Der Main gleitet gemächlich, der Rhein wirkt lebhaft und die Mosel mäandert durch das Land. Von Berthel Reibel
Auf dem Schiff von Nürnberg nach Trier
Reisen auf einem Schiff sind voller Reiz. Kreuzfahrten haben den Ruf, etwas Besonderes zu sein. Liebhaber von Flusskreuzfahrten aber sind von ganz besonderer Art. Sie mögen das langsame Gleiten auf dem Fluss, erfreuen sich an der vorbeiziehenden Landschaft und genießen die Landgänge. Sie beziehen ihre Kabine, räumen alles in den Schrank und reisen von Ort zu Ort, sehen sich diese Stadt an und bummeln durch eine andere, um am Abend immer wieder ihr eigenes Bett vorzufinden. Zwischendurch sitzen sie am Kabinenfenster oder auf Deck, betrachten Natur und vorbeiziehende Ortschaften, halten ein Schwätzchen mit diesem oder jenem, hören Vorträge, sehen sich Darbietungen an oder vertiefen sich in ein Buch. Bei einer Umfrage wurde festgestellt, dass sich über 63 Prozent der über 50-jährigen für Deutschlandreisen entscheