Immer weniger Nachwuchskräfte, immer mehr Handwerker im Ruhestand und immer mehr Patienten. Was die Demografie für die Gesundheitshandwerke bedeutet.

Keine Handwerksgruppe spürt den demografischen Wandel deutlicher als die Gesundheitshandwerke. Beispiel Hörakustik: 2014 versorgte die Branche ihre Patienten mit 1,2 Millionen Hörsystemen, 2024 waren es 1,6 Millionen. "In fünf Jahren wird das Hörakustiker-Handwerk zwei Millionen Hörsysteme pro Jahr anpassen", rechnet Eberhard Schmidt, Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker.
Gesundheitshandwerke von Kopf bis Fuß
Bei den Orthopädie-Schuhtechnikern haben sich durch die Alterung der Gesellschaft die Kunden deutlich verändert. Früher seien vor allem Menschen mit angeborenen Fußdeformitäten oder posttraumatischen Beschwerden versorgt worden, erklärt Bernd Rosin-Lampertius, Vizepräsident des Spitzenverbands Orthopädie-Schuhtechnik.
Doch Krankheiten wie Arthrose, Diabetes und Durchblutungsstörungen können auch zu Schädigungen am Fuß führen. Entsprechend suchen heute vermehrt Ältere die Betriebe auf, um mit Einlagen, orthopädischen Zurichtungen der Schuhe oder durch orthopädische Schuhe Schmerzen zu lindern und ihre Mobilität zu erhalten. "Auch viele ältere Arbeitnehmer leiden unter Fußproblemen und anderen orthopädischen Beschwerden, die ihre Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen können", ergänzt Rosin-Lampertius.
Fachkräftemangel in Gesundheitshandwerken
In deutlichem Widerspruch zum wachsenden Bedarf an Gesundheitshandwerkern steht die Entwicklung der Fachkräfte. "Der Bedarf an Hilfsmitteln steigt rasant, während gleichzeitig immer weniger Fachkräfte zur Verfügung stehen", warnt Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbands für Orthopädie-Technik. In seiner Branche sei der Fachkräftemangel schlimmer als in der Pflege. Auf hundert offene Stellen kommen 16 Fachkräfte. Um so schlimmer wirke sich die extreme Bürokratie im Gesundheitswesen aus. "Über 30 Prozent der gesamten Arbeitszeit in Sanitätshäusern und orthopädietechnischen Werkstätten entfallen auf administrative Aufgaben", so Reuter.
Orthopädie-Schuhtechniker ohne Nachfolger
Ein weiteres Thema ist das Alter der Inhaber. Das Gros der Betriebsleiter in der Orthopädie-Schuhtechnik gehört zur Generation der Baby-Boomer. "Diese werden in den nächsten Jahren ihre Betriebe veräußern wollen. Dem wird eine deutlich geringere Zahl potenzieller Käufer gegenüberstehen", so Rosin-Lampertius.
Das habe mehr als nur demografische Gründe. Die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen, sei gesunken. Auch die Rahmenbedingungen, insbesondere die Abhängigkeit von den Krankenkassen, mache die Nachwuchswerbung schwierig. "Damit die Betriebe wettbewerbsfähige Gehälter zahlen können, sind sie darauf angewiesen, dass sich das in den Vergütungssätzen der Kassen widerspiegelt", so Rosin-Lampertius.
Zumindest die Hörakustik freut sich über steigende Auszubildendenzahlen. In den vergangenen Jahren hatte in der Branche die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze laut Bundesinstitut für Berufsbildung zwischen 25 und 30 Prozent gelegen. Aktuell liegt die Ausbildungsquote bei 20 Prozent, ein Spitzenplatz in der deutschen Wirtschaft.
Be- und Entlastung durch Digitalisierung
Teilweise lässt sich der Personalmangel durch Digitalisierung und technische Innovationen wie 3D-Scan oder 3D-Druck abfedern. Hörakustiker und die Orthopädiehandwerker sind hier weit fortgeschritten. Derzeit läuft die Umstellung auf eVerordnungen an, was langfristig ebenfalls entlasten wird. "In der Phase des Übergangs aber kommen auf die Betriebe nicht unerhebliche Investitionen in Hard- und Software zu", stellt Rosin-Lampertius fest.
"Durch technologische Innovationen, gezielte Nachwuchsförderung und den entschlossenen Einsatz für bessere Rahmenbedingungen arbeiten wir daran, die Versorgung auch in Zukunft sicherzustellen", fasst Alf Reuter die Lage der Gesundheitshandwerke zusammen. "Entscheidend wird sein, dass Politik und Kostenträger diese Bemühungen aktiv unterstützen."