Geschichte einer Umschulung Azubi mit 52 Jahren: "Wusste damals nicht, dass es das gibt"

Es gibt Menschen, für die ist schon in jungen Jahren klar: Handwerk ist mein Ding. Andere müssen erst noch überzeugt werden. Und wieder andere brauchen Zeit, um irgendwann zu wissen, dass das, wonach sie beruflich immer schon gesucht haben, im Handwerk liegt. Quereinsteiger nennt man sie. Christine Feldhinkel ist ein solches Beispiel. Wie sie die Umschulung meisterte – auch finanziell.

Schulbänke
Für eine Ausbildung zurück auf die Schulbank? Jederzeit! Auch mit 30, 40 oder 50 Jahren. - © laytatius - stock.adobe.com

Als Christine Feldhinkel die Ausbildung zur Orthopädietechnik-Mechanikerin bei Adviva in Heidelberg begann, war sie 52 Jahre alt. Heute, vier Jahre später und als Gesellin, sagt sie: "Ich würde es immer wieder machen." Das Handwerk ist ihr nicht fremd. Insofern ist sie zwar Quereinsteigerin in die Orthopädietechnik, aber nicht ins Handwerk an sich.

17 Jahre arbeitete sie als Schreinerin in einem kleinen Betrieb in Lampertheim. Als sie sich nach dem Abitur für die Ausbildung entschied, war sie als Frau in einem Männerberuf ein Exot. Das war Ende der 80er-Jahre. Gerade einmal drei Mädels zählte man in ihrer Klasse. "Am Ende gab es nur noch mich", sagt sie. Die anderen Frauen hatten die Lehre zwischenzeitlich abgebrochen.

Ausbildung statt Rente

Dass sie als Schreinergesellin über Jahre ihre "Frau" stand, macht Christine Feldhinkel stolz. "Ich würde jeder Frau empfehlen, sich an einen Männerberuf zu trauen, wenn sie sich dafür interessiert", daran lässt sie keinen Zweifel. "Auch wenn ich mir meine Anerkennung damals erst erkämpfen musste." Es sind Anekdoten, die zur Geschichte einer Frau gehören, die sich in ihren 50ern noch einmal auf die Schulbank setzte. Irgendwann war klar, dass sie als Schreinerin nicht bis 67 würde arbeiten können. "Mein Rücken machte einfach nicht mehr mit", erklärt sie. Es folgten Rücken-OP, bleibende Schmerzen im Bein, einhergehend mit Einschränkungen beim Laufen. Eine Verrentung stand im Raum. "Aber nichts mehr machen – das konnte ich mir nicht vorstellen", erklärt sie.

Christine Feldhinkel
Christine Feldhinkel wagte sich mit 52 Jahren an die Umschulung zur Orthopädietechnik-Mechanikerin. Sie bestand die Gesellenprüfung mit Bravour und brennt für ihr Handwerk. - © privat

Guter Mix aus Handwerk und Medizin

Und so fügten sich alte Interessen und neue Gegebenheiten, die eigene Physis und glückliche Zufälle gemeinsam mit der großen Liebe zum Handwerk wie Puzzleteile zusammen zu einem neuen Berufsbild. "Wenn ich zurückblicke, dann wäre die Orthopädietechnik immer schon ein geeigneter Beruf für mich gewesen. Ich wusste in jungen Jahren einfach nicht, dass es sie gibt", sagt Christine Feldhinkel. Medizinische Themen hätten sie immer schon interessiert. Und dann gab es da noch diese Fernsehsendung, in der ein Mädchen und ihre myoelektrische Armprothese vorgestellt wurden. "Ich war absolut fasziniert", erzählt sie. Vom Arm, den Christine Feldhinkel heute als Grund für ihre Berufsentscheidung nennt, ebenso wie von der Verbindung aus Handwerk und Medizin. Der eigene Aufenthalt in der orthopädischen Klinik in Schlierbach aufgrund ihrer Rücken- und Gehbeschwerden waren wie der letzte Tropfen zur Entscheidung: "Ich packe noch einmal eine Ausbildung an", so die 56-Jährige. "Ich habe für den Beruf gebrannt, noch bevor ich ihn richtig angefangen habe."

