Deutscher Meister 2009: Ausgerechnet im großen Krisenjahr macht es also der Automobilklub. Und zwar nicht der ADAC, sondern – fast ebenso überraschend – der VfL Wolfsburg. Das wirkt fast so, wie ein Konjunkturpaket III, findet Stefan Galler in seiner Kolumne zum Bundesligafinale.
Autoclub Wolfsburg trotzt der Krise
Meisterbetrieb: Ein Autoklub trotzt der Krise
Deutscher Meister 2009: Ausgerechnet im großen Krisenjahr macht es also der Automobilklub. Und zwar nicht der ADAC, sondern – fast ebenso überraschend – der VfL Wolfsburg. Das wirkt erst mal so, als hätten alle anderen Bundesligaklubs das Konjunkturpaket III für Volkswagen geschnürt, doch in Wahrheit ist es nur die logische Folge einer vor allem in der Rückrunde sensationellen Leistung. Die Wölfe sind nach Hannover 96 (1954) und Eintracht Braunschweig (1967) erst der dritte deutsche Champion aus Niedersachsen.
Von Platz neun im Winter tankten sich die grün gewandeten Offensivkünstler bis ganz nach vorne an die Spitze, nutzten das Schwächeln der Konkurrenz gnadenlos aus und können sich nun über eine Vielzahl an Rekorden freuen: Erstens, das Sturmduo Edin Dzeko und Grafite hat mehr Tore erzielt als das bislang erfolgreichste Gespann der Historie, Gerd Müller und Uli Hoeneß. Zweitens, bei der Siegerehrung waren so viele verschiedene Nationalflaggen wie noch nie bei einer Meisterfeier zu sehen, was den Verdacht nährt, dass den heutigen Fußballprofis mittlerweile völlig wurscht ist, für welchen Klub sie spielen. Einzig das Heimatland und das eigene Bankkonto bietet ihnen noch eine Idenitfikation. Drittens, Felix Magath wurde in der VW-Arena Opfer der brutalsten Bierdusche in der Geschichte des Deutschen Liga-Fußballs. Acht bis zehn Litergläser gossen die Balltreter über den Meistermacher aus und zahlten ihm damit zumindest zu einem kleinen Teil sein heftiges Konditionstraining der letzten zwei Jahre heim.
Das trauten sie sich natürlich nur, weil der Chef künftig die Schalker quälen wird. Apropos trauen: Wölfe-Kapitän Josué präsentierte sich nach dem Schlusspfiff in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Gott ist treu". Wollen wir seiner Frau wünschen, dass das in der rauschenden Meisternacht von Wolfsburg auch für ihren Ehemann galt.
Gesellenstück: Späte Schlammschlacht
Dass es in Niedersachsen so hoch her ging, lag natürlich in erster Linie an der Schwäche der Bayern, die sich nach einer Saison mit ungewohnt heftigen Aufs und Abs dank der erfolgreichen Arbeit von Jupp Heynckes mit dem zweiten Platz trösten konnten. Der wegen seiner bei Aufregung hochroten Gesichtsfarbe einst von Max Merkel als "Osram" verspottete Fußball-Lehrer gab im Herbst seiner Karriere erstmals den "Feuerwehrmann" – passt ja auch farblich ganz gut – und holte dementsprechend in sechs Partien 16 Punkte inklusive Vizemeisterschaft und direkter Champions-League-Qualifikation. Schon kurios, dass Heynckes nichts anderes tat als seinen Job als Fußball-Lehrer – und damit den Fans in München fast Freudentränen in die Augen trieb.
Das lag natürlich an der für die Anhänger bitteren Ära ohne Fußball-Lehrer, die nun fünf Wochen nach der Trennung doch noch in eine ziemlich wüste Schlammschlacht ausartet. Obwohl fest abgesprochen war, keine schmutzige Wäsche zu waschen, legte der gekränkte Trainer-Azubi Klinsmann vor, indem er in einem von Günther Jauch geführten Schmuse-Exklusiv-Interview bei "Stern-TV" unter anderem den Bayern-Chefs Unehrlichkeit vorwarf.
