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Frauen auf dem Bau Baubranche: Wenn, dann Ingenieurin

Dem Baugewerbe fehlen weibliche Mitarbeiter. Das soll sich ändern. Ob Fachkräftemangel oder veränderte Arbeitsbedingungen: Gründe gibt es viele. Ein Wandel zeigt sich – allerdings bei den akademischen Berufen. Schlecht fürs Handwerk.

Nur etwa zehn Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im deutschen Bauhauptgewerbe sind Frauen. Und diese wiederum konzentrieren sich bei den akademischen Berufen, den Ingenieuren, den Architekten und Bauplanern. Immerhin 26 Prozent der Fachkräfte in diesem Bereich sind weiblich. Nur rund fünf Prozent sind es bei den nicht-akademischen Fachkräfteberufen mit Techniker- oder Meisterqualifikation. Bei den Studienanfängern im Bauingenieurwesen sind 25 Prozent weiblich. Doch bei den Azubis im gewerblich-technischen Bereich sucht man Frauen fast vergeblich.  

Tanja Leis

Noch immer bestimmen Vorurteile die Entwicklung mit, denn die Berufswahl beginnt für manch einen bereits im Kindergarten, spätestens aber, wenn in der Schule die ersten Praktika anstehen und der Schulabschluss näher rückt. "Baustellen sind dreckig, diejenigen, die dort arbeiten, müssen früh aufstehen und viel schleppen. Das erzählen unwissende Eltern ihren Kindern – besonders den Mädchen – und raten ihnen oft ab, sich überhaupt für diesen Wirtschaftszweig zu interessieren", sagt Tanja Leis von der RG-Bau im RKW Kompetenzzentrum. Sie leitet dort ein Pilotprojekt, das Firmen in der Baubranche unterstützen soll, weibliche Fach- und Nachwuchskräfte zu gewinnen.

Bauunternehmerin: Unerwartete Position

Vorurteile kennt auch Bauunternehmerin Marion Maack: "In meinem Berufsalltag habe ich es mehr als einmal erlebt, dass Dritte mich nicht einordnen konnten", sagt sie und erzählt von dem oft gehörten Satz 'Kann ich mal den Chef sprechen?', wenn sie als Firmenleiterin Kunden oder Geschäftspartnern gegenübergetreten ist. Insbesondere "Mann" erwarte einen Mann, wenn es ums Bauen geht. Auf der einen oder anderen Bau-Veranstaltung wurde Marion Maack auch schon gefragt, zu welchem Herrn sie denn gehören würde.

Auch in den Spitzenpositionen in der Bauwirtschaft sind Frauen immer noch eher selten anzutreffen. Der Frauenanteil unter den Selbstständigen im Baugewerbe liegt bei nur fünf Prozent. In der Gesamtwirtschaft in Deutschland waren im Jahr 2013 immerhin 32 Prozent der Selbstständigen Frauen.

Kaum Frauen in gewerblich-technischen Berufen

Durch Förderprogramme und verschiedene Initiativen, die versuchen mehr Frauen für technische Berufe zu begeistern, hat jedoch die Entwicklung einen Schub bekommen. "Die Tendenz der Frauen in der Bauwirtschaft ist steigend", sagt Tanja Leis. Dafür verantwortlich sind vor allem der Trend zur Digitalisierung der Arbeitswelt sowie das steigende Bildungsniveau der Frauen in den vergangenen Jahren. Doch diese streben mit höheren Qualifikationen auch in höhere Positionen, die weniger mit körperlicher und mehr mit geistiger Arbeit zu tun haben – auch auf dem Bau. In den gewerblich-technischen Berufen verharren die Zahlen auf einem konstant niedrigen Niveau.

Digitale Baustelle: Beruf BIM-Koordinatorin, BIM-Konstrukteurin oder BIM-Managerin

BIM-Koordinatoren, -Konstrukteure oder -Manager kümmern sich um die digitale Vernetzung und Steuerung der Baustelle. BIM steht für „Building Information Modeling“ und beschreibt ein System, das alle Aufgaben und Informationen bündelt, die auf einer Baustelle anfallen – die verschiedener Gewerke und Mitarbeiter genauso wie die einzelner Tage mit ihren nötigen Arbeitsschritten. Dabei kann ein virtuelles 3-D-Bauwerksmodell erstellt werden, das schon im Vorfeld des Bauens erlaubt, den Prozess durchzuplanen und alle Kosten und Zeitabläufe zu verbinden. Als BIM-Koordinator bzw. BIM-Koordinatorin übernimmt man die Steuerung des Systems bzw. bedient die dazugehörige Software. Als Konstrukteur/-in ist man schon im Vorfeld mit der Erstellung eines exakten Modells der betreffenden Baustelle betraut und als Manager/-in kümmert man sich um die gesamte Leitung eines BIM-basierten Projekts. Diese Arbeitsfelder bilden gute Chancen für IT- und Bau-begeisterte Frauen. Mehr über BIM gibt es hier nachzulesen >>>

Doch nicht nur der Wandel der Baubranche, sondern auch der Fachkräftemangel sorgt dafür, dass immer mehr Baufirmen Ausschau halten nach möglichen Mitarbeiterinnen. "Der 'War of Talents' hat begonnen. Es wird zunehmend schwieriger geeignete und vor allem qualifizierte Arbeitskräfte zu gewinnen. Angesichts dessen kommt man am Fachkräftepotential von Frauen nicht vorbei", sagt Tanja Leis.

Gerade in Bundesländern wie Bayern, wo das Projekt der RG-Bau einen Schwerpunkt gelegt hat, mit geringen Arbeitslosenquoten und guten Kapazitäten für Ausbildungsplätze stehen vor allem kleinere Baubetriebe vor besonders großen Problemen bei der Suche nach geeigneten Mitarbeitern. Schulabgängerinnen haben eine große Auswahl an Ausbildungschancen und orientieren sich so noch seltener am Bau. Tanja Leis ergänzt: "Wenn eine Ausbildung im Baubereich eingeschlagen wird, dann wechseln zudem viele in jungen Jahren nach der Ausbildung in die Industrie." Diese würde vor allem die Frauen oft mit besseren Karrieremöglichkeiten, flexibleren Arbeitszeiten und auch mit einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familiengründung abwerben.

Gute Chancen für Frauen im Baugewerbe

Kleinbetriebe könnten bei diesen Themen immer noch selten mithalten, trotzdem spiele auch viel Unwissen bei dem Thema eine Rolle. "Angesichts des steigenden Rentenalters müssen sich alle Betriebe auf neue Arbeitszeitmodelle und auch auf Hilfsmittel umstellen, die die körperlichen Arbeiten auf Baustellen erleichtern", sagt die Projektleiterin und sieht genau deshalb in den kommenden Jahren eine gute Chance für Frauen im Baugewerbe.

Fehlendes Interesse für die Baubranche würde Leis den Frauen nicht bescheinigen wollen, aber ein großes Unwissen, was Berufs- und Beschäftigungsmöglichkeiten betrifft. "Arbeiten in der Baubranche hat heute viel mit Kreativität, Organisation und Kommunikation zu tun. Zudem sind die Verdienstmöglichkeiten im Vergleich zu anderen Branchen sehr gut", sagt Leis. Weitere positive Aspekte seien: dass im Team gearbeitet wird, ein ständiger Umgang mit Menschen und in keiner anderen Branche sähe man sein Wirken so direkt. Alles Eigenschaften, die Frauen in der Arbeitswelt oft suchen.

Chefin auf dem Bau aus Familientradition

Ganz so euphorisch sieht Ilona Klein vom Zentralverband des Deutschen Baugewerbes das Thema nicht. "Man kann mit einem höheren Frauenanteil alleine nicht den Fachkräftemangel im Baugewerbe bekämpfen", sagt sie und verweist darauf, dass viele Arbeiten auf dem Bau nun einmal körperlich anstrengend seien und vermutlich auch bleiben werden - trotz immer neuer Hilfsmittel.

Mehr Frauen in der Baubranche würde zwar auch sie sich wünschen, doch das Thema sei schwierig und werde es vermutlich immer bleiben - zumindest direkt auf den Baustellen. Auch Klein sieht die Tendenz, dass es immer mehr Bauingenieurinnen gibt und Frauen, die bereit sind Familienbetriebe im Baugewerbe zu übernehmen und Unternehmerinnen zu werden.

Marion Maack

Für Marion Maack war der Weg ins Baugewerbe immer klar. Denn sie ist die Chefin einer Baufirma, die genau das quasi als Familientradition hat: Ihr Großvater, gelernter Zimmerermeister, hat dieses Unternehmen nach dem Krieg gegründet. Schon Maacks Großmutter und ihre Tante haben im Unternehmen mitgearbeitet. Marion Maack leitet es gemeinsam mit einem angestellten Geschäftsführer. Sie übernimmt die kaufmännischen und er die technischen Aufgaben.

"Mir war es schon immer wichtig, den Familienbetrieb weiterzuführen. Deshalb war klar, dass ich in die Leitung der Firma einsteige. Mein Bruder hat sich beispielsweise gegen eine Leitungsfunktion entschieden und arbeitet draußen auf den Baustellen als Meister mit", sagt Maack, die zurzeit 57 Mitarbeiter in ihrer Firma aus Zimmerei, Maurerabteilung und Tischlerei in Schleswig-Holstein beschäftigt. Darunter sind allerdings nur fünf Frauen: in der Buchhaltung, im Sekretariat und eine Tischlerin.

Familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen fehlen

Obwohl sich die Geschäftsführerin aufgrund ihrer eigenen Familiengeschichte nicht als Exotin in der Branche fühlt, sagt auch sie, dass sie Frauen bislang fast nur unter den Bauingenieurinnen antrifft: "Die Baubranche ist sowohl im gewerblichen als auch im technischen Bereich eine männerlastige Domäne - mit allen Vor- und Nachteilen." Das liege mitunter an den fehlenden familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen. Hierbei komme der Bau oftmals noch wie ein Dinosaurier daher.

"Eine Maurerin in Teilzeit? Wie soll das organisiert werden? Eine alleinerziehende Bauleiterin in einem kleinen Betrieb, die abends selten in der Firma sein kann, da der Kindergarten zu macht? Das alles sind Fragestellungen, mit denen sich Baufirmen, vor allem kleinere Betriebe, auseinandersetzen müssen", sagt die Unternehmerin, die zugibt, dass sich das im eigenen Familienbetrieb als Frau natürlich besser und nach eigenen Maßstäben organisieren lässt.

Die viel diskutierte Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist es auch, die Tanja Leis im Kopf hat, wenn sie an den Plänen und Leitfäden arbeitet, die sie im Rahmen des Pilotprojekts für Unternehmen entwickeln möchte. "Unternehmen, die das Potenzial von Frauen sowie von Vätern und Müttern verstärkt erschließen wollen, brauchen familienfreundliche Rahmenbedingungen", sagt Leis. Viele Fach- und Führungskräfte würden heute beides anstreben: Karriere und Familie. 

Mehr Frauen in der Bauwirtschaft würden der Branche nach Ansicht von Marion Maack auf jeden Fall gut tun. Aber solange im Bereich der Arbeitsorganisation noch der klassische Vollzeitjob vorherrscht, würden Frauen spätestens dann an ihre Grenzen stoßen, wenn die Familienplanung ansteht. "Neue Arbeitszeitmodelle und Arbeitsstrukturen müssen gewollt und gelebt werden, damit Frauen auch in der Baubranche eine Chance auf Karriere haben."

Frauen einstellen: Gut fürs Arbeitgeberimage

Tanja Leis erklärt, welche Vorteile der Bau von mehr Frauen hätte: "Es geht nicht um Verdrängung, sondern darum dass sich in geschlechtergemischten Teams die Vorteile beider Geschlechter ergänzen und sich Synergien bilden." Frauen würden für ein anderes Betriebs- und Teamklima sorgen. "Plakativ ausgedrückt: Frauen stehen auf Kooperation, Männer auf Wettbewerb."

Außerdem würden sie Sachverhalte aus einer anderen Blickrichtung beleuchten und mehr Meinungsvielfalt ins Unternehmen bringen. Und nicht zu unterschätzen: "Ein erhöhter Frauenanteil verbessert und erhöht das Arbeitgeberimage. Gegenüber der Belegschaft präsentiert sich das Bauunternehmen so als innovativer Arbeitgeber und verschafft sich damit einen erheblichen Vorteil bei der Rekrutierung qualifizierter Frauen und Männer."

Frauen im Baugewerbe: Zahlen und Fakten

Die aktuellsten Zahlen, die einen direkten Vergleich liefern sind bereits ein paar Jahre alt: Während in der Gesamtwirtschaft 2013 fast die Hälfte der Erwerbstätigen weiblich war, sind es nur 13 Prozent im Baugewerbe. Ein besonders geringer Wert mit zwei Prozent zeigt sich in den Berufen des Tätigkeitsschwerpunktes "Bauarbeiten und -ausführung". In den Berufen des Tätigkeitsschwerpunktes "Bauplanung, -überwachung und -kontrolle" fällt der Frauenanteil mit 17 Prozent deutlich höher aus.

Der Frauenanteil unter den Selbstständigen im Baugewerbe ist unterdurchschnittlich. Im Jahr 2013 waren in der Gesamtwirtschaft in Deutschland 32 Prozent der Selbstständigen Frauen, während im Baugewerbe nur fünf Prozent der Selbstständigen weiblich waren. Unter den 496.000 Selbstständigen im Baugewerbe waren nur 27.000 Frauen. Im Bauhauptgewerbe lag 2013 der Anteil mit sieben Prozent nur gering höher. Vergleicht man den Anteil der weiblichen Selbstständigen mit dem Frauenanteil unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Baugewerbe (13 Prozent), wird das geringe Niveau bei den Selbstständigen deutlich.

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