Finanzielle Unterstützung

Getragen und gefördert wurde die Umschulung in diesem Fall von der Deutschen Rentenversicherung. Anstelle von Lehrgeld erhielt Christine Feldhinkel das sogenannte Übergangsgeld. Der finanzielle Part war damit gesichert. Anderes sah die Handwerkerin als Herausforderung für sich selbst: nur zwei anstelle von regulär drei Ausbildungsjahren, sich ein komplexes fachmedizinisches Wissen innerhalb der verkürzten Zeit anzueignen, mit Anfang 50 zurück auf der Schulbank neben anderen Azubis Platz nehmen, die gut und gerne 30 Jahre jünger sind, und das in Zeiten von Corona, wo sich Ausbildung und Unterricht ohnehin ganz neu orientieren mussten. "Ich wusste nur: Irgendwie schaffe ich das schon", so die Orthopädietechnik-Mechanikerin im Rückblick.

Manche Sorge erwies sich dann als völlig unbegründet: "Die ganze Klasse hat mich toll aufgenommen. Ich war begeistert, wie selbstverständlich mich alle integriert haben." Da waren die Lehrer wohl deutlich irritierter. "Eine so alte Schülerin hatten die noch nie", schmunzelt Christine Feldhinkel. Sie wurde geduzt, die Lehrer siezte sie. Die Schwierigkeit, in knapper Zeit viel Wissen nebst handwerklicher Präzision zu erlernen, blieb. Bei Adviva in Heidelberg, ihrem Ausbildungsbetrieb, hatte man ihr empfohlen, im Winter mit der Umschulung zu starten, da sie so nur ein halbes Jahr hinter den regulären Azubis sei. "Das war eine geniale Idee", sagt die 56-Jährige. "Durch den Einstieg im Halbjahr fehlte tatsächlich nur ein Blockunterricht."

Und dennoch. Als Christine Feldhinkel am 1. Februar 2020 in die Ausbildung startete, hatte sie direkt Schule und Werkstattunterricht. "Alle anderen haben sich schon das halbe Jahr zuvor in den Werkstätten ihrer Ausbildungsbetriebe ausprobiert. Für mich war das komplett neu", erzählt sie. Auch wenn es etwas völlig anderes ist: Die Jahre als Schreinerin kamen ihr da zugute.

Wissbegierig und mit Freude am Lernen

Das Ende vorausgenommen: Christine Feldhinkel schaffte ihre Gesellenprüfung – nicht irgendwie, sondern als Zweitbeste im Wintersemester. Seit Februar 2022 ist sie Gesellin im Orthopädietechniker-Handwerk. Und das Lernen machte so großen Spaß, dass sie am liebsten gleich noch den Meister drangehängt hätte. Tatsächlich aber zog es sie in der Bandagistenabteilung bei Fuchs+Möller in Mannheim zu neuen Herausforderungen und eigentlich gleich zum nächsten Beruf, in Anbetracht dessen, dass der Bandagist ehemals ein eigener Ausbildungsberuf von dreieinhalb Jahren Lehrzeit war, ehe er 2013 der Orthopädietechnik zugeordnet wurde.

Wohin die Reise weiterführt, wird sich zeigen. Vielleicht wird Christine Feldhinkel selbst noch Ausbilderin. Denn Lehrerin werden war einst, schon vor dem Abitur, der Plan – noch bevor sich das Leben mit seinen eigenen Wendungen meldete. Fakt bleibt: Im Handwerk ist jederzeit alles möglich und jeder mit seinen Talenten willkommen. Die Jungen direkt aus der Schule genauso wie Ältere, ob nach Studium oder Berufserfahrung, Quereinsteiger, Umschüler. Beispiele für gelungene Wege gibt es viele. So wie das von Christine Feldhinkel.