Das Holzbauunternehmen Baufritz liefert mit seinem Projekt "Haussicht" Denkanstöße zum Wohnen in der Zukunft. Viele Ideen stammen vom Schweizer Designer Alfredo Häberli.
Ulrich Steudel

Tradition muss nicht mit einem Rückblick gefeiert werden. Der Allgäuer Holzbauspezialist Baufritz präsentierte zum 120-jährigen Firmenjubiläum seine Vision vom Wohnen kommender Generationen. Dafür durfte der Schweizer Alfredo Häberli seiner Kreativität freien Lauf lassen, denn als Designer konnte er seine Ideen befreit von den Denkschranken eines Architekten entwickeln.
Das Ergebnis heißt "Haussicht", ein Ensemble aus zwei Gebäuden mit kleinem See, das direkt an der Autobahn A 96 bei Erkheim von der Zukunft zeugt.
Wen die futuristische Hülle der Häuser an ein Schiff erinnert, der liegt nicht falsch. Ursprünglich sollte das Vorhaben auf einem Grundstück am Bodensee eine Landmarke setzen, aber es fehlte die Aussicht auf Genehmigung. Baufritz-Chefin Dagmar Fritz-Kramer holte das Prestigeobjekt an den Sitz ihres Unternehmens ins Unterallgäu, wo der kreative Entstehungsprozess weitere Impulse bekam.
Flaggschiff und Stöckli hat Alfredo Häberli seine Bauwerke getauft. Die Idee der Zweiteilung in ein großes Haupt- und ein kleineres Nebengebäude verbindet Nähe und Distanz unter den Generationen.
Im Austraghäuschen, wie die Allgäuer zum Stöckli sagen würden, findet sich Platz für die Großeltern, die ihre Kinder in der Nähe wissen wollen, ohne sich zu stark in ihren Alltag zu drängen. Hier können aber auch die flügge werdenden Teenager einziehen, die sich von den Eltern emanzipieren, aber die Bequemlichkeiten von Hotel Mama nicht gänzlich missen möchten. Als Nabelschnur zwischen den Gebäuden, wie zwischen den Generationen, dient eine Brücke zum Balkon des Flaggschiffs, das den Betrachter schon wegen seiner Größe in Erstaunen versetzt.
320 m2 Wohnfläche, verteilt auf zwei Etagen, dazu ein ausladender Balkon, bieten den Bewohnern extrem viel Freiraum. Doch gerade bei einem Ökohauspionier verwundern derartige Dimensionen. Um mögliche Vorwürfe zu entkräften, verweist Dagmar Fritz-Kramer auf ein Vorbild, an dem sich die Unternehmensphilosophie von Baufritz ausrichtet: "Natur heißt Fülle, heißt Überfluss." Für Alfredo Häberli geht es nicht um die Zahl der Quadratmeter. "Es geht um Haltung", so der Designer. Viele seiner Vorschläge ließen sich auch kleiner umsetzen.
Media-Koje steht für üppige Dimensionen
Im Flaggschiff hat der Schweizer die konventionelle Aufteilung eines Hauses auf den Kopf gestellt: unten schlafen, oben wohnen. Dabei spielt der Designer mit der Phantasie der Bewohner, vermeidet es, den Gebrauch von Bauteilen klar zu definieren.
So kann die Wand, die im Erdgeschoss den Eingangsbereich von den Schlafzimmern und Bädern trennt, von beiden Seiten als Schrank benutzt werden. Auch die Türen verstecken sich in diesem Holzelement.
Im Obergeschoss ist es den Statikern von Baufritz gelungen, eine Länge von 15 Metern ohne Säule zu überbrücken, was ein außergewöhnliches Raumgefühl für den 90 m2 großen Koch- und Essbereich erzeugt. Die Lasten werden über die Konstruktion des nach innen geneigten Pultdachs abgefangen. Nichts verkörpert die üppigen Dimensionen des Hauses jedoch mehr als die Media-Koje im Wohnzimmer. Eine Tonne wiegt das mehrstöckige Sofa, das sich trotz des enormen Gewichts ohne Kraftaufwand drehen lässt.
