Videobeweis, Torrichter oder Chip im Ball? Stefan Galler hat in der DHZ-Bundesligakolumne einen anderen Vorschlag: Etwa zwei Zentimeter große Unparteiische, die man mit der Luft in den Ball pumpen könnte.
Auslaufmodell Schiedsrichter, ehrliche Platzwarte und zockende Reporter
Meisterbetrieb: Torwart bei der Steuerfahndung
Eines ist seit dem Eröffnungsspiel am Freitag klar: Auch ohne Felix Magath sind die Wölfe bissig – und vermutlich in dieser Saison abermals ein heißer Tipp für den Titel. Gegen den VfB Stuttgart spielten die Niedersachsen groß auf, ins Schwitzen kam nur der neue Trainer Veh, weil es in der Volkswagenarena so heiß war.
Vielleicht war es aber auch nur die Konstellation, die bei Veh die Poren öffnete: Als früherer VfB-Meistermacher gegen die ehemalige Elf inklusive des ehemaligen Assistenztrainers Babbel antreten zu müssen – und das auf der Bank des aktuellen Meisters.
Seine neue Mannschaft vermittelte dagegen nicht den Eindruck, an der Bürde des Titelverteidigers besonders schwer zu tragen. Obwohl auch der VfB stark auftrat, wurde munter drauflos gespielt – und am Ende 2:0 gewonnen.
Bei den Stuttgartern war die Laune nach der Partie naturgemäß nicht so gut, auch weil sich Rechtsverteidiger Träsch das Handgelenk brach. Wenigstens haben sie seit dem Wochenende einen neuen Controller für die Klub-Finanzen: Jens Lehmann, der findige Liga-Methusalem hat nämlich ohne einen Blick in die Bücher zu werfen, für Sportdirektor Horst Heldt schon mal ausgerechnet, dass der noch 23 Millionen auf dem Transfermarkt ausgeben kann. 30 Mille wurden für Gomez eingenommen, nur sieben für Hleb und Pogrebnyak ausgegeben – also raus mit den Moneten, fordert der Keeper. Angeblich plant das Finanzamt schon fest mit Lehmann, wenn der im nächsten Sommer aufhört. Einen besseren Steuerfahnder kann man sich wirklich kaum wünschen. Eines ist jedenfalls klar: Wenn Heldt eine Schwarze Kasse einrichten will, muss er erst mal an seinem Torwart vorbei.
Gesellenstück: Torrichter in Chipgröße
Über 30.000 Leute im Stadion hatten es gar nicht übersehen können, doch die Beiden, die es hätten sehen müssen, hatten offenbar einen heftigen Knick in der Optik. Beim ersten Saison-Topspiel am Samstag in Sinsheim leisteten sich Schiri Rafati und sein Assistent Willenborg einen bösen Aussetzer, als sie ein klares Tor von Hoffenheims Simunic gegen die Bayern schlichtweg übersahen. Ganz Fußball-Deutschland fordert nun wieder wahlweise Videobeweis, Torschiedsrichter oder einen Chip im Ball. Unser Vorschlag wäre, etwa zwei Zentimeter große Unparteiische zu züchten, die man mit der Luft in den Ball pumpen könnte. Die bekommen winzige Kameras in die Hand und liefern als Torrichter in Chipgröße nebenbei auch noch Videobeweise ohne Ende.
Bei Gelegenheit könnten diese neuen Regelhüter dann auch darauf aufpassen, was Mark van Bommel so anstellt. Der gewohnt rustikal auftretende Holländer brachte gegen Hoffenheim mit Bodychecks und Blutgrätschen mal wieder alle gegen sich auf. Gerechterweise war das einzige Opfer von van Bommels fußballerischem Amoklauf er selbst: Zehe gebrochen, Operation, Pause.
Und die große Chance für Neuzugang Timoschtschuk, der überraschend zu Saisonbeginn nur Ergänzungsspieler ist. Der Ukrainer, mit eigenem Koch, Masseurin und Pressesprecher nach München gekommen, hatte unbestätigten Gerüchten zufolge schon die holländische Staatsbürgerschaft beantragt, um auch endlich mal einen Gesprächstermin bei Trainer van Gaal zu bekommen. So schnell lösen sich Probleme manchmal von ganz alleine.
Erstes Lehrjahr: Tante Käthe als Basisdemokrat
Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, der Schiedsrichter in seiner jetzigen Form und Funktion ist ein Auslaufmodell. Das wurde am Wochenende nicht nur in Sinsheim, sondern auch in Mainz mehr als deutlich. Dort musste sich Bayer Leverkusen am Ende mit einem Remis begnügen, weil Referee Aytekin zunächst den Mainzern jenen Freistoß schenkte, der zum 2:2 führte und später dem vermeintlichen Leverkusener Siegtor die Anerkennung verweigerte. Das brachte Bayers Sportdirektor Rudi Völler derart auf die Palme, dass er die Abschaffung des Regelhüters forderte: "Dann spielen wir halt in Zukunft ohne ihn. Dann ist Foul, wenn das Publikum pfeift. Oder wir können es den Platzwart machen lassen." Völler schloss mit den Worten: "Wir sind um zwei Punkte beschissen worden.
Der Wutausbruch macht mehrere Dinge deutlich: Erstens hält Völler offenbar Platzwarte für ehrlichere Leute als Schiedsrichter. Und zweitens scheint der frühere DFB-Teamchef ein echter Basisdemokrat zu sein: Lieber eine Blitzumfrage im Stadion als sich der Allmacht eines Einzelnen zu unterwerfen. Bleibt nur die Frage, wie man bei strittigen Situationen unter 30 000 oder mehr Menschen in Windeseile ein repräsentatives Ergebnis bekommt, dass auch noch das zahlenmäßige Verhältnis von Heim- und Auswärtsfans berücksichtigt. Da hilft vermutlich nur ein Torrichter in Chipgröße…
Zwei linke Hände: Kartenspieler am Mikrofon
Endlich kommt sie ans Licht, die Wahrheit über Fußballjournalisten im Fernsehen. Felix Magath verpackte die Enthüllung rhetorisch geschickt, als er einen Reporter vom Pay-TV nach dem Sieg seiner Schalker gegen Nürnberg anblaffte, er wisse ja nicht, ob sein Gegenüber das Spiel gesehen oder Karten gespielt habe. Wir vermuten, dass Magath gute Quellen hat.
Schließlich drängt sich der Verdacht auf, dass etwa in der ZDF-Sportredaktion eine ganze Reihe von großen Zockern sitzt. Besonders jener Reporter mit dem branchenbekannten Spitznamen "Poschi", ein früherer Leichtathlet, der Fußball nur vom Hörensagen kennt, scheint sogar während seiner Live-Kommentare Karten zu spielen. Das wäre eine Erklärung dafür, dass seine Auftritte fachlich und rhetorisch mehr der Sieben als der Ass entsprechen. Auch Sportstudio-Moderator Steinbrecher kämpft gelegentlich mit den Tücken seines Jobs. So auch am Samstag, als er versuchte, den Zuschauern eine Panne bei der Ausstrahlung der Zusammenfassung von Hoffenheim gegen Bayern damit zu erklären, dass "das Top-Spiel ziemlich aktuell" sei. Wie schnell die zwei Stunden zwischen Abpfiff und Sportstudio-Beginn doch verflogen sein müssen, vielleicht ja in einer trauten Zockerrunde.