Auf deren Antwort musste man nicht lange warten. Zunächst mal kam der Donnerstagskicker mit einer brutalen Auflistung der schlimmsten bisher unbekannten Klinsmann-Fehler, die ihren Ursprung nur im Innersten des Hauptquartiers an der Säbener Straße haben konnte. Und dann lederte Uli Hoeneß das ganze Wochenende über unverhohlen gegen den schwäbischen Kosmopoliten, dass man meinen möchte, der hätte in der Wertschätzung des Bayern-Managers mittlerweile die Stufe von Christoph Daum oder Willi Lemke erreicht. Im Handstreich wurde auch noch Jauch in bekannter Hoeneß-Manier schwer abgestraft und auf die Frage von Udo Lattek beim DSF-Fußball-Frühschoppen, ob Ribéry zu Real wechselt, weil dessen Frau in Spanien ein Haus sucht, entgegnete er trocken: "Du hast doch auch ein Haus in Spanien und lebst in Deutschland." Hoeneß und die Bayern waren also ausgerechnet am letzten Spieltag auf allen Gebieten in Topform – dazu passte, was Jupp Heynckes in seiner letzten Pressekonferenz als Bayern-Coach sagte: "Wenn die Saison ein paar Wochen länger gedauert hätte, wären wir vielleicht noch Meister geworden."
Erstes Lehrjahr: Gelb-schwarze Streitkultur
Bis zur 90. Minute lief alles nach Plan für die Dortmunder. Doch dann kam die Kunde aus Frankfurt – der HSV hatte dort doch noch den 3:2-Siegtreffer erzielt, die eigene Saison nach den jüngsten Rückschlägen einigermaßen gerettet und schwarz-gelb damit aus dem Europarennen gekegelt. Doch anstatt sich anschließend einer kollektiven Depression hinzugeben, reagierten die Borussen wie Asterix und seine gallischen Dorfgenossen, wenn es mal nicht rund läuft: Sie brüllten sich gegenseitig an wie bei einem Seminar zum Aggressionsabbau, Keeper Weidenfeller und Kapitän Kehl konnten nur mit Mühe daran gehindert werden, sich an die Wäsche zu gehen. Und Coach Klopp ging wie ein Berserker auf seinen fußballerischen Ziehsohn Zidan los, dass diesem Hören und Sehen verging. Gepflegte Streitkultur, könnte man es nennen, wenn man es positiv ausdrücken will. Deshalb kann man von Glück sagen, dass das mit der Europa League nicht geklappt hat. Denn dann hätte es eine Sitzung des Mannschaftsrats geben müssen, in der über die Prämien verhandelt worden wäre. Und bei Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf. In welche Gewaltorgie das bei den Dortmundern ausgeartet wäre, stellt man sich besser nicht vor.
Zwei linke Hände: Gnadenloser Eisberg
Es scheint fast, als wäre so mancher vom Saisonschluss direkt ein bisschen überrumpelt worden. Vor allem die Kellerkinder der Liga haben wohl spät bemerkt, dass ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Anders lässt sich nicht erklären, dass am letzten Spieltag von den fünf schlechtesten Teams der Tabelle kein einziges verlor. Den Karlsruhern nützte jedoch auch ihr furioses 4:0 gegen die noch in Richtung Champions League ambitionierte, aber geradezu erbärmlich schwache Hertha, nichts mehr. Und zwar weil sich Cottbus durch den 3:0-Erfolg gegen offenbar voll aufs Pokalfinale fixierte Leverkusener auf den Relegationsplatz aufschwang. Auch Arminia Bielefeld blieb ungeschlagen, das 2:2 gegen Hannover bedeutete für die Ost-Westfalen dennoch den Abstieg. Die erst vor einer Woche geholte mobile Ein-Mann-Eingreiftruppe Jörg Berger scheiterte diesmal – trotz eines Kurz-Trainingslagers in einem Kloster. Bitter für den Trainerfuchs, der in seiner Karriere schon diverse Bundes- und Zweitligateams vor dem Abstieg bewahrt und dem der Frankfurter Fjörtoft einst attestiert hatte, dass er auch die Titanic gerettet hätte. Der Arminia-Abstieg trotz Bergers Eingreifen legt einen wissenschaftlich wertvollen Rückschluss nahe: Eine Saison mit nur vier Siegen in 34 Spielen hat eine verheerendere Wirkung als die Kollision mit einem Eisberg.