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Investitionen in Immobilien Bauwirtschaft: Krise nach Corona-Krise droht

Im Vergleich zu anderen Branchen im Handwerk stehen die Betriebe des Bau- und Ausbaugewerbes noch gut da. Viele Unternehmer haben weiter alle Hände voll zu tun. Doch das könnte sich bald ändern.

Die Corona-Krise hat das gesamte Handwerk erfasst und die wirtschaftlichen Einschnitte sind rundum tiefgreifend. Das untermauert die zweite Befragung des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) seit dem Ausbruch der Krise. Demnach hat sich die Situation zum Befragungszeitpunkt April gegenüber der Befragung im März kaum verändert. 74 Prozent der 2.750 befragten Unternehmen verzeichnen weiterhin coronabedingte Umsatzrückgänge (zuvor 77 Prozent). Im Durchschnitt ist der Umsatz mit 55 Prozent um mehr als die Hälfte eingebrochen (zuvor 53 Prozent).

Doch die Studie zeigt auch, dass nicht alle Branchen in gleichem Maß unter der Krise leiden. Während es die Kfz-, Gesundheits- und persönlichen Dienstleistungshandwerke besonders hart trifft, scheint das Bau- und Ausbaugewerbe auf den ersten Blick noch relativ glimpflich durch die Krise zu kommen. Zumindest deuten darauf die Zahlen des ZDH hin. Demnach sind im Bauhauptgewerbe 45 Prozent und im Ausbaugewerbe 69 Prozent der Betriebe von Umsatzrückgängen betroffen. Das sind die niedrigsten Werte aller befragten Branchen. Auch der Rückgang des Gesamtumsatzes (40 bzw. 44 Prozent) und der Anteil der Stornierungen am gesamten Auftragsbestand (jeweils 34 Prozent) fallen bei den Bau- und Ausbaubetrieben verhältnismäßig gering aus.

Doch wie nehmen die einzelnen Betriebe die Krise wirklich wahr und welche Auswirkungen sind im Geschäftsalltag spürbar? Die DHZ hat dazu drei Unternehmen verschiedener Größen befragt – eine Soloselbstständige, einen kleineren Betrieb und eine mittelständische Baufirma.

Kurzarbeit und Finanzhilfen für Dachdecker kein Thema

Jan Freitag ist Dachdeckermeister aus Saalfeld/Saale in Thüringen. Der Geschäftsführer der Scheidig Dach GmbH mit 10 Mitarbeitern und drei Lehrlingen macht sich keine großen Sorgen um die Zukunft. "Wir spüren bisher gar keine Auswirkungen der Krise", sagt Freitag. Der Dachdeckerbetrieb habe den Vorteil, dass die Mitarbeiter an der frischen Luft arbeiten, während andere Gewerke direkt zum Kunden ins Haus müssten. "Deshalb lassen uns die Kunden weiter zu ihnen kommen", berichtet Freitag. Die Auftragsbücher seien voll, so dass weder Kurzarbeit ein Thema ist, noch der Zugriff auf die verfügbaren finanziellen Soforthilfen. "Wir arbeiten jetzt viele Aufträge ab, die bereits vor der Corona-Krise eingegangen sind. Aber es kommen auch neue Aufträge für die nächsten Monate rein." Die kleineren Einschränkungen durch die Corona-Auflagen – wie etwa die Vorgabe, dass nicht mehrere Mitarbeiter in einem Auto zur Baustelle fahren dürfen oder die Sicherheitsabstände auf dem Dach – ließen sich problemlos berücksichtigen, so Freitag weiter. Das einzige, dass ihn etwas sorgt, ist ein möglicher Engpass beim Material. Wenn die Lieferungen aus dem Ausland nicht mehr kämen, würden auch wir ein Problem bekommen, sagt der Dachdecker.

Auch Soloselbstständige um Engpässe beim Material besorgt

Ganz ähnlich beurteilt Karina Lohbrunner ihre aktuelle Situation. Die Schreinermeisterin aus dem Allgäu, die auf den Einbau normgerechter Baufertigteile von Zimmertüren und Fenstern spezialisiert ist, zählt zu den zahlreichen Soloselbstständigen im Handwerk. Bei einem ihrer aktuellen Aufträge könnte es wegen fehlendem Material zu Verzögerungen kommen. Ein Lieferant aus Österreich für die Herstellung von handgemachten Schalungsbrettern aus Altholz hat im Zuge der Corona-Krise einen Produktionsstopp. Das Holz wird eigentlich für den Aufbau eines Dachstuhls benötigt. Sie ist zwar nicht direkt von dem Problem betroffen, aber ein Kollege von ihr auf der Baustelle. "Die Gewerke arbeiten Hand in Hand. Ich kann erst dann meinen Auftrag erledigen, nachdem der Kollege mit seinen Arbeiten fertig ist", erklärt Lohbrunner das Problem.

