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Zweit- oder Mehrfachausbildung Ausbildungszeiten verkürzen: Was alles angerechnet wird

Wer nach einer abgeschlossenen Ausbildung eine weitere in einem anderen Beruf absolviert, kann sich oftmals Ausbildungszeiten anrechnen lassen und die Lehre verkürzen. Möglich ist das aber auch noch in ganz anderen Fällen. Ein Überblick.

Von den 5.424 Menschen, die im Jahr 2017 nach einer erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung im Handwerk eine weitere Ausbildung im dualen System absolviert haben, konnten 3.159 die zweite Ausbildungszeit verkürzen und vorzeitig an der Gesellenprüfung teilnehmen. Wie sie das geschafft haben, ist individuell sehr unterschiedlich. "Es ist eine Ermessenssache, die zwischen Ausbildungsbetrieb, Azubi und der zuständigen Handwerkskammer ausgehandelt wird", erklärt Dr. Monika Hackel, Berufsbildungsexpertin beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und meint damit, dass viele Faktoren ausschlaggebend sein können für eine Verkürzung und diese wiederum wenige Wochen bis hin zu ganzen Ausbildungsjahren umfassen kann. Die Verkürzung kann bereits im Ausbildungsvertrag festgehalten werden oder später auf Antrag erfolgen.

Verkürzung der Ausbildungszeit: Schulische und berufliche Bildung zählt

Doch nicht nur, wer eine sogenannte Mehrfachausbildung absolviert, kann diese verkürzen. In bestimmten Fällen kann auch die Erstausbildung verkürzt werden oder eine abgebrochenen Lehre wird in verkürzter Form im selben Beruf, aber in einem anderen Betrieb, fortgeführt.

Zu diesen Faktoren, die über eine Verkürzung der Ausbildungszeit entscheiden, gehören:

  • der Schulabschluss (Haupt- oder Realschulabschluss oder Abitur),
  • berufliche Vorerfahrung etwa durch Praktika oder eine ungelernte Arbeit in einem Beruf,
  • eine angefangene oder auch abgeschlossene Berufsausbildung in einem sehr ähnlichen Beruf,
  • ein angefangenes oder abgeschlossenes Studium in einem Fach, das thematisch dem Berufs nahesteht oder auch
  • sehr gute Leistungen, die sich erst während der Ausbildung zeigen.

Ausbildungszeit verkürzen: Was kann wie angerechnet werden

  • Fachoberschulreife => Verkürzung um sechs Monate möglich
  • Fachhochschulreife => Verkürzung um zwölf Monate möglich
  • Abitur => Verkürzung um zwölf Monate möglich
  • Abgeschlossene Berufsausbildung => Verkürzung um zwölf Monate möglich
  • Lebensalter > 21 Jahre => Verkürzung um zwölf Monate möglich
  • Besuch einer Berufsfachschule => Verkürzung um bis zu 18 Monate möglich
Quelle: HWK Köln 

Azubis im Handwerk können eine Ausbildung allerdings nur auf maximal die Mindestausbildungszeit verkürzen. Diese beträgt:

  • Bei einer zweijährigen Ausbildung (beispielsweise Fahrradmonteur) zwölf Monate.
  • Bei einer dreijährigen Ausbildung (die meisten klassischen Handwerksberufe) 18 Monate.
  • Bei einer vierjährigen Ausbildung (beispielsweise Mechatroniker) 24 Monate.

Wann man direkt ins zweite Lehrjahr einsteigen kann

Zeigt sich ein mögliches Potenzial für eine verkürzte Erstausbildung – eine vorgezogene Gesellenprüfung – meist erst im Laufe der Ausbildungszeit, so kann man bei einer Mehrfachausbildung die Verkürzung schon von vorneherein planen. "Sind Vorkenntnisse aus einem anderen Beruf oder Berufserfahrungen aus einer ähnlichen Ausbildung vorhanden, steigen die meisten dieser Azubis quasi im zweiten statt im ersten Lehrjahr ein", sagt Monika Hackel. Dann bekommen sie auch die Ausbildungsvergütung des zweiten Jahres. Für die Fälle, bei denen die berufliche Vorbildung berücksichtigt wird, greift die Anrechnung nach § 7 der Berufsbildungsgesetzes (BBiG), bei der Auszubildende so behandelt werden, als haben sie die relevante Ausbildungszeit, die die Verkürzung bestimmt, bereits zurückgelegt. Dabei werden auch schulische Einstiegsqualifizierungen berücksichtigt.

Anders sieht es aus, wenn etwa Studienabbrecher sich doch für eine Berufsausbildung entscheiden und nur ein oder zwei Monate nach Beginn eines Ausbildungsjahres mit der Lehre beginnen. "Auch dann spricht man von einer Verkürzung, die im Ausbildungsvertrag festgehalten wird", so die Expertin zu einem weiteren typischen Fall. Zudem gibt es die Fälle, bei denen eine Verkürzung nach §8 Abs. 1 BBiG angestrebt wird. Dabei endet die Ausbildung vor dem Ablauf der eigentlich vorgesehenen Ausbildungsdauer.

"Prinzipiell wird immer die Ausbildungszeit verkürzt, aber die Gesellenprüfung am Ende hat den gleichen Umfang, wie wenn eine reguläre Ausbildungszeit vorhergegangen ist", sagt Monika Hackel. Es können also keine Prüfungen in einzelnen Fächern wegfallen, weil man diese bereits in einer vorhergehenden Ausbildung bestanden hat. Prüfungen insgesamt können aber vorgezogen werden – egal, ob in der Erst- oder der Zweitausbildung.

Das gilt bei der vorzeitigen Zulassung zur Gesellenprüfung

Für die vorzeitige Zulassung zur Gesellenprüfung (nach § 37 der Handwerksordnung) muss ein Antrag bei der Stelle eingereicht werden, die die Prüfung abnimmt. Das ist je nach Beruf entweder die Handwerkskammer oder die Innung. Mit dem Antrag müssen die Azubis gute Leistungen in der betrieblichen Ausbildung und in den berufsbezogenen Fächern der Berufsschule nachweisen. Ein Notendurchschnitt von mindestens 2,49 gilt dabei als "gute Leistung". Eine betriebliche Beurteilung belegt die praktischen Leistungen. Von einer vorzeitigen Zulassung zur Gesellenprüfung spricht man bei weniger als zwölf Monaten bis zum formellen Ausbildungsende. So kann man die Gesellenprüfung aufgrund von guten Leistungen um sechs Monate vorziehen. 

Neben den Möglichkeiten, eine Berufsausbildung zu verkürzen, gibt es noch die Variante, den Gesellenbrief ganz ohne Lehrzeit im Betrieb und ohne die Unterstützung durch den Berufsschulunterricht zu erhalten: über die sogenannte Externenprüfung. Die Details zu diesem Berufsbildungsweg können Sie hier nachlesen.>>>

Monika Hackel rät denjenigen, die nicht den klassischen Weg der Berufsausbildung – das "von der Pike auf" lernen – wählen wollen, sich im Vorfeld gut beraten zu lassen. Je nach individuellem Bildungsweg, je nachdem, welcher Beruf gewählt werden soll und auch ob ein Tarifvertrag greift oder nicht, gibt es nämlich Unterschiede.

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