Konjunkturexperten Ausmaß der Finanzkrise noch nicht absehbar

Führende Wirtschaftsforschungsinstitute halten das Ausmaß der Finanzkrise noch nicht für absehbar. Staatliches Eingreifen sei notwendig; im Vordergrund müsse die Rekapitalisierung des Bankensystems stehen.

Angeschlagener Finanzmarkt: Bei instabilem Bankensektor droht Kollaps der realwirtschaftlichen Investitionen. Foto: ddp

Ausmaß der Finanzkrise noch nicht absehbar

Den Experten zufolge droht die aktuelle Bankenkrise von einer Liquiditätskrise zu einer Solvenzkrise zu werden. Erhebliche Abschreibungen der Finanzinstitute und ihre hohen Refinanzierungskosten hätten unter anderem das Eigenkapital der Banken geschmälert. Staatliches Eingreifen sei daher notwendig. Jetzt müsse im Vordergrund stehen, dass gesamte Bankensystem zu rekapitalisieren.

Den Instituten zufolge muss es in den kommenden Monaten zu einer Stabilisierung des Bankensektors kommen. Andernfalls wäre mit einem Einbruch der Investitionstätigkeit in der Realwirtschaft zu rechnen und die zugespitzte Lage in den Bankensystemen der USA und Europas würde über den internationalen Konjunkturverbund auch andere Volkswirtschaften mit bislang stabilen Finanzsystemen in Mitleidenschaft ziehen, hieß es weiter.

Eckpunkte des Herbstgutachtens 2008

- Wachstum: Die Institute rechnen für 2008 mit einem Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,8 Prozent. Dämpfend auf die Konjunktur wirken sich vor allem die Belastungen vonseiten der Finanz- und Immobilienmärkte aus. Zudem habe sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft fast zwei Jahre lang aufgrund der Aufwertung des Euro verschlechtert. Für 2009 liegt die Prognose zum Wirtschaftswachstum bei 0,2 Prozent. In Deutschland bleibt die Investitionstätigkeit gedrückt und die Kapazitätsauslastung gehe zurück. Noch im Frühjahrsgutachten hatten
die Experten für 2009 ein Plus von 1,4 Prozent erwartet.

- Verbraucherpreise: Der Anstieg der Verbraucherpreise beträgt nach Ansicht der Institute in diesem Jahr 2,8 Prozent und 2009 2,3 Prozent. Bei ihren Annahmen gehen die Forscher von einem durchschnittlichen Ölpreis in Höhe von 100 Dollar je Barrel (159 Liter) aus. Sie haben ihrer Prognose außerdem die Annahme eines Euro-Kurses von 1,45 Dollar zugrundegelegt.

- Arbeitsmarkt: Die Zahl der Arbeitslosen dürfte 2008 im Jahresdurchschnitt bei 3,26 Millionen liegen. Auch im kommenden Jahr rechnen die Experten mit dieser Arbeitslosenzahl. Sie entspräche einer bundesweiten Arbeitslosenquote von 7,5 Prozent. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte von 40,3 Millionen 2008 auf 40,22 Millionen 2009 sinken.

- Staatsdefizit: In diesem Jahr erwarten die Experten noch ein positives Budgetsaldo im Haushalt. Der Überschuss liegt demnach bei 0,2 Prozent des BIP. Für kommendes Jahr wird mit einer Stagnation bei 0,0 Prozent des BIP gerechnet.

- Geldpolitik: Die Konjunkturexperten gehen angesichts der Änderung ihrer Liquiditätspolitik von weiteren Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) aus.

Handlungsfähigkeit beweisen – Wachstumspolitik vorziehen

Hanns-Eberhard Schleyer, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), erklärt zum Herbstgutachten 2008: "Deutschland steht am Rande einer Rezession. Nach den Prognosen der Wirtschaftsinstitute dürfte es zu einem Einbruch auf breiter Front kommen, nicht zuletzt als Folge der internationalen Finanzmarktkrise. Von den bisherigen Antriebskräften der Investitions- und der Exportnachfrage sind keine positiven Impulse mehr zu erwarten und der Private Konsum bleibt schwach."

"Wo die Reallöhne stagnieren, ist nicht mit Mehrausgaben zu rechnen, zumal die Menschen in höchstem Maße verunsichert sind und ihr Geld jetzt noch stärker zusammenhalten als bisher. Das Handwerk wird von diesen Entwicklungen in besonderem Maße betroffen sein", sagte Schleyer weiter.

Was das Handwerk jetzt brauche, seien Vertrauen schaffende Signale und Maßnahmen, die die Wirtschaft stützen und Schlimmeres verhindern helfen. "In dieser kritischen Phase, müssen alle Planungen, die zu mehr Belastungen für die Wirtschaft und für die Bürger führen, auf den Prüfstand. Wir brauchen ein Belastungsmoratorium – belastende Gesetzentwürfe und Maßnahmen sind im Zweifel auszusetzen und zu überarbeiten", ergänzte Schleyer.

Zudem seien Maßnahmen vorzuziehen, die das Wachstum dauerhaft stärken. Die kalte Progression habe dem Finanzminister allein in diesem Jahr zusätzlich 4,3 Milliarden Euro eingebracht. Daher forderte Schleyer, "um die Bürger zu entlasten, muss die kalte Progression insbesondere im Bereich des Mittelstandsbugs beseitigt werden. Ferner kann der Solidaritätszuschlag als erste und sofort umsetzbare Maßnahme von 5,5 Prozent auf 3,3 Prozent gesenkt werden."

Eine zusätzliche Stütze für die Konjunktur könne der Klimaschutz sein. "Wir schlagen deshalb eine steuerliche Energiesparprämie für Investitionen in Gebäudesanierungen vor. Das nützt dem Klima und schafft Aufträge im Handwerk. Und schließlich erwarten wir im Hinblick auf das Stabilisierungspaket, dass die vorgesehenen Instrumente zur Stabilisierung des Finanzsystems nachprüfbar dazu führen, dass es bei der Kreditgewährung an mittelständische Unernehmen wieder zu einer Entspannung kommt", sagte der ZDH-Generalsekretär.

Als gänzlich inakzeptabel betrachte der ZDH dagegen die Planungen der Bundesregierung, den Steuerbonus für Handwerksleistungen nun doch nicht verbessern zu wollen. "Damit wird eine große Chance für eine stärkere legale Beauftragung von Handwerksleistungen, eine wirksame Bekämpfung der Schwarzarbeit und für die Sicherung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen im Handwerk vertan. Auch aus gesamtwirtschaftlichen Erwägungen erwarten wir hier noch deutliche Korrekturen“, so Schleyer abschließend.

Allgemeine Informationen zur Gemeinschaftsprognose

Die Gemeinschaftsprognose wird von führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten seit 1950 jeweils im Frühjahr und im Herbst eines Jahres erstellt. Sie prognostiziert die Konjunkturentwicklung. Nach einer Neuausschreibung durch das Bundeswirtschaftsministerium für die Periode Herbst 2007 bis Frühjahr 2010 sind neben einzelnen Instituten auch Arbeitsgemeinschaften mit ausländischen und anderen deutschen Instituten daran beteiligt.

Erstellt wird das diesjährige Herbstgutachten vom Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (IfW), dem Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung mit der Konjunkturforschungsstelle der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH), Zürich; dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IHW) mit dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Düsseldorf, und dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), Wien, sowie dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) mit dem Institut für Höhere Studien (IHS), Wien.

ddp/ZDH