Schreinerlehrling Omar Cissey Aus Gambia ins deutsche Handwerk

Schreinerlehrling Omar Cissey hat einen harten Weg hinter sich. Nach einer langen Flucht aus Gambia ist er jetzt im deutschen Handwerk angekommen. Seine Geschichte.

Mirabell Schmidt-Lackner

Viele Helfer: Alexander Lanz (li.) übt mit Omar auch am Wochenende. - © Foto: Christian Flemming

Omar ist dankbar. Dankbar, dass er jetzt in Deutschland sein darf. Dankbar, dass er so viele hilfsbereite Menschen kennengelernt hat. Dankbar, dass er eine Lehre bei der Schreinerei Holitsch in Tettnang machen kann. Gefragt nach seinen Wünschen sagt er: "Ich will, dass mit der Ausbildung alles klappt und ich immer besser werde." Sein Weg dorthin war lang.

Omar ist 2012 aus Gambia geflohen. Zuerst nach Senegal und Mali, dann durch die Wüste nach Libyen. Auf dem Weg wurden zwei der Mitflüchtenden erschossen. "Das ist dort ganz normal", sagt Omar mit einem Schulterzucken. In Libyen angekommen, hatte der heute 28-Jährige kein Geld mehr, um die weitere Flucht zu bezahlen. Erst nach acht Monaten ging es weiter. Zwei Tage und Nächte dauerte die Überfahrt in einem überfüllten Boot über das Mittelmeer. Ankunftsort: Lampedusa.

Schläge auf die Handgelenke

Bis zu diesem Zeitpunkt dauerte Omars Flucht bereits viele, viele Monate. Doch er musste von zu Hause weg; aus einem Land, in dem Willkür und Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind. Eines Tages stand dort die Polizei vor der Tür. Die Polizisten durchsuchten das Haus von Omar und seiner Familie – und fanden nichts. "Sind Sie jetzt zufrieden?", fragte Omars Bruder die Beamten. Das war die falsche Frage. Die Polizisten nahmen ihn und Omar kurzerhand mit. Im Gefängnis wurde der heute 28-Jährige gefoltert. Jeden Tag bekam er Schläge auf seine Handgelenke. Noch Monate später, schon längst auf europäischem Boden, zeugten die Wunden von dieser Zeit.

In Lampedusa angekommen, wurde Omar registriert und stellte einen Asylantrag. Im Flüchtlingscamp herrschte Chaos, es gab den ganzen Tag nichts zu tun. Diese erzwungene Untätigkeit sei besonders schlimm gewesen, sagt der Schreinerlehrling rückblickend. Ihm war schnell klar, dass er nicht in Italien bleiben will. Also machte sich der junge Mann auf den Weg zu seinem nächsten Ziel: Deutschland.

Abgeschoben nach Italien

Omar wurde in Wilhelmsdorf in Baden-Württemberg in einem Haus der Diakonie untergebracht. Das war sein Glück, wie sich später herausstellen sollte. Er integrierte sich schnell, spielte Fußball im örtlichen Verein und hatte sogar einen Spielerpass. Er begann bei den ehrenamtlichen Helfern Franz und Gabriele Mayer Deutsch zu lernen. Als "Ein-Euro-Jobber" arbeitete er in der Schreinerei der Diakonie. Schon in Gambia hatte er seinem Bruder, der Schreiner ist, immer wieder bei der Arbeit geholfen. So hatte Omar ein neues Ziel: Eine Ausbildung im Handwerk .

Es kam erst einmal anders: Omars Asylantrag wurde abgelehnt. Das war im März 2014. In der Nacht zum Ostermontag standen sieben Polizisten vor seiner Tür. Omar musste mitkommen: mit zum Frankfurter Flughafen, zurück nach Italien, zurück ins dortige Flüchtlingslager. Dort hatte Omar zuerst europäischen Boden betreten – nach europäischem Recht musste er dort bleiben. Die Behörden verhängten gegen ihn – wie gegen alle abgeschobenen Asylbewerber – eine Einreisesperre .

Das wäre es für Omars Zukunft im deutschen Handwerk erst einmal gewesen, hätte sich das Ehepaar Mayer nicht für ihn eingesetzt. Die beiden setzten alle Hebel in Bewegung, damit Omar wieder nach Deutschland kommen durfte. Sie halfen ihm, einen Antrag auf Aufhebung der Einreisesperre zu stellen, holten ihn aus dem Flüchtlingscamp und besorgten ihm eine Unterkunft in Bozen. Sie sammelten für Omar Spenden bei den Wilhelmsdorfer Bürgern und der Kirchengemeinde.

Brief an Schavan

Gabriele Mayer schrieb sogar einen Brief an Annette Schavan, der deutschen Botschafterin im Vatikan und bat um Hilfe. Nach einigen Monaten dann die Entscheidung: Omar darf zurück nach Deutschland kommen – wenn er eine Lehrstelle hat. Also setzten die Mayers wieder alles in Gang: Über die Handwerkskammer Ulm kamen sie mit Alexander Lanz, Geschäftsführer der Schreinerei Holitsch, in Kontakt. Er war prinzipiell bereit, Omar auszubilden. Als die deutschen Behörden die Einreisesperre im April 2015 aufgehoben hatten, begann der Gambier ein zweiwöchiges Praktikum bei der Schreinerei. Er überzeugte. "Man merkte, dass er unbedingt will", sagt Lanz.

Omar hat die Flucht hinter sich gelassen. Jetzt warten andere Herausforderungen auf ihn. Die Sprache, unbekannte Werkzeuge, die Berufsschule. Ausbilder Lanz übt mit ihm auch am Wochenende. Für ein wenig Miete ist er in der Wohnung eines Kollegen untergekommen. Ein ehrenamtlicher Schreinermeister gibt ihm Nachhilfe. Und nicht zu vergessen: Gabriele und Franz Mayer. Zu ihnen fährt Omar jedes Wochenende. Am Montag in der Früh bringen sie ihn wieder in die Arbeit zurück. Omar nennt sie Mama und Papa .