Diese Kulisse kennt fast jeder Fernsehzuschauer: das Frankfurter Börsenparkett mit den Händlern hinter zahlreichen Bildschirmen und die große Anzeigetafel mit dem gezackten Kursverlauf des Deutschen Aktienindex DAX. Der Parketthandel wird zwar am kommenden Montag (23. Mai) nicht eingestellt. Entsprechende Meldungen beruhten auf einem Missverständnis. Aber er kommt technisch auf eine neue Stufe.
Aus "Skontroführern" werden "Xetra-Spezialisten"
Frankfurt/Main (dapd). Diese Kulisse kennt fast jeder Fernsehzuschauer: das Frankfurter Börsenparkett mit den Händlern hinter zahlreichen Bildschirmen und die große Anzeigetafel mit dem gezackten Kursverlauf des Deutschen Aktienindex DAX. Der Parketthandel wird zwar am kommenden Montag (23. Mai) nicht eingestellt. Entsprechende Meldungen beruhten auf einem Missverständnis. Aber er kommt technisch auf eine neue Stufe.
Zwar sind die Zeiten längst vorbei, als noch per Zuruf gehandelt und mitten im Tohuwabohu der Deal mit Handschlag besiegelt wurde. Aber bis heute arbeiten Händler auf dem Parkett an Telefon und Computertastatur und kommen schon auch mal ins Fernsehbild, wenn eine Entwicklung auf dem Aktienmarkt illustriert werden soll.
An der Optik wird sich auch nach der Umstellung am Montag nichts ändern. Eher dürften sogar noch zusätzliche Händler hinzukommen, sagt Börsensprecher Andreas von Brevern. Denn die Änderung hinter den Kulissen gibt dem Parketthandel neue Perspektiven, den Händlern eine neue Bezeichnung.
Bisher heißen die bei Wertpapierhandelshäusern beschäftigten Händler auf dem Frankfurter Parkett "Skontroführer". Die Bezeichnung leitet sich vom Begriff für das Orderbuch ab. Die Handhabung der Kauf- und Verkaufsaufträge bediente sich des Computerprogramms Xontro. Künftig werden dieselben Händler als "Xetra-Spezialisten" weiterarbeiten. Denn ihre Arbeitscomputer sind ab Montag an das vollelektronische Handelssystem Xetra angeschlossen.
Vorteil von Xetra auch für den Handel mit den auf dem Parkett in erster Linie vertriebenen Nebenwerten sei, dass mehr Kunden erreicht würden, erläutert von Brevern. 18 Länder sind mit Xetra verbunden, EU-Staaten und Zypern. Demnächst soll Hongkong dazukommen. Nebenwerte, die bisher nur in Deutschland gehandelt wurden, seien dann auch vom Ausland her erreichbar.
Freilich: Nur etwa drei Prozent der Transaktionen laufen noch über das Parkett. Der übergroße Rest wird in rasender Geschwindigkeit vollelektronisch abgewickelt. Die Computerbänke, in denen das passiert, stehen weit vom Börsenplatz im Frankfurter Zentrum, zwischen der berühmten Freßgass und der Einkaufsmeile Zeil, entfernt. Sie summen in diskreten Gebäuden an räumlich entgegengesetzt gelegenen Randbezirken in den Stadtteilen Hausen und Bergen-Enkheim vor sich hin. Über die genauen Adressen spricht man bei der Börse nicht. Doch die Deutsche Börse ist ohnehin gar nicht mehr in Frankfurt angesiedelt, sondern im vergangenen Jahr ins nordwestlich an die Mainmetropole angrenzende Eschborn umgezogen - der niedrigeren Steuern wegen.
Im Grunde ist der alte Börsensaal Nostalgie, ebenso wie die mechanische Anzeigetafel für den DAX mit ihren klackernden Metallplättchen. "Der Saal ist gewissermaßen eine Kulisse. Die Händler könnten auch in Büros sitzen", räumt von Brevern ein. Doch es soll beim Saal bleiben, und auch die Anzeigetafel wird wohl vorerst nicht durch eine LED-Wand ersetzt, wie sie kürzlich beim Eurovision Song Contest in Düsseldorf eindrucksvoll die neuesten technischen Möglichkeiten demonstrierte. "Wir knüpfen an die Tradition an", sagt der Sprecher.
Früher einmal war das Börsenparkett geprägt von der Hektik der Makler, Rufen nach der Zahl der Aktien, die man zu welchem Preis kaufen oder verkaufen wollte. Die Händler führten ein Orderbuch, in dem die potenziellen Käufer und Verkäufer und die Mengen aufgelistet waren, nach Preis und Zeit gestaffelt, wie der Sprecher der Deutschen Börse, Frank Herkenhoff, erläutert. Mittags wurde die Kasse und damit der Kassamarkt für eine Stunde geschlossen, um die Aktienkurse festzustellen. Das ging von Hand: Die am nächsten zusammenliegenden Angebote und Nachfragen wurden von den Händlern "gematcht", wie es im Fachjargon heißt, also passend gemacht. Und damit stand der Aktienkurs fest. Heute macht das der Xetra-Computer während der Handelszeiten einmal in der Sekunde.
Immerhin haben auf dem Börsenparkett auch künftig noch die Menschen mitzureden. Beim Handel mit den Nebenwerten, wo mitunter nur ein oder zweimal am Tag ein Kurs festgestellt wird, verhindern sie durch ihre Eingaben allzu unvernünftige Preisausschläge. Die Kursberechnung übernimmt aber auch dort künftig Xetra, das Elektronengehirn.
dapd