Am Ende könnte sich die Fertigstellung für den Kunden verzögern. Von dem Einzelfall abgesehen, ist die Schreinermeisterin aber optimistisch, gut durch die Krise zu kommen. "Ich bin mindestens für die nächsten zwei Monate komplett ausgelastet." Bei den größeren Aufträgen gebe es bisher keine Stornierungen. "Es sind eher die kleinen und nicht zeitkritischen Reparaturen, bei denen die Kunden mal um einen Aufschub bitten", sagt Lohbrunner. Dabei ginge es den Kunden eher um die Vermeidung einer Ansteckung als um wirtschaftliche Überlegungen. Auch von ihren Kollegen hört sie keine großen Klagen. Regelmäßig tauscht sie sich über eine Gruppe bei WhatsApp mit anderen Absolventen der Meisterschule aus. "Da gibt es bisher nur einen, der einen Monat keine Arbeit hatte. Sonst sind alle voll beschäftigt."

Mitarbeiter betrachten Arbeiten als Privileg

Etwas vorsichtiger bewertet Wolfgang Schubert-Raab die aktuelle Situation. Er ist Geschäftsführer der Raab Baugesellschaft im oberfränkischen Ebensfeld und beschäftigt rund 220 Mitarbeiter. Damit zählt seine Firma zu den größeren Mittelständlern im Handwerk. Zudem ist Schubert-Raab Präsident der Bayerischen Baugewerbeverbände. "Die Arbeiten auf unseren Baustellen können momentan durchgeführt werden. Allerdings ist die Umsetzung der Hygienevorschriften eine Herausforderung", sagt er. Fahrten zu Baustellen müssten in separaten Bussen oder mit privaten Fahrzeugen organisiert werden. Zudem bedürfe es viel Organisationstalent, um die getrennten Pausen der Mitarbeiter umzusetzen. "Es gibt auch viele Fragen der Mitarbeiter zur gesamten Corona-Thematik. Das kostet auch seine Zeit und lässt die Produktivität sinken", erklärt Raab.

Gleichzeitig betont der Bauunternehmer, dass alle Mitarbeiter heilfroh sind, dass sie in diesen Zeiten arbeiten dürfen. Es werde als Privileg wahrgenommen, zur Arbeit zu gehen, Geld zu verdienen und nicht untätig zu Hause sitzen zu müssen. Die Mitarbeiter verhielten sich auch sehr verantwortungsbewusst und würden die Hygienevorschriften konsequent beachten. Was die Auftragslage betrifft, nimmt Schubert-Raab eine gewisse Zurückhaltung im privaten Bereich wahr. "Wir hoffen nun, dass die Aufträge der öffentlichen Hand nicht zurückgehalten werden. Auf diese sind unsere Betriebe angewiesen."

Insgesamt ist Schubert-Raab mit dem Krisenmanagement der Regierung und den zuständigen Behörden hochzufrieden. "Es wird alles zum Schutz unserer Mitarbeiter und zur Existenzsicherung der Unternehmen getan. Die Hilfe ist fast schon fürsorglich", sagt Schubert-Raab. Das müsse man anerkennend feststellen und es mache Mut für die Zukunft. Er habe die Hoffnung, dass von dieser Arbeitsfähigkeit und Entschlossenheit auch nach der Krise etwas erhalten bleibt.

Zentralverband warnt vor Eintrübung in ein paar Monaten

Differenziert betrachtet auch der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) die Situation der Betriebe in der Corona-Krise. "Zwar steht der Bau im Vergleich zu manch anderer Branche besser da, aber jede Baustelle ist gesondert zu betrachten. Ein Pauschalurteil ist nicht möglich", heißt es vom ZDB. Teilweise käme es zu Störungen in der Bautätigkeit und es würde Materialengpässe, etwa bei Lieferungen aus Italien, geben. Ausländische Subunternehmer und Entsendearbeitnehmer seien auf den Baustellen dringend benötigt, um Arbeiten termingerecht durchführen zu können. Zudem seien manche Mitarbeiter wegen Corona-Infektionen oder Infektionen im Umfeld unter Quarantäne gestellt und würden den Betrieben fehlen.

Weiterhin bemerkt der ZDB, dass es zum Teil zu Auftragsstornierungen kommt. Das betreffe etwa Wohnungsbaugesellschaften aber auch private Bauherren, die in der aktuellen Situation keine Handwerker mehr ins Haus lassen, um die Ansteckungsgefahr zu senken. Rechnungen würden zudem vermehrt schlechter bezahlt.

Der ZDB betont, dass es zu einer nachgelagerten wirtschaftlichen Eintrübung kommen könnte, die sich erst in ein paar Monaten bei den Betrieben niederschlägt, sobald die aktuellen Aufträge abgearbeitet sind. "Deshalb ist es jetzt wichtig, dass die Politik positive Signale aussendet. Fehlender Optimismus verhindert wichtige Investitionen – sei es im privaten oder im geschäftlichen Bereich." Es sei unverzichtbar, dass die Investitionstätigkeit nicht abbricht. "Hier ist die öffentliche Hand gefragt, weiterhin Aufträge auszuschreiben", betont der Verband. Wenn dies gelinge, könnte die Branche halbwegs gut durch die Krise kommen.

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