Interview mit Horst Löchel "Bargeld steht für Freiheit"

Die Diskussion darüber ist in Deutschland gerade im vollem Gange, in anderen Ländern ist es schon so weit: Die Abschaffung des Bargelds. Horst Löchel, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance, erläutert im DHZ-Interview, was er davon hält.

Karin Birk

Der Vorschlag zur Abschaffung des Bargelds hat wenig mit den Bedürfnissen der Bürger zu tun, sagt Horst Löchel, Professor für VWL an der Frankfurt School of Finance and Management, im DHZ-Interview - © Foto: FSFM

DHZ: Herr Professor Löchel, zahlen Sie noch bar?
Horst Löchel: Selbstverständlich. Kleinere Beträge in der Kantine oder in meinem Stammlokal zahle ich bar. Das gilt auch für Brötchen oder eine Zeitung. Nur größere Beträge bezahle ich mit Karte. Ich würde nur ungern auf Bargeld verzichten, und meiner 89-jährigen Mutter wollte ich es auf keinen Fall zumuten, alles mit Karte oder über das Internet zu bezahlen.

DHZ: Da geht es Ihnen wie den meisten Deutschen. Gleichwohl ist eine Debatte über die Abschaffung des Bargelds entbrannt. Woran liegt es?
Löchel: Das hat verschiedene Gründe. Einer ist sicher, dass die Nutzung des Bargeldes durch den Gebrauch von EC-Karten und Kreditkarten in den vergangenen Jahren zunehmend zurückgegangen ist. Hinzu kommen neue Anwendungen über das Smartphone und das Internet. Außerdem lässt sich mit der Abschaffung des Bargeldes der Schattenwirtschaft und dem Schwarzgeldhandel leichter einen Riegel vorschieben. Neuerdings bringen Ökonomen aber noch ein geldpolitisches Argument ins Spiel.

"Bürger wollen frei entscheiden, wie sie bezahlen"

DHZ: Worum geht es dabei?
Löchel: Es geht darum, die Durchschlagskraft der Zentralbanken zu erhöhen. Wenn die negativen Zinsen, die die EZB zur Ankurbelung der Wirtschaft schon heute von Großbanken verlangt, an Privatkunden weitergegeben würden, könnten diese auf die Idee kommen, ihr Geld von der Bank abzuheben und zu horten. Die Absicht, den Konsum anzuregen, liefe dann ins Leere. Aus dem Grund haben sich vor allem einige amerikanische Ökonomen für eine Abschaffung des Bargeldes ausgesprochen.

DHZ: In Deutschland kamen diese Vorschläge gar nicht gut an.
Löchel: Die Bürger wollen eben immer noch frei entscheiden, wie sie bezahlen. Viele wollen nicht, dass jede Transaktion mit einer Karte oder einem anderen technischen Zahlungsmittel erfolgt, für das noch eine Gebühr bezahlt werden muss. Gerade für kleinere Transaktionen ist Bargeld für viele immer noch das geeignete Zahlungsmittel.

"Vorschlag ist eine technische Kopfgeburt"

DHZ: Und wie sieht es mit dem Datenschutz aus, wenn alles über Karten oder das Internet bezahlt wird?
Löchel: In jedem Fall lassen sich Zahlungen über Karte und Internet leichter nachverfolgen. Auch das will nicht jeder. Bargeld steht für Freiheit. Nicht jeder will zum gläsernen Konsument werden. Bargeld heißt auch Anonymität. Überhaupt kommt mir der ganze Vorschlag wie eine technische Kopfgeburt vor, die relativ wenig mit den Bedürfnissen der Bürger zu tun hat.

DHZ: Wie sieht es in anderen ­Ländern aus, wie weit ist die Abschaffung des Bargeldes dort fortgeschritten?
Löchel: In den Vereinigten Staaten wird natürlich viel über Kreditkarten bezahlt. Das hat aber auch den Nachteil, dass sich die Leute stärker verschulden. Am weitesten ist man mit der Abschaffung des Bargeldes in den skandinavischen Ländern wie Dänemark und Schweden.

DHZ: Was glauben Sie, wie lange wird man in Deutschland noch mit Bargeld an Tankstellen, Restaurants und Supermärkten bezahlen können?
Löchel: Wie es in den einzelnen Bereichen aussehen wird, ist schwer zu sagen. Ich bin mir aber sicher, dass es bei der Abschaffung von Bargeld zumindest in Deutschland nicht um Jahre, sondern um Jahrzehnte geht.