Robotik und KI verändern die Arbeit auf der Baustelle grundlegend. Der Mauerwerksroboter WLTR ist einer der ersten im Praxiseinsatz. Er zeigt, wie Automatisierung Prozesse beschleunigt und Handwerker von schwerer körperlicher Arbeit entlastet.

In einer Fertigungshalle in Plattling bewegt sich der Roboterarm im rhythmischen Takt zu einer Palette mit Steinen. Begleitet von einem gleichmäßigen mechanischen Surren greift er die Ziegel, dreht sie in den passenden Winkel, setzt sie behutsam ab und beginnt von neuem.
Ohne Anzeichen von Ermüdung wird im beachtlichen Tempo eine Mauer hochgezogen. Der Roboter zeigt dabei keine Vision von morgen, sondern steht für eine moderne Baustelle von heute. "WLTR", wie der fleißige Arbeiter heißt, ist kein Prototyp, sondern bereits auf einigen Baustellen in Europa anzutreffen.
Helfer für den Handwerker
Roboter wie dieser könnten eine Antwort auf den zunehmenden Personalmangel und explodierende Kosten in der Bauwirtschaft sein. Das Ziel: mehr Tempo und mehr Präzision bei geringerem Aufwand und geringerer körperlicher Belastung. "Der Roboter soll keine Handwerker auf der Baustelle ersetzen, sondern sie bei ihrer Tätigkeit unterstützen", betont Jörg Reinold, Senior Vice President bei Wienerberger, einem Baustoffhersteller aus Österreich.
Entwickelt wurde der Roboter von einem tschechischen Tochterunternehmen gemeinsam mit dem Start-up KM Robotics und dem Tschechischen Institut für Informatik, Robotik und Kybernetik (CIIRC) an der TU Prag. "Das ist die erste kommerzielle Lösung, die direkt auf der Baustelle eigenständig Ziegelmauerwerk fertigen kann", sagt Reinold. Damit bringt das Unternehmen Automatisierung aus den Werkshallen dorthin, wo man mit der Hand arbeitet.
Derzeit wird der Markteintritt des Roboters in Deutschland vorbereitet. Erste Pilotprojekte starten 2026, sobald die Ziegelproduktion hierzulande auf die speziellen Anforderungen angepasst ist. Zertifizierungen und Normen bremsen den Prozess noch, doch die Richtung ist klar: Baustellen sollen planbarer und sicherer werden.
Maschinelle Wahrnehmung erkennt Fehler
Der WLTR arbeitet mit Sensoren und Kameraerkennung. Er überprüft jeden Stein, dokumentiert in Echtzeit die Genauigkeit des Mauerwerks und korrigiert selbsttätig minimale Abweichungen. "Wir erhalten dadurch eine lückenlose Qualitätsdokumentation", erklärt Reinold. Die maschinelle Wahrnehmung – das sogenannte Vision Recognition – liefert die Grundlage für Algorithmen, die den Bauprozess kontinuierlich verbessern. Dabei fließen die Daten des Mauerroboters in ein lernendes System. Genutzt wird maschinelles Lernen, um Bewegungen, Taktung und Mauerverläufe zu optimieren. Vollautonom arbeitet der Roboter jedoch noch nicht, eine geschulte Fachkraft übernimmt die Aufsicht und steuert zentrale Abläufe.
Als "Gamechanger" beschreibt Reinold den Roboter auch für die Gesundheit der Handwerker auf der Baustelle. "Ein Maurer hebt pro Tag bis zu zwei Tonnen Material“, betont er. Das führt zu körperlichem Verschleiß und kann im schlimmsten Fall in eine Berufsunfähigkeit münden. Der WLTR soll diese Belastung deutlich reduzieren. "Im Durchschnitt verrichtet er die Arbeitsleistung von fünf Maurern, benötigt aber nur einen Maschinenführer und eine Hilfskraft", so Reinold. Er soll nicht nur physisch entlasten, sondern dem Facharbeiter gleichzeitig mehr Spielraum für anspruchsvollere Aufgaben auf der Baustelle verschaffen.
Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels – mehr als ein Viertel der gewerblichen Beschäftigten im Baugewerbe sind über 55 Jahre alt – deckt der WLTR einen wichtigen Bedarf der Betriebe. Zunehmende Automatisierung scheint notwendig, um handwerkliche Qualität zu bezahlbaren Preisen langfristig sichern zu können.
Baustelle trifft Datenplattform
Hersteller Wienerberger verfolgt eine neue Form des Bauens, für die der Roboter ein wichtiger Baustein sein soll. Demnach könnten Baustellen und Gebäude künftig nach einem "Robot Ready Design" geplant werden, sodass Roboter dort optimal arbeiten können – in einem klaren Raster, ohne unnötige Arbeitsschritte oder Materialüberschuss. "Der wirtschaftliche Vorteil wird besonders für jene Unternehmen bedeutend, die viele gleichartige Gebäude nach diesem Ansatz errichten, wie etwa Werkhallen oder Reihenhäuser", erklärt Reinold.
In der nächsten Entwicklungsstufe könnten mehrere Roboter mit verschiedenen Arbeitsaufträgen parallel auf einer Baustelle arbeiten. In ein paar Jahren sollen die Maschinen auch untereinander kommunizieren und sich absprechen können. Das Ziel ist eine vernetzte Baustelle, deren Prozesse konsequent auf digitalen Modellen basieren. Die Grenze zwischen Planung und Fertigung löst sich zunehmend auf.
Roboter mieten statt kaufen
Derzeit bietet Wienerberger den WLTR als "Robot as a Service" an: Das bedeutet, der Roboter wird nicht verkauft, sondern als Leistung bereitgestellt. Baufirmen bezahlen pro Quadratmeter Mauerwerk oder auf Monatsbasis. So entfallen hohe Anschaffungskosten, und der Einstieg in die neue Technologie gelingt auch kleineren Unternehmen mit geringem Kapitalaufwand. Laut Hersteller soll sich der Einsatz schon ab dem ersten Projekt lohnen.
Besonders für mittelgroße Betriebe mit mehreren Bauvorhaben pro Jahr bringe der Roboter Vorteile – durch gleichbleibende Qualität und eine deutlich verkürzte Bauzeit. Mit steigender Nachfrage und effizienteren Produktionsprozessen dürfte die Technologie laut dem Experten in den nächsten Jahren noch deutlich erschwinglicher werden. Wienerberger arbeitet zudem an größeren und schwereren Steinformaten, die vom Roboter mühelos verlegt werden könnten. So wächst der Ertrag pro Arbeitsstunde. Reinold rechnet für die Zukunft mit Mauerleistungen von 50 bis 60 Quadratmetern pro Tag.
Anbieter aus Australien, den USA oder China arbeiten ebenfalls an vergleichbaren Maurerrobotern – allerdings meist noch in Pilotphasen. Damit habe Wienerberger einen technologischen Vorsprung, so Reinold. Deutschland als Flächenland profitiere besonders von solchen mobilen Roboter-Lösungen. Anders als kleine Länder mit hoher Vorfertigungsquote lassen sich Baustellen hier oft nicht zentral bedienen. Ein Roboter, der auf einem Anhänger angeliefert wird, könnte diese Lücke füllen. Reinold hofft, dass die Nachfrage an das Interesse im Ausland anknüpfen wird.