Bildungsstudie Ausbildung: Verdrängen die Abiturienten langsam die Hauptschüler?

Immer mehr Abiturienten drängen auf den Ausbildungsmarkt. Das zeigt eine aktuelle Bertelsmann-Studie und legt die Schlussfolgerung nahe, dass Hauptschüler immer weniger Chancen haben. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass es im Handwerk anders aussieht.

Schulunterricht
Immer mehr Schüler mit Abitur machen eine Ausbildung, aber viele Jugendliche finden auch keinen Ausbildungsplatz. Dabei gibt es genug offene Lehrstellen. - © Kzenon - stock.adobe.com

Die berufliche Ausbildung wird für Abiturienten immer attraktiver. Gleichzeitig verschlechtern sich die Ausbildungschancen von Hauptschülern. Zu diesem Ergebnis kommen die Autoren des Monitor Ausbildungschancen 2023, den das FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt. Die Studie betrachtet die Veränderungen auf dem Ausbildungsmarkt seit 2011.

Die Auswertung zeigt, dass in diesem Zeitraum zum einen immer mehr Schüler mit Abitur eine Ausbildung begonnen haben. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Hauptschüler mit anschließendem Ausbildungsvertrag verringert. Besonders beunruhigend finden die Autoren, dass immer mehr Jugendliche in keiner Übergangsmaßnahme nach der Schule aufgefangen werden.

Vor allem für Jugendliche mit niedriger Schulbildung wird es offenkundig trotz vieler tausend unbesetzter Ausbildungsplätze immer schwieriger, einen Ausbildungsplatz zu ergattern, schreiben die Autoren der Bertelsmann-Studie. Die Ursachen dafür sehen sie unter anderem in steigenden Qualifikationsanforderungen auf dem Ausbildungsmarkt und in regionalen Ungleichgewichten. Auch habe die Corona-Krise vielen Jugendlichen den Berufseinstieg aufgrund fehlender Praktika und Orientierungsmöglichkeiten erschwert.

"Für diese jungen Menschen ist die Gefahr besonders groß, ohne berufliche Qualifizierung zu bleiben und damit in prekären Beschäftigungsverhältnissen oder Dauerarbeitslosigkeit zu landen", warnt Clemens Wieland, Ausbildungsexperte der Bertelsmann Stiftung.

Die Ergebnisse im Detail:

  • Hochschulabschluss: In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil derer, die mit Abitur eine duale oder schulische Ausbildung beginnen, von 35 Prozent im Jahr 2011 auf 47,4 Prozent im Jahr 2021 gestiegen.
  • Hauptschulabschluss: Zwischen 2011 und 2021 hat sich der Anteil der Jugendlichen, die mit einem Hauptschulabschluss die Berufsausbildung beginnen, um ein Fünftel verringert.
  • Ausbildungsverträge: Auch die Gesamtzahl der Ausbildungsverhältnisse sinkt im langfristigen Vergleich: Wurden 2007, dem letzten Höchststand, noch 844.000 Ausbildungsverhältnisse neu begründet, so liegt im Jahr 2021 die Zahl bei 706.000 Ausbildungsverträgen. Damit ist die Zahl der Ausbildungsverträge insgesamt um fast 140.000 gesunken. Dies ist laut den Studienautoren auf rückläufige Zahlen bei den dualen Ausbildungsverhältnissen (Rückgang um 158.000) bei einem gleichzeitig leichten Anstieg bei den schulischen Ausbildungen (Anstieg um 20.000) zurückzuführen.
  • Keine Übergangsmaßnahme nach der Schule: Die Zahl der Jugendlichen, die sich weder in Ausbildung noch in der Schule oder in Arbeit befinden, die sogenannten NEETs (Not in Employment, Education or Training), hat sich deutlich erhöht. 2021 werden in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen 630.000 Personen zu den NEETs gezählt, im Jahr 2019 waren es 492.000.

Hauptschüler willkommen

Die Kritik, dass zu wenige Jugendliche mit Hauptschulabschluss eine Chance auf eine Ausbildung haben, weist der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) für seinen Bereich zurück. Nach wie vor ist das Handwerk sehr engagiert in der Ausbildung neuer Fachkräfte. 27 Prozent der Betriebe bilden aus, wie die aktuelle Sonderumfrage "Ausbildungssituation im Handwerk" des Zentralverbands des Deutschen Handwerks im dritten Quartal 2022 ergab.

Aus der Umfrage mit fast 8.000 Handwerksbetrieben geht außerdem ein eklatanter Bewerbermangel hervor. Laut ZDH war 2022 jeder dritte Handwerksbetrieb auf der Suche nach Auszubildenden. Davon konnte aber jeder Zweite keinen seiner angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Außerdem sind schon seit Jahren mehrere tausend Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt. Im vergangenen Jahr bleiben laut den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit im Handwerk 19.847 Lehrstellen offen.

Handwerk als Integrationsmotor

Die These der Studienmacher, dass die Abiturienten die Hauptschüler und die Jugendlichen ohne Abschluss verdrängen, trifft zumindest im Handwerk nicht zu. Das Handwerk ist schon seit Jahren der Wirtschaftsbereich, der prozentual die meisten Hauptschüler aufnimmt. Laut Verband hatten 2021 36 Prozent aller neuen Auszubildenden im Handwerk einen Hauptschulabschluss, knapp 17 Prozent das Abitur. Zwar hat der Anteil der Abiturienten in den vergangenen Jahren zugenommen. Dies hängt aber mit vielen Faktoren, wie zum Beispiel auch damit zusammen, dass generell mehr Schüler einen Hochschulabschluss machen.

Im Handwerk werden aber nicht nur viele Hauptschüler, sondern auch Schüler aufgenommen, die sonst durchs Raster fallen, wie Schulleistungsschwächere oder Menschen mit Migrationshintergrund. "So macht die Hälfte aller Auszubildenden mit einer Staatsangehörigkeit aus einem der acht Asylzugangsländern im Handwerk seine Ausbildung, damit bildet das Handwerk hier im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen überproportional viele Geflüchtete aus," sagt eine Sprecherin des ZDH, "14 Prozent der Azubis im Handwerk haben einen sogenannten Migrationshintergrund, in der Gesamtwirtschaft sind es nur elf Prozent."

Unterstützung für Schüler, aber auch Betriebe notwendig

Bleibt die Frage offen, wie den Jugendlichen, die trotzdem keine Ausbildung finden und den Betrieben, die ihre Stellen nicht besetzen können, geholfen werden kann.

Die Macher der Bertelsmann-Studie fordern eine bessere Integration von Jugendlichen mit niedriger Bildung im deutschen Ausbildungssystem. "Wir brauchen eine Ausbildungsgarantie, die wirklich jedem jungen Menschen eine Ausbildungschance gibt und die auch individuelle Begleitung und Unterstützung beinhaltet, um den Abschluss zu erreichen", sagt Wieland. "Der aktuelle Gesetzesentwurf zur Ausbildungsgarantie greift hier noch deutlich zu kurz."

Die Jugendlichen müssten vor allem passgenauer gefördert werden, heißt es beim ZDH. Lerndefizite, die den Erfolg einer Ausbildung erschweren, müssten ausgeglichen werden. Hierfür gibt es bereits Programm, wie zum Beispiel: VerA (Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen). Für die Betriebe wiederum soll in diesem Jahr, als eine von vielen Maßnahmen, zum dritten Mal der Sommer der Berufsbildung stattfinden. So könnten die vielen Kleinst- und Kleinbetriebe im Handwerk, die zwar ausbilden wollen, aber keine Auszubildenden finden, unterstützt werden – bei der Bewerberakquise und ihren Berufsorientierungsaktivitäten.

Ergebnisse des Berufsbildungsberichts 2022

Eine genauere Aufschlüsselung darüber, welcher Wirtschaftssektor, welchen Anteil der Schulabgänger aufnimmt, bietet der Berufsbildungsbericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung 2022.

  • Im Handwerk hatten im Jahr 2020 15,7 Prozent der Auszubildenden mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag eine Studienberechtigung, 41,4 Prozent einen Realschulabschluss. 36,7 Prozent hatten einen Hauptschulabschluss. 4,1 Prozent hatten keinen Hauptschulabschluss.
  • Im Vergleich dazu hatten 2008 bis 2010 6,9 Prozent der Auszubildenden mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag eine Studienberechtigung, 35,4 Prozent einen Realschulabschluss, 53,5 Prozent einen Hauptschulabschluss und 4,2 Prozent waren ohne Abschluss. (Quelle: Berufsbildungsbericht 2012)
  • In Industrie und Handel waren 2020 unter den Auszubildenden mit Neuabschluss junge Menschen mit Realschulabschluss (40,7 Prozent) am stärksten vertreten, gefolgt von jungen Menschen mit Studienberechtigung (34,8 Prozent) und mit Hauptschulabschluss (19,7 Prozent). Drei Prozent hatten keinen Hauptschulabschluss.
  • In den Freien Berufen stellten die Auszubildenden mit Neuabschluss und Realschulabschluss 2020 den größten Anteil (46,5 Prozent). 29,4 Prozent verfügten über eine Studienberechtigung. Einen Hauptschulabschluss hatten 20,2 Prozent; 1,1 Prozent hatten die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen.
  • In der Landwirtschaft waren bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen 2020 Auszubildende mit einem Realschulabschluss am stärksten vertreten (38,6 Prozent). 28,1 Prozent hatten einen Hauptschulabschluss und 25,9 Prozent eine Studienberechtigung. Aber auch vergleichsweise viele junge Menschen ohne Haupt-schulabschluss (6,5 Prozent) hatten in diesem Bereich einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen.
  • Im öffentlichen Dienst verfügte 2020 mehr als die Hälfte der Auszubildenden mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag über eine Studienberechtigung (54,1 Prozent). 41,7 Prozent hatten einen Realschulabschluss, 3,8 Prozent einen Hauptschulabschluss und 0,2 Prozent keinen Hauptschulabschluss.
  • In der Hauswirtschaft war 2020 der Anteil der jungen Menschen mit Hauptschulabschluss (54,2 Prozent) am höchsten. Auch der Anteil der Auszubildenden ohne Hauptschulabschluss fiel hier deutlich höher aus als in den anderen Zuständigkeitsbereichen (28,8 Prozent). 13,5 Prozent verfügten über einen Realschulabschluss, 1,7 Prozent über eine Studienberechtigung.

Auch die Autoren des Berufsbildungsbericht stellen fest, dass der Anteil der jungen Menschen mit Hauptschulabschluss seit 2010 in nahezu allen Zuständigkeitsbereichen abgenommen und der Anteil derjenigen mit Studienberechtigung zugenommen hat. Sie merken allerdings an, dass diese Entwicklung auch vor dem Hintergrund der insgesamt sinkenden Zahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger aus allgemeinbildenden Schulen mit Hauptschulabschluss gesehen werden muss, die sowohl durch den Trend zu höherqualifizierenden, allgemeinbildenden Abschlüssen als auch strukturelle Veränderungen im Schulbereich bedingt ist.