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Neuer Haarschnitt für eine neue Chance im Leben Barber Angels: Friseure machen Obdachlose salonfähig

Sie nennen sich "Barber Angels Brotherhood", sehen aus wie Rocker und helfen der Heilsarmee – mit kostenlosen Haarschnitten für Bedürftige. Am 24. April starten die Friseur-Engel in Bonn ihre nächste Aktion.

"Wir geben den Leuten ihr Gesicht zurück." Mit wir meint Claus Niedermaier die Barber Angels, die seit November vergangenen Jahres Obdachlose frisieren. Der Friseur­meister aus Biberach hat die Hilfs­aktion ins Leben gerufen. Zuletzt haben Gruppen von mehreren Friseuren Ende März Hilfsbedürftigen in München und in Lahr wieder die Haare geschnitten – für Gotteslohn.

"Man kann sich kaum vorstellen, was sich uns bei dieser Arbeit für Geschichten offenbaren", sagt Niedermaier, der im Männerwohnheim der Heilsarmee in München einen alten Bekannten wiedertraf. Paul war eine halbe Ewigkeit nicht mehr beim Friseur gewesen, als er vor zwei Monaten zum ersten Mal von den Barber Angels frisiert wurde. Nach acht Jahren Leben auf der Straße arbeite der 55-Jährige nun als Pförtner in einem Obdachlosenheim, freut sich Niedermaier. Ein gepflegtes Erscheinungsbild mit einer ordentlichen Frisur ist häufig der erste Schritt, um dem Teufelskreis der Obdachlosigkeit zu entkommen und eine Arbeit zu finden.

Barber Angels frisieren Obdachlose

Niedermaier kannte bisher eher die andere Seite der Gesellschaft. Der Figaro arbeitete nach seiner Lehre in Mailand, Los Angeles und London. Heute verschönert er regelmäßig die Gäste des Biberacher Filmfestes, wenn alljährlich Anfang November ein Hauch von Glamour durch seine oberschwäbische Heimatstadt weht. Als er aber im Fernsehen die Bilder von frierenden Obdachlosen sah, wollte er unbedingt helfen.

In kurzer Zeit trommelte er Kollegen zusammen, die von der Idee begeistert waren. Schließlich gründeten zehn Friseurmeister aus dem gesamten Bundesgebiet den Club "Barber Angels Brotherhood", neue Mitglieder sind stets willkommen. Aktuell gehören 55 Friseure zu der Gemeinschaft, die schon durch ihr außergewöhnliches Outfit auffällt.

Schwarze Uniform im Rockerstil

Mit ihrer schwarzen Uniform könnten die Barber Angels auch als Rocker durchgehen. Aber mit Motorradfahren haben die Barbiere nichts am Hut. "Wir wollen auch optisch auf uns aufmerksam machen. Unsere Kleidung soll deshalb einen hohen Wiedererkennungswert haben", erklärt Niedermaier.

Eine Mitgliedschaft bei den Barber Angels kostet 15 Euro im Monat. Dafür gibt es nicht nur die Kleidung für die Einsätze in den Obdachlosenheimen, sondern auch Zugang zu einem Schulungskonzept. Denn die frisierenden Engel sehen ihren Club auch als eine Art Stammtisch für den fachlichen Austausch.

Aktionen wie die Ende März im Münchner Frauenhaus, dem Männerwohnheim der Heilsarmee oder dem Café Löffel in Lahr werden von den Barber Angels rund zwei Wochen vorher geplant. Dann nehmen sie Kontakt mit Suppenküchen und Wohnheimen auf und wenn sie auf Interesse stoßen, werben sie mit Plakaten für ihr Hilfsangebot. Denn Obdachlose haben keine E-Mail-Adresse.

Mit Respekt und ohne Berühungsängste

In der Regel finden sich genügend Klienten, die den kostenlosen Service in Anspruch nehmen möchten. "Anfänglich stoßen wir schon auf Skepsis. Aber da wir ohne Berührungsängste allen Menschen mit Respekt gegenübertreten, tauen die Bedürftigen bald auf und erzählen uns sogar oft aus ihrem Leben. Das sind sehr emotionale Geschichten, die tief berühren", sagt Niedermaier. Auch deshalb schweiße jede Aktion die Barber Angels fester zusammen.

Die nächsten Einsätze werden schon geplant. Dann schwärmen die Barber Angels in Augsburg, Düsseldorf und Bonn aus, um hilfsbedürftigen Menschen zu einem gepflegten Erscheinungsbild zu verhelfen. Denn eines haben Claus Niedermaier und seine Mitstreiter bei ihren Aktionen gelernt: "Jeder sollte sich im Klaren darüber sein, wie schnell man alles verlieren kann im Leben."

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