Grenzüberschreitende Aufträge Aufträge im Ausland: Was Unternehmen das Arbeiten in Frankreich erschwert

Trotz EU-Binnenmarkt müssen deutsche Handwerksunternehmen viele bürokratische Anforderungen erfüllen, um in Frankreich arbeiten zu können. Bauhandwerker müssen darüber hinaus noch besondere Regeln beachten.

So nah und doch so fern: Für einen Handwerksbetrieb aus Kehl wäre es nur eine Fahrt über die Rheinbrücke, um einen Auftrag in Straßburg ausführen zu können. Doch die bürokratischen Hürden sind von französischer Seite hoch. - © Leonid Andronov – stock.adobe.com

Der ehemalige Moderator der Tagesthemen Ulrich Wickert schrieb vom Glück, Franzose zu sein. 455 Kilometer Grenze teilt Deutschland mit seinem Nachbarland. Frankreich ist gleichzeitig der drittgrößte Außenhandels­partner und mit 67,4 Millionen Einwohnern das zweitgrößte Land der Europäischen Union. Soweit die Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Was auf dem Papier attraktiv aussieht, hat im Geschäftsalltag den einen oder anderen Schönheitsfehler. Denn im praktischen Alltag ist der Zugang zu diesem Markt für viele Handwerksbetriebe schwer. Manchen ist er weggebrochen. Der französische Staat stellt hohe bürokratische Anforderungen. "Durch Formalitäten und Zwänge lohnen sich kleine Aufträge oft nicht", weiß Jörg Luft, der für die deutsch-französische Rechtsanwaltskanzlei EPP Rechtsanwälte Avocats arbeitet. Hinzu kommt die sprachliche Hürde.

Es gab auch andere Zeiten

Früher, sagt Gabriele Ganz, sei es hin und her gegangen. "Wir haben im Elsass gearbeitet und Elsässer Unternehmen bei uns." Vor etwa zehn Jahren sei es für das Elektrotechnik-Unternehmen aus Willstätt jedoch schlagartig vorbei gewesen mit Arbeiten in Frankreich. "Auf einmal waren die Anforderungen von französischer Seite so hoch. Wir haben im Elsass kein Material mehr bekommen." Und Leitungen mit deutschen Prüfzeichen durften sie nicht installieren.

"Dabei hatten wir sehr gute Kunden, besonders in den Kieswerken", erinnert sich die Geschäftsführerin von Ganz Elektrotechnik. Standen deren Bänder still, "waren sie immer froh, wenn wir rüberkamen". Doch durch die Formalitäten bei der Entsendung ist schnelle Hilfe im Störungsfall nicht mehr möglich. "Es ist schlimm, dass wir keine Spontanaufträge mehr abwickeln können."

Denn für jeden Auftrag – egal, ob er einen halben Tag oder mehrere Wochen dauert – müssen die gleichen Unterlagen und Meldungen vorliegen. "Die französischen Vorschriften für deutsche Unternehmen sind sicherlich anspruchsvoller als umgekehrt", sagt Rechtsanwalt Jörg Luft.

Anforderungen bei der Entsendung

Will ein deutsches Handwerksunternehmen in Frankreich arbeiten, muss es:

  • eine A1-Bescheinigung elektronisch bei der Krankenkasse beantragen, dass der Mitarbeiter in Deutschland versichert ist
  • eine Entsendungsmeldung online im Portal Sipsi (sipsi.travail.gouv.fr) vornehmen
  • für gewisse Gewerke einen Handwerkerausweis (Carte BTP) beantragen
  • einen Vertreter in Frankreich benennen und ihm die notwendigen Unterlagen aushändigen
  • eine Arbeitsgenehmigung für Mitarbeiter, die keine EU-Bürger sind, beantragen
  • im Privatkundengeschäft alle Unterlagen, Formulare, Gebrauchsanweisungen etc. ins Französische übersetzen lassen
  • Ausweis mitführen
  • Ehrenworterklärung zu Corona mitführen
  • Impfnachweis oder Corona-Test mitführen

Die Schreinerei Schurig aus Bönnigheim führt in Frankreich Laden- und Innenausbau-Arbeiten aus. "Wenn man sich zum ersten Mal damit auseinandersetzt, ist es schwierig", sagt Geschäftsführer Klaus Schurig, "ich weiß nicht, ob wir in Frankreich arbeiten würden, wenn wir nicht als Subunternehmer für deutsche Konzerne tätig wären."

Vor jedem einzelnen Arbeitseinsatz müssen Mitarbeiter über das Online-Portal Sipsi angemeldet werden. Die Angaben zum Mitarbeiter und zur Arbeitsstätte und andere sind inzwischen immerhin auch auf Deutsch möglich. "Das ist aber keine Arbeitserlaubnis, denn das gibt es für EU-Bürger nicht mehr. Das ist eine reine Meldung und die ist aufwändig", sagt Jörg Luft. Auch die A1-Bescheinigung zur Sozialversicherung muss bei jedem Arbeitsauftrag und für jeden Mitarbeiter beantragt und mitgeführt werden. Es wird berichtet, dass die französische Seite vermehrt kontrolliert. Sind die Papiere unvollständig, drohen Bußgelder zwischen 2.000 und 4.000 Euro, so der Rechtsanwalt. Betriebe des Bauhandwerks müssen darüber hinaus einen Handwerkerausweis beantragen (Carte BTP) und mit sich führen – und auch diesen für jeden einzelnen Auftrag immer wieder neu.

Es gilt das ausländische Arbeitsrecht

Formalitäten sind das eine, ein deutsches Unternehmen muss aber auch das französische Arbeitsrecht beachten. Also zum Beispiel den französischen Mindestlohn (SMIC) in Höhe von 10,48 Euro pro Stunde zahlen, die gesetzliche 35-Stunden-Woche beachten und Überstunden mit einem Zuschlag von 25 bis 50 Prozent vergüten. Bei Entsendungen, die länger als ein Jahr dauern, kommen weitere Regelungen hinzu.

Ab 183 Tagen in Frankreich greift dann auch noch das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und Frankreich, weil dann für das Gehalt eine französische Einkommensteuerpflicht entsteht – wohlgemerkt handelt es sich dabei nicht um 183 Arbeitstage in Frankreich, sondern um 183 Tage Anwesenheit, egal ob beruflich oder privat. Sonderregelungen gelten für Grenzgänger, die in einem Land arbeiten und im anderen wohnen.

Besonderheit im Bauhandwerk

Darüber hinaus müssen in Frankreich Bauhandwerker eine zehnjährige Gewährleistung garantieren (Garantie décennale). "Das ist eine Besonderheit, die wir in Deutschland nicht kennen", sagt Jörg Luft. Diese zehnjährige Gewährleistung gilt für Mängel an Haus oder Gebäude, die mit der Standfestigkeit und Solidität zusammenhängen: also zum Beispiel Dach, Gebälk, Mauern, Leitungen, Rohre, Fundament, Terrasse, Decke, Fußboden und Zentralheizung. Um französischen Kunden zehn Jahre Gewährleistung zu garantieren, muss zudem eine Pflichtversicherung abgeschlossen werden. "Deutsche Betriebe bekommen jedoch nur sehr schwer eine französische Versicherung", sagt Jörg Luft. Als einzige deutsche Versicherung soll die VHV diese anbieten, ist aus Expertenkreisen zu hören. Eine andere Lösung wäre eine französische Niederlassung zu gründen. "Für einige wenige Aufträge im Jahr natürlich ein indiskutabler Aufwand", so die Einschätzung des Rechtsanwalts.

Sprachliche Hürde

Immer wieder ist auch die Sprache eine Hürde. Nicht jeder Deutsche spricht Französisch, nicht jeder Franzose spricht Deutsch. Hinzu kommt: "Franzosen sprechen eher nicht Englisch", weiß Klaus Schurig aus Erfahrung. Das französische Sprachgesetz schreibt darüber hinaus vor, dass bei Verbrauchergeschäften sämtliche Dokumente in Französisch bereitgestellt werden müssen. Angefangen vom Angebot und Kostenvoranschlag über Verträge, Rechnungen und Lieferscheine bis hin zu Gebrauchsanweisungen. Dazu passt, dass deutsche Unternehmen in Frankreich einen Vertreter benennen müssen, der Französisch spricht und Anlaufstelle für französische Behörden ist. Bei diesem werden die ins Französische übersetzten Unterlagen wie Arbeitsverträge der entsendeten Mitarbeiter hinterlegt. Die Kosten für diese Dienstleistung trägt das deutsche Unternehmen. "Da auch diese Kosten in ein Angebot einfließen, lohnt es sich am Ende bei kleineren Aufträgen irgendwann nicht mehr", sagt Jörg Luft.

Alles zusammengenommen scheint es, dass der französische Gesetzgeber seinen nationalen Markt, Unternehmen und Arbeitnehmer schützen will. Eine Erleichterung für deutsche Unternehmen wäre es jedoch schon, wenn "die Meldung zur Entsendung für Kurzzeiteinsätze in der Grenzregion abgeschafft würde", schlägt Jörg Luft vor. Auch wenn sich Handwerker die Carte BTP nur einmal anschaffen müssten, wäre schon viel geholfen. Um den Marktzugang zu erleichtern, schlägt Klaus Schurig ein digitales Melderegister vor, in dem französische Behörden ein deutsches Unternehmen überprüfen könnten. "Aber das scheitert in Deutschland am Willen einzelner Behörden und Bürokratie", bedauert der Geschäftsführer der Schurig GmbH.

"Wenn wir in Europa so weitermachen, dann hat jeder irgendwann wieder seinen eigenen Staat", befürchtet Gabriele Ganz. Dabei hat vor Kurzem eine Delegationsreise des baden-württembergischen Handwerks mit der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut gezeigt, dass beide Seiten an einem Strang ziehen, die gleichen Probleme, aber auch die gleichen Ziele haben. "Wir müssen die Hemmnisse in der Zusammenarbeit noch weiter abbauen", sagt Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold. Europa müsse von Betrieben und Mitarbeitern wieder mehr gelebt werden können. Dazu brauche es auf beiden Seiten die richtigen Rahmenbedingungen. "Wir müssen im Gespräch bleiben", sagt Gabriele Ganz. Auf Unternehmerebene funktioniere das gut. Bei dem Treffen hat sich gezeigt, dass es auch mit der Sprache irgendwann ganz gut klappen kann.