Kolumne Azubis richtig beurteilen: Wie Sie den "Kleber-Effekt" vermeiden

Für Auszubildende ist es wichtig, Feedback zu erhalten. Doch Vorsicht: Fehler bei der Beurteilung können die Entwicklung der Azubis hemmen. Ausbildungsberater Peter Braune warnt in seiner Kolumne vor dem "Kleber-Effekt" und erklärt, wie Ausbilder es besser machen.

Beurteilungsfehler beruhen auf persönlichen Meinungen oder mangelhafter Kenntnisse über das Thema. - © Parradee - stock.adobe.com

Im Verlauf der Ausbildungszeit müssen Lehrlinge immer wieder beurteilt werden. Dazu gehören ganz verschiedene Anlässe:

  • Einstellung
  • Ende der Probezeit
  • Ende von Ausbildungsabschnitten
  • Bereichswechsel
  • Zwischenprüfung-Anmeldung
  • Ausbildungsabbruch
  • Ausbildungszeit-Verkürzung
  • Ausbildungszeit-Verlängerung
  • Abschlussprüfung-Anmeldung
  • Ausbildungsende
  • Weiterbeschäftigung
  • Personalerwartungen

Typische Bewertungsfehler

Die Ergebnisse von Beurteilungen können durch Beurteilungsfehler verfälscht sein. Wer beurteilt, neigt häufig zu Schwerpunkten. Hierdurch können Fehler entstehen. Beurteilungsfehler beruhen auf persönlichen Meinungen oder mangelhafter Kenntnisse über das Thema. Diese und andere Gründe können mehr oder weniger stark in den Beurteilungsverlauf einfließen. Eine Beurteilung ist sozusagen von der beurteilenden Person beeinflusst.

Typisch sind Wahrnehmungsverzerrungen. Hier werden bestimmte Eigenschaften über- oder unterbewertet. Hierzu gehören Beurteilungsfehler, wie zum Beispiel der:

  • Halo-Effekt
  • Horn-Effekt
  • First-Impression-Effekt
  • Nikolaus-Effekt
  • Andorra-Effekt
  • Lorbeer-Effekt
  • Hierarchie-Effekt
  • Kleber-Effekt

Das ist der "Kleber-Effekt"

Betrachten wir den letztgenannten "Kleber-Effekt" etwas näher. Eine Ausbilderin oder ein Ausbilder befassen sich bei einer Beurteilung nur mit den erfreulichen Gesichtspunkten, nachteilige vernachlässigen sie. Das führt zu einer überschätzten Bewertung der Lehrlinge und in der Folge zu Fehlentscheidungen.

Dieser Beurteilungsfehler wird als "Kleber-Effekt" bezeichnet. Sie kleben an der Beurteilung. Die Gründe für diesen Fehler sind gleichermaßen Beobachtung und Hoffnung.

Aus den bisherigen Leistungen wird auf künftige geschlossen. Waren die Lehrlinge in der Vergangenheit zuverlässig, motiviert und erfolgreich, wird nicht wahrgenommen, wenn sich ihre Leistung verschlechtert hat. Es wird nicht über diese Entwicklung gesprochen. Die Folgen können dauerhafte Leistungsabfälle sein, ohne dass es bemerkt wird.

Umgekehrt können Lehrlinge durch ihre schlechten Leistungen auffallen. Die Verantwortlichen schauen nun genauer hin. Weil sich die schlechte Entwicklung in ihren Köpfen verankert haben, werden immer neue Fehler bei Tätigkeiten gefunden, die besser gemacht werden könnten. Niemand sieht mehr das Gute. In der Folge ziehen sich die Lehrlinge zurück und stellen ihre Bemühungen ein, die Leistungen zu verbessern.

Ein beobachteter Verlauf der Ausbildung beeinflusst die Sicht der Beurteilenden so stark, dass sie von ihrer bisherigen Einschätzung nicht mehr zurückwollen. So entwickelt sich fälschlicherweise, durch angenommene Menschenkenntnis, manche Erwartungshaltung.

In allen Fällen werden keine Eigenschaften in Verbindung gebracht, sondern Erfahrungen früherer Beobachtungen. Das führt zu Erwartungen, die zu einer Voraussage führen, die für wahrscheinlich gehalten werden. Der Meister glaubt zu wissen, was sie von bestimmten Lehrlingen zu erwarten haben. "Der hat sich bis jetzt verlässlich gezeigt und wird sich immer wieder verlässlich zeigen." "Wer gute Leistungen zeigt, erbringt das auch in der Zukunft." Nur nach dem Motto: "Ich kenne meine Pappenheimer."

So vermeiden Sie den "Kleber-Effekt"

Machen Sie es besser. Um den Kleber-Effekt zu vermeiden, sollten Ausbilder klare und objektive Beurteilungskriterien festlegen und Beurteilungen auf konkrete, regelmäßig dokumentierte Beobachtungen stützen. Regelmäßige Feedbackgespräche und Zwischenbeurteilungen helfen, aktuelle Entwicklungen zu berücksichtigen und Verzerrungen zu vermeiden. Ein Perspektivwechsel durch Feedback von Kollegen oder Teams sowie Schulungen zur Selbstreflexion fördern eine faire und ausgewogene Beurteilung.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.