Die Belegschaft der Bäckerei Schubert in Augsburg war schon immer bunt gemischt. Derzeit sind die Hälfte der Auszubildenden im Betrieb Geflüchtete. Das hat auch mit der Geschichte der Inhaberfamilie zu tun.

Adelheid Bosch, Jahrgang 1939, kann sich sehr gut in die Lage der Geflüchteten in Deutschland hineinversetzen. Sie selbst musste nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem gleichen Schicksal umgehen. Ihr Vater, der auch der Großvater von Bäckermeister Frank Schubert ist, hatte in Kozy in der Nähe von Bielsko-Biała in Oberschlesien eine Bäckerei. Er wurde damals vom polnischen Staat interniert, konnte aber aus dem Gefangenenlager fliehen.
Gestrandet in Niederbayern
Sein erster Weg führte ihn trotz aller Gefahr zu seiner Frau, einer Polin, in seine Bäckerei, die zwischenzeitlich aber enteignet worden war. "Meine Mutter hat zu ihm gesagt: Hau ab! Sonst kriegen sie dich!", erinnert sich Adelheid Bosch. "Also ist er abgehauen und erstmal in Niederbayern gestrandet. Später kam er dann nach Augsburg. Und wir, also mein Bruder, meine Mutter und ich, kamen 1950 nach."
Geld reichte für einen halben Backofen
Der Vater von Adelheid Bosch musste hart arbeiten, lebte erst von Gelegenheitsjobs, führte dann einen Kolonialwarenladen und konnte 1954 wieder eine eigene Bäckerei eröffnen. "Er hat damals einen sogenannten Lastenausgleich für die Enteignung seines Hauses und seiner Bäckerei in Polen bekommen. Das Geld hat gerade mal für einen halben Backofen gereicht. Er musste Kredite aufnehmen." Adelheid Bosch sitzt bei unserem Gespräch mit ihrem Mann am Tisch, der manchmal mit ihr über Jahreszahlen und den genauen Hergang diskutiert. Beide erzählen von dieser Zeit mit viel Elan und Humor, obwohl es für Adelheid und ihren Bruder damals mit am schwersten war.
Kein Deutsch, Sonderschule
Die deutsche Sprache war in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg verboten. Adelheid Bosch hatte zuvor noch ein wenig Deutsch gelernt, sprach aber hauptsächlich polnisch. Ihr Bruder konnte gar kein Deutsch. Sie mussten damals erst auf eine Sonderschule. So wie es heute vielen Geflüchteten ergeht, wurden auch sie damals gehänselt und angefeindet: "Huara-Flüchtling! Das haben wir oft gehört", sagt Adelheid Bosch. (Anm. d. Red.: "Huara" = Huren)

Bis 2003 war Adelheid Bosch Mitinhaberin der Bäckerei Schubert. Insgesamt 50 Jahre arbeitete sie in dem Handwerksbetrieb. Schon immer war die Belegschaft bunt gemischt. Derzeit sind die Hälfte der Auszubildenden im Betrieb Geflüchtete, was eben viel mit dem Schicksal der Inhaberfamilie zu tun hat. Heute führt Frank Schubert die Geschäfte. Er engagiert sich stark für seine migrantischen Mitarbeiter, die aus den verschiedensten Ländern kommen – aus Afghanistan, Sambia oder jüngst auch aus der Ukraine.
Minute, Stunde, Monate
Abdul Bah, der aus dem Senegal stammt, gefällt es gut in seiner neuen Heimat. Auch wenn er sich über manche Dinge in Deutschland wundert: "Ich hatte einen Arzttermin und kam eine Minute zu spät. Da hieß es: Sie müssen morgen wiederkommen. Im Senegal ist das kein Problem. Da kann man auch eine Stunde später kommen." Der junge Senegalese kam 2017 über Frankreich nach Deutschland. Trotz der Aussicht auf einen Lehrvertrag bei der Bäckerei Schubert hatte er keine Chance auf Anerkennung im Asylverfahren und wurde ausgewiesen. Nach Abschluss des Lehrvertrags musste er sechs Monate warten, bis er wieder einreisen durfte, obwohl er bereits in der Berufsschule angemeldet war.