Höchste ökologische Ansprüche
Natürlich wäre "Haussicht" kein Baufritz-Objekt, wenn es nicht an den ökologischen Ansprüchen des Unternehmens ausgerichtet wäre: Naturdämmung aus Hobelspänen, Elektrosmog-Schutzhülle, entmagnetisierte Stahlträger, abgeschirmte Leitungen, flimmerfreies LED-Licht und der Verzicht auf PU-Schäume gehören bei Baufritz zum Standard.
Das Know-how der Heizung versteckt sich unter dem Flaggschiff, wo sich im Sommer ein 600 m3 großer Erdspeicher auf bis zu 25 Grad Celsius erwärmt, gespeist von den Kühldecken im Gebäude und der Hitze, die sich unter den Photovoltaik-Modulen auf dem Blechdach staut. Dieser sogenannte "e-Tank" versorgt die Wärmepumpe, deren Arbeitszahl die Haustechniker von Baufritz mit sieben beziffern. Ob das tatsächlich erreicht werden kann, wird sich nach dem ersten Winter zeigen.
Bei Baufritz möchte man mit "Haussicht" dem ökologischen Holzbau neue Impulse geben. Die Kosten von rund vier Millionen Euro sind vor allem der Entwicklungsarbeit für das Projekt geschuldet. Dass es von Bauherren eins-zu-eins umgesetzt wird, dürfte schon wegen des Preises die Ausnahme bleiben. Gedacht ist es wohl eher als Inspirationsquelle. Das dürfte auch der Intention des Designers entsprechen.
Der Schweizer Designer Alfredo Häberli im Interview
Der Schweizer Designer Alfredo Häberli im Interview
DHZ: Herr Häberli, Sie haben für Baufritz eine Fallstudie für das Wohnen der Zukunft entworfen. Wie wohnen Sie persönlich?
Alfredo Häberli: Ich wohne in einem Haus aus den 50-er Jahren. Das heißt extrem kleine, menschliche Dimensionen. Dieses Haus habe ich mit meiner Frau renoviert. Wir haben das Pultdach in ein Flachdach verwandelt, um mehr Platz zu gewinnen. Außerdem haben wir versucht, die Wärme, die das Haus ausstrahlt, mit viel Holz zu unterstützen. Organische Formen, wie Sie sie im Baufritz-Objekt finden, spielen auch bei unserem Haus eine wichtige Rolle. Ich brauche Statik, aber ich kann Statik auch formschön gestalten.
DHZ: Auf welche Details beim Projekt "Haussicht" sind Sie besonders stolz?
Häberli: Zunächst muss ich sagen, dass das Niveau der Schreinerarbeiten im Haus außerordentlich hoch ist, was an der Küche, dem Entree oder den Kräuterfenstern besonders deutlich wird. Aber alle Gewerke haben hohe Qualität geliefert, denn Handwerk ist auch Metallbearbeitung, das Gießen von Beton oder das Verlegen von Bruchsteinen. Besonders stolz bin ich auf die gelochten Alubleche, die als Sonnenschutz dienen und in den Räumen ein überwältigendes Lichtspiel erzeugen, das abends dann von innen nach draußen wirkt. Ich hatte zwar eine Vorahnung, aber die wird von der Realität sogar noch übertroffen.
DHZ: Sie haben erstmals für einen Holzbauer gearbeitet. Wie wichtig ist Ihnen das Material Holz?
Häberli: Ich glaube, es ist mein Lieblingsmaterial. Aber ich habe auch Glas sehr gern. Als Industriedesigner habe ich sehr viel mit Glas gearbeitet. Weil es durchsichtig ist, verströmt es etwas Magisches. Damit kann man spielen. Das liebe ich. Aber Holz ist das Material, das am schönsten altert. Und man kann sehr viel damit machen. Es dient zur Statik und lässt sich sehr gut bearbeiten. Stahl drechseln ist doch Murks.
DHZ: Wird es weitere Arbeiten im Bereich Bau von Ihnen geben?
Häberli: An sich bin ich sehr gerne Industriedesigner, mache lieber Sachen, die viele Leute täglich in der Hand haben. Aber ich würde mit Baufritz sofort wieder arbeiten. Wir haben zusammen so viel gelernt, dass es schade wäre, das nicht noch einmal einzusetzen. Am liebsten bei meinem Haus, auf das ich gern mein Studio als dritten Stock draufsetzen möchte. So wie das Le Corbusier an der Côte d’Azur gemacht hat.
