Die Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für 2026 mehr als verdoppelt. Handwerkspräsident Dittrich warnt dennoch vor Selbstzufriedenheit: Wer jetzt glaube, die Reformarbeit sei erledigt, betreibe Augenwischerei. Im Handwerk sei von einer Wende noch wenig zu spüren.

Fünf deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr mehr als verdoppelt. Für Handwerksbetriebe ist die Botschaft trotzdem nüchtern: "Im Handwerk und im Mittelstand ist von einer Belebung bislang wenig zu spüren", sagt Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Und weiter: "Wer jetzt glaubt, die Reformarbeit sei mit den ersten besseren Konjunkturdaten erledigt, betreibt Augenwischerei."
Die sogenannte Gemeinschaftsdiagnose, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das Ifo-Institut, das Kiel Institut für Weltwirtschaft, das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen gemeinsam erstellen, rechnet für 2026 nun mit einem Anstieg der deutschen Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt, BIP) um 1,3 Prozent. Im Frühjahr hatten dieselben Institute noch ein Plus von 0,6 Prozent erwartet. Auch die OECD hatte ihre Prognose zuletzt nach oben korrigiert und erwartet für Deutschland ein Wachstum von 1,1 Prozent – 0,4 Prozentpunkte mehr als noch im Juni.
Exporte und Staatsgeld treiben die Erholung
Die besseren Zahlen haben mehrere Ursachen. Im ersten Halbjahr 2026 legten die deutschen Exporte und die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe überraschend stark zu. Die robuste Weltkonjunktur und der weltweite Boom rund um Künstliche Intelligenz (KI) sorgten für zusätzliche Nachfrage. Hinzu kommt: Wettbewerber aus der Golfregion hatten wegen des Iran-Kriegs erhebliche Produktionsprobleme – davon profitierte die deutsche Industrie.
Auch die schuldenfinanzierten Sondervermögen der Bundesregierung für Infrastruktur und Verteidigung stützten die Konjunktur. Der mit dem Iran-Krieg verbundene Energiepreisschock fiel geringer aus als zunächst befürchtet – die höheren Preise für Kraftstoffe und Heizöl sind bislang kaum auf andere Verbraucherpreise übergesprungen.
Im dritten Quartal verlangsamte sich die Erholung vorübergehend. Seit Mitte Juli behindert Niedrigwasser die Produktion in der Chemieindustrie. Die Institute erwarten, dass die Produktionshemmnisse ab dem vierten Quartal nachlassen sollten, wenn sich die Pegelstände normalisieren.
Prognosen für 2027 und 2028
Für 2027 erwarten die fünf Institute ein BIP-Wachstum von 1,1 Prozent – bislang hatten sie 0,9 Prozent erwartet. Der private Konsum und der Wohnungsbau dürften anziehen. Die OECD rechnet für 2027 ebenfalls mit einem Plus von 1,1 Prozent, weist aber auf erhebliche Unsicherheiten wegen des Konflikts im Nahen Osten hin.
Für 2028 prognostizieren die Institute nur noch 0,4 Prozent Wachstum. Der Grund: Die Zahl der Erwerbsfähigen schrumpft demografiebedingt, das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft sinkt. Bereits geringe Zuwachsraten reichen dann aus, um die wirtschaftlichen Kapazitäten auszulasten.
Die Inflation dürfte von 2,8 Prozent in diesem Jahr zunächst auf 3,2 Prozent im Jahr 2027 steigen und 2028 auf 2,0 Prozent zurückgehen. Am Arbeitsmarkt kommt die Erholung verzögert an: Die Erwerbstätigkeit sinkt zunächst weiter, die Arbeitslosenquote geht von 6,4 Prozent (2026) auf 6,2 Prozent (2027) und 5,8 Prozent (2028) zurück.
Institute warnen vor wachsendem Schuldenberg
Die Institute sehen zunehmenden Handlungsbedarf in der Finanzpolitik. Das staatliche Defizit steigt von 4,1 Prozent der Wirtschaftsleistung im laufenden Jahr auf 4,7 Prozent im Jahr 2028. Auch bei Einhaltung der reformierten Schuldenbremse steigt die Schuldenquote mittelfristig weiter – und mit ihr die Zinsausgaben. "Der Aufschwung steht jedoch auf einem schmalen Fundament, denn hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasten", sagte Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des IWH.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sieht dennoch Anzeichen für eine Wende. "Wir sind raus aus diesem Tal einer schrumpfenden oder stagnierenden Volkswirtschaft", sagte er vergangene Woche. Zugleich betonte er, dass Reformen notwendig seien.
Hohe Energiepreise schwächen die Nachfrage nach Handwerksleistungen
Im Handwerk ist von dieser Wende noch wenig zu spüren – im Gegenteil. Handwerkspräsident Dittrich erklärt warum: "Die höheren Wachstumsprognosen beruhen vor allem auf einer stärkeren Auslandsnachfrage und ersten Impulsen aus den Sondervermögen. Beides kommt bei vielen Handwerksbetrieben vor Ort bislang kaum an."
Dazu treffen die Energiepreise Betriebe gleich doppelt: direkt über höhere Kosten und indirekt über die Geldbörse ihrer Kunden. "Wenn Verbraucher beispielsweise an der Tankstelle deutlich mehr Geld ausgeben müssen, steht ihnen dieses Geld für andere Ausgaben nicht mehr zur Verfügung. Das kann dazu führen, dass etwa ein Friseurtermin abgesagt wird", so Dittrich. Umso wichtiger sei es, nicht nur die Nachfrage zu stärken, sondern auch die Betriebe selbst zu entlasten – allem voran durch Reformen zur Senkung der Lohnzusatzkosten.
ZDH: Aufträge aus Sondervermögen müssen auch Handwerk erreichen
Dittrich mahnt außerdem, dass die Mittel aus den schuldenfinanzierten Sondervermögen tatsächlich bei Handwerks- und Mittelstandsbetrieben ankommen müssen. Wenn Infrastruktur gebaut und modernisiert werde, müsse die Vergabe so gestaltet sein, dass nicht vor allem große Unternehmen, sondern auch leistungsfähige Betriebe vor Ort zum Zuge kommen. Das gelte auch für Öffentlich-Private Partnerschaften (ÖPP) – Kooperationsmodelle, bei denen Staat und private Unternehmen gemeinsam Projekte finanzieren und betreiben. Dittrich warnt: Komplexe Vergabe-, Finanzierungs- und Vertragsstrukturen könnten Projekte verteuern und in Kombination mit großen Auftragsvolumina den Zugang für kleinere und mittlere Unternehmen erschweren. "Wenn dadurch weniger Mittel bei Investitionen und Wertschöpfung ankommen, wird der Zweck der Sondervermögen verfehlt", so Dittrich.
Dittrich mahnt die Regierungskoalition, den Reformkurs fortzusetzen – ungeachtet der Wahlergebnisse vom vergangenen Sonntag. Was Betriebe brauchen, fasst er klar zusammen: "Sie brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, niedrigere Kosten, wettbewerbsfähige Energiepreise und weniger Bürokratie. Nur dann kann aus einer vorsichtigen Erholung ein Aufschwung werden, der auch das Handwerk und den Mittelstand und damit die ganze Breite der Wirtschaft erreicht."
Mit Inhalten der dpa