Absurde Regelungen
Bäckermeister Frank Schubert findet viele Regelungen und Vorgehensweisen im Umgang mit Geflüchteten geradezu absurd, wie auch ein Vorfall bei einem anderen Azubi, Bubacarr Jabang aus Sambia, zeigt. Der bekam im Juni ein Schreiben von der Ausländerbehörde, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er sich innerhalb von wenigen Tagen in der Flüchtlingsunterkunft in Fischach zu melden habe und dorthin umziehen müsse, ansonsten handle es sich um einen Verstoß im Asylverfahren. Hintergrund war ein Wasserschaden in seiner Unterkunft in Meitingen, was aber nicht erwähnt wurde. Für den jungen Mann war das eine Stresssituation. Vor allem, weil er von Fischach aus nicht pünktlich zur Arbeit gekommen wäre. "Lehrer der Berufsschule und ich haben uns für ihn eingesetzt und konnten das dann doch abwenden", erzählt Schubert.
Schwierige Verhältnisse in Afghanistan
Für die jungen Menschen und für die Betriebe ist es oft schwer, alles geregelt zu bekommen. Bei Safi Hekmattullah, einem afghanischen Geflüchteten, machte die Ausländerbehörde Druck wegen des Passes. Der konnte wegen der schwierigen Verhältnisse in Afghanistan letztlich nur unter großen Anstrengungen und mithilfe eines Anwalts beschafft werden. Hinzu kommt, dass seine Schleuser Druck auf seine Familie ausüben, sie wollen Geld. Und weil sein Vater tot ist, muss er als Ältester auch wichtige Entscheidungen für die Familie treffen. Jüngst ging es dabei um die Heirat seiner Schwester.
Enorme Anstrengungen
"Unsere Azubis haben ja enorme Anstrengungen zu meistern. Ob es die Sprache, die Leistungen in der Berufsschule oder auch psychische Herausforderungen angeht. Und in dieser Phase kommen dann die größten Hürden und die meisten Formalitäten, was das Ausländerrecht betrifft. Man könnte einfach sagen: O.k., der hat eine Lehrstelle, läuft erstmal", schlägt Frank Schubert vor. "Es müsste menschlicher und für die Betriebe praxisnaher zugehen."
Ernste Sorgen wegen des EU-Asylkompromisses
Die Bäckereien in Schwaben sind mit am meisten vom Fachkräfte- und Nachwuchsmangel betroffen. Ohne Geflüchtete, sagt der Bäckereiinhaber, täte er sich sehr schwer, Nachwuchs zu finden. Schubert macht sich auch ernste Sorgen wegen des jüngst beschlossenen EU-Asylkompromisses: "Schon seit 2020 merken wir, unter anderem wegen Corona, dass weniger Menschen nach Deutschland kommen. Wenn die EU-Grenzen jetzt noch schwieriger zu überwinden werden, nehmen unsere Nachwuchsprobleme noch mehr zu."
Die Novellierung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes bringe wohl schon Erleichterungen. Trotzdem wartet Frank Schubert erstmal ab, wie es in der Praxis aussieht, bevor er sich ein abschließendes Urteil erlaubt. Und er stellt dazu fest: "Wir können ja auch nicht ins Ausland fahren und Fachkräfte anwerben."
Ausweitung der 3+2-Regelung
Schubert wünscht sich eine Ausweitung oder Änderung der 3+2-Regelung, nach der nicht anerkannte Asylbewerber nach der Ausbildung zwei weitere Jahre in einem Betrieb arbeiten dürfen. "Wir haben die Menschen doch im Blick und wissen, ob sich ein Azubi eignet, ob es klappt. Wir brauchen kein 3 + 2, sondern ein 3 + endlos." Da stimmt auch Adelheid Bosch zu, die von allen Azubis begeistert ist: "Das sind anständige und fleißige Menschen. Für mich sind das keine Ausländer. Die gehören zu uns."