzgebirge ging die Firma 2017 von Vater Harald auf Sohn Jörg über - 28 Mitarbeiter inklusive. Der Übergang war gut geplant und funktionierte deshalb. Und bei den Crottendorfer Tischlern, ebenfalls im Erzgebirge, gelingt Nachwuchsgewinnung etwa über Ferienjobs und ein gutes Betriebsklima.

Dafür, und so rundet der MDR die Doku gekonnt ab, kämpfen die Geschäftsführer Bernd Frunzke und Kay Viehweg mit den Tücken der Bürokratie. Ob Gewerbeabfallverordnung, Mautpflicht, Datenschutz-Grundverordnung, Zulieferungen für amtliche Statistiken oder detaillierte Arbeitszeitnachweise, der Aufwand werde immer größer und sei kaum noch nachvollziehbar, erklären die beiden Firmenchefs - und HWK-Präsident Dittrich wird deutlich: "Wir haben für jeden Kram eine Vorschrift und der Handwerksmeister weiß, dass er nicht jede Vorschrift einhalten kann, weil sie sich teilweise widersprechen oder so kompliziert sind, dass er sie nicht einhalten kann." So sei das System durch das Streben nach Gerechtigkeit so kompliziert geworden, dass es gleichzeitig auch ungerecht geworden sei. Und dennoch: Den Stolz auf das, was sie jeden Tag mit ihren Händen schaffen, lassen sich die Crottendorfer Tischler nicht nehmen. Sie zeigen stolz Fotos ihrer Werke, die sie für Firmen in ganz Deutschland geschaffen haben.

Und so endete die ausgewogene Dokumentation, deren großes Verdienst der umfassende und differenzierte Blick auf das Handwerk war, doch noch versöhnlich mit einem Appell, dem nichts hinzuzufügen ist: "Handwerk wird sicher weiterleben. Doch es gilt für die Politik, rasch zu handeln, für das Handwerk, sich mutig zu wandeln, und für die nächste Generation, etwas zu wagen."

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