Wohnungsbau und Zahlungsverzug Bau leidet unter Stornowelle und sinkender Zahlungsmoral

Immer mehr Kunden stornieren ihre Bauvorhaben im Wohnungsbau, auch offene Rechnungen werden zunehmend mit Verzug beglichen. Die Zeichen in der Bauwirtschaft stehen auf Krise.

Dem Wohnungsbau steht trotz unverändert großen Bedarfs in den Städten ein Einbruch bevor. Ein Hauptgrund sind unkalkulierbare Baukosten. - © Roman Babakin - stock.adobe.com

Im deutschen Wohnungsbau mehren sich die Krisenzeichen. Bei einer steigenden Zahl von Bauunternehmen gehen nach der monatlichen Erhebung des Ifo-Instituts Auftragsstornierungen ein. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach Immobilienkrediten. Im September meldeten 16,7 Prozent der befragten Bauunternehmen stornierte Aufträge, deutlich mehr als im August (11,6 Prozent), wie das Ifo-Institut mitteilte.

Grund sind demnach die rasch steigenden Material- und Energiepreise sowie die höheren Kreditzinsen. "Für einige Bauherren ist das alles nicht mehr darstellbar. Sie stellen Projekte zurück oder ziehen ganz die Reißleine", sagte Ifo-Experte Felix Leiss. "Die Unternehmen verfügen im Schnitt immer noch über große Auftragsreserven, aber die Zukunftssorgen waren selten so groß." Das Ifo-Institut befragt für seine Konjunkturprognosen monatlich Tausende Unternehmen, darunter Baufirmen.

Kreditnachfrage schrumpft

Gleichzeitig geht das Interesse an Immobilienkrediten zurück. "Die Nachfrage ist von einem Tag auf den anderen eingebrochen. Viele Projekte im Planungsstadium werden storniert", sagte Sparkassenpräsident Helmut Schleweis dem Handelsblatt. Auch Schleweis nannte die steigenden Kosten als einen maßgeblichen Faktor. Im ersten Halbjahr sei die Nachfrage nach Immobilienkrediten noch hoch gewesen. "Das lag jedoch auch daran, dass viele Projekte planerisch und finanziell schon auf dem Weg waren", sagte Schleweis. "In den vergangenen Wochen hat sich das Bild schlagartig verändert."

Zahlungsmoral in Wirtschaft sinkt von Woche zu Woche

Auch an anderer Stelle mehren sich die negativen Vorzeichen für die Bauwirtschaft. Wie aus einer Erhebung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervorgeht, zahlen immer mehr Unternehmen ihre Rechnungen verspätet oder gar nicht. "Das Ausfallrisiko bei Unternehmen steigt derzeit fast wöchentlich", sagte der Leiter der Wirtschaftsforschung von Creditreform, Patrik-Ludwig Hantzsch, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Mit einer "Insolvenzwelle" in der Wirtschaft rechnet Hatzsch vorerst nicht, wohl aber mit einer Trendwende im Insolvenzgeschehen, das bislang rückläufig war.

Zuletzt waren den Angaben zufolge bundesweit mehr als 2,1 Millionen überfällige Rechnungen beglichen worden, rund 280.000 Unternehmen zahlten deutlich verspätet. "Dabei ist es egal, ob Kleinunternehmen, Mittelständler oder Großkonzerne, Unternehmen aller Größenklassen lassen ihre Kreditgeber zurzeit länger und über das gesetzte Zahlungsziel hinaus auf den Geldeingang warten", sagte Hantzsch. Vor allem die Bauwirtschaft sei von verspäteten oder ausbleibenden Zahlungen betroffen. In der Baubranche werden derzeit mehr als 350.000 Rechnungen überfällig bezahlt, wobei rund 70.000 Unternehmen dieser Branche deutlich verspätet zahlen. Daneben leiden auch der Einzelhandel, die Chemie- und Kunststoffindustrie sowie die Elektroindustrie unter der schlechten Zahlungsmoral der Kunden.

Zahl der Insolvenzen könnte 2023 stark steigen

Er gehe davon aus, "dass wir im ersten Quartal 2023 dann einen starken Anstieg der Insolvenzen in Deutschland sehen werden", prognostizierte Hantzsch. Dass Unternehmen wieder in die Insolvenz gehen, ist dem Leiter der Wirtschaftsforschung zufolge allerdings "richtig und wichtig". Eine auf marktwirtschaftliche Prinzipien aufgebaute Volkswirtschaft vertrage es nicht, "wenn alle Unternehmen auf Teufel komm raus am Leben erhalten werden". dpa/fre