Die E-Mail, die im Frühjahr 2021 im Postfach der Keusen Ball GmbH landete, wäre anderswo womöglich sofort gelöscht worden. Ein Bewerber aus Marokko bat darin in gutem Deutsch um ein Vorstellungsgespräch für eine Ausbildung zum SHK-Anlagenmechaniker. Betriebsinhaber Tim Keusen löschte die E-Mail nicht. Was dann folgte, war ein bürokratischer Hürdenlauf – aber einer mit Happy End.

Tim Keusen und sein Team waren neugierig und vereinbarten ein Gespräch per Videoanruf. Das erste Kennenlernen mit dem Bewerber aus Nordafrika am Bildschirm beeindruckte Tim Keusen: "Er war super vorbereitet, hatte sich über unser Unternehmen, den Beruf und auch Mömlingen informiert", erinnert er sich heute. Nach dem Gespräch stand für den Betriebsinhaber deshalb fest: Abdallah soll nach Mömlingen kommen und eine Ausbildung beginnen. Es ist eine Entscheidung, die beide Seiten bis heute nicht bereut haben, die aber auch viel Engagement und Einsatz erfordert hat.
Hoher Aufwand
"Insgesamt hat es ein halbes Jahr gedauert, bis alle Anträge und Vorbereitungen abgeschlossen waren", berichtet Installateur- und Heizungsbauermeister Tim Keusen. Neben einem Visum, diversen Versicherungen und einem Konto in Deutschland musste Abdallah unter anderem auch einen unterschriebenen Mietvertrag vorweisen, um für die Ausbildung einreisen zu können.
Wohnungsbesichtigung per Smartphone
"Das hat nur dank des großen Einsatzes meines Teams geklappt, das mit potentiellen Vermietern gesprochen und ihnen die Situation erklärt hat", so der 38 Jahre alte Betriebsinhaber. Die Wohnungsbesichtigung habe schließlich mit einer Mitarbeiterin und dem Vermieter vor Ort sowie Abdallah per Video am Smartphone stattgefunden.
Sprachkurs und Dokumente
Auch der 23-Jährige selbst setzte von Marokko aus viele Hebel in Bewegung. Für seinen Traum einer Ausbildung in Deutschland absolvierte er einen Sprachkurs und kümmerte sich um wichtige Dokumente und Anträge. "Ich habe von Marokko aus Kontakt mit dem Landratsamt und der Ausländerbehörde aufgenommen. Das war manchmal schwierig und hat mehrere Anläufe gebraucht", erzählt er. Wenn Abdallah über all das spricht, dann nicht mit einem Kopfschütteln. Im Gegenteil: Er strahlt, denn die Ausbildung zum Anlagenmechaniker ist genau das, was er machen möchte. "Dieser Beruf ist vielfältig, modern und abwechslungsreich", schwärmt er auch im dritten Lehrjahr noch.

Übernahme nach der Gesellenprüfung
Bei Keusen Ball arbeitet der junge Marokkaner hauptsächlich an regenerativen Heizungsanlagen – ein Bereich, den er in seiner Heimat nie hätte erlernen können. Der 23-Jährige ist ein Auszubildender mit Motivation und Leidenschaft – nicht nur für sein Handwerk, sondern auch für seinen Ausbildungsbetrieb. "Ich habe hier eine neue Familie gefunden", sagt er und strahlt dann noch ein bisschen mehr. Die neue Familie hat Abdallah mit offenen Armen aufgenommen und ihm eine berufliche Perspektive ermöglicht. Der junge Auszubildende soll auch nach der Gesellenprüfung im Unternehmen bleiben – das können sich beide Seiten sehr gut vorstellen.
Vier-Tage-Woche
Das Beispiel zeigt: Bei der Suche nach geeigneten Fachkräften müssen Betriebsinhaber heute viele Wege gehen. Tim Keusen überwindet nicht nur geografische Grenzen, er wirbt Meister, Gesellen und Helfer mit der Vier-Tage-Woche und überbetrieblicher Bezahlung. Schüler spricht er direkt in Schulen an und bietet dort auch Praxisaktionen an. Auch sonst sei er einfach offen, berichtet der 38-Jährige. "Das Allerwichtigste ist, dass jemand ins Team passt. Und bei Abdallah hat mein Bauchgefühl diesbezüglich sofort gestimmt", so der Installateur- und Heizungsbauermeister.