Plätzchen gegen die Pleite Baustelle vor dem Betrieb: Kreative Lösungen gefragt

Eine große Baustelle vor der Haustür schottet einen an sich guten Wirtschaftsstandort im Nu von der Außenwelt ab. Unternehmen, die auf eine hohe Kundenfrequenz angewiesen sind, können das nur schwer abfangen. Wie Sie die Durststrecke am besten überwinden.

Barbara Oberst

Konditormeister Georg Stark hat für die Sanierung seiner Straße teuer bezahlt. Er kämpft ums wirtschaftliche Überleben. - © Maik Reuß

Im September 2014 gab Konditormeister Georg Stark klein bei. Er war pleite. 20 Monate lang hatte eine Baustelle in seiner Straße in Bad Nauheim den Verkehr ausgebremst. "50 Prozent unserer Kunden kommen mit dem Auto, die sind in der Zeit weggeblieben", stellt der Chef des "Café Bienenkorb" fest. Die Löhne seiner 26 Mitarbeiter musste er trotzdem bezahlen, Strom, Gas, Wasser und Versicherungen ebenso. Auch Nowak und Peichl, das Elektrogeschäft schräg gegenüber, litt bitter: "Wir hatten in der Zeit 250.000 Euro Umsatzverlust", rechnen Radio- und Fernsehtechnikermeister Arnold Peichl und seine Frau Klara. Vorausschauend hatten sie schon Rücklagen für diese Zeit gebildet.

Rechtlich kaum eine Handhabe

Eine große Baustelle vor der Haustür schottet einen an sich guten Wirtschaftsstandort im Nu von der Außenwelt ab. Unternehmen, die auf eine hohe Kundenfrequenz angewiesen sind, können das nur schwer abfangen. Im Handwerk sind Bäcker, Konditoren und Fleischer am häufigsten betroffen, aber auch andere Branchen kennen das Problem. Rechtlich haben Betroffene kaum eine Handhabe: Entschädigungen fließen nur selten, die Möglichkeit, die Grundsteuer nach § 33 Grundsteuergesetz oder die Gewerbesteuer zu kürzen, ist höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein.

Letztlich hilft nur Eigeninitiative. Das stellte auch Fleischermeister Ralf Gombert fest. Zehn Jahre ist es nun her, dass sein Heimatdorf Dagobertshausen in Nordhessen einen neuen Kanal bekam. An allen Ortseingängen warnten Schilder, dass die Durchfahrt verboten sei, nur Anlieger durften bis zur Baustelle fahren – ein Jahr lang. "Unser Ladengeschäft kam vollkommen zum Erliegen", erklärt Gombert. Aus der Not machte der Unternehmer eine Tugend. Er investierte 25.000 Euro, richtete im Nachbarort einen Verkaufsraum ein und betreibt diesen bis heute mit Erfolg.

Mit der Kommune am Tisch

Kreative Ideen, vor allem aber eine gute Kommunikation sind die wichtigsten Maßnahmen, um die Einbußen durch eine Baustelle möglichst klein zu halten. Stefan Burger, Leiter der Abteilung Betriebsberatung der Handwerkskammer für München und Oberbayern, trifft sich immer zu Jahresbeginn mit der Münchener Baustellenkoordinierung, um alle geplanten Großbaustellen abzusprechen. "Seit 15 Jahren machen wir das und es hat sich äußerst bewährt."

Betroffene Betriebe werden vorab informiert und jeder kann anmelden, wann er beispielsweise wichtige Lieferungen erwartet oder einen Haltepunkt vor dem Haus braucht. "Natürlich kriegen wir damit nicht alle Probleme in den Griff. Aber man kann viel abfangen", betont Burger.

Während der Bauphase empfiehlt er Unternehmern, sich wöchentlich mit dem Bauverantwortlichen zu besprechen. "Hier kann man alle Probleme gemeinsam durchgehen, zusammenhelfen, das ist Gold wert", beobachtet Burger.

Wie viel eine gute Gemeinschaft ausgleichen kann, hat auch Konditor Stark erfahren. Als er mit seinem Problem an die Öffentlichkeit ging, setzten sich Gewerbetreibende aus Bad Nauheim für ihn ein. "Ein Einzelhändler kaufte vor Weihnachten Plätzchen in großem Stil von mir und verschenkte sie als Werbegeschenk an gute Kunden", erzählt Stark begeistert. Die Idee fand Nachahmer, immer weitere Aktionen kurbelten das Geschäft an. Stark hofft, dass er seinen Betrieb nun aus eigener Kraft sanieren darf und nicht an einen Investor verkauft wird. Denn im Café Bienenkorb brummt es wieder.

Baustellen-Checkliste

  • Planung: Vorausschauend planen und mit Baustellenverantwortlichen besprechen: Wann muss der Zugang zum Unternehmen unbedingt frei sein?
  • Beschilderung: Können Hinweise auf das eigene Unternehmen aufgestellt werden?
  • Parkplätze: Alternativen finden und Kunden darüber informieren.
  • Werbung: Wo kann der Unternehmer zusätzlich Werbung anbringen?
  • Wenn der Umsatz zu stark einbricht: Ist ein Marktstand oder eine vorübergehende Zweigfiliale eine Option?
  • Aktionen: Baustellenpreise, Sonderaktionen oder Patenschaften mit anderen Unternehmen helfen, Umsatzeinbußen zu reduzieren.
  • Nach Abschluss der Bauarbeiten: Ein Wiedereröffnungsfest, am besten gemeinsam mit anderen Unternehmern der Straße, holt alte Kunden zurück und lockt neue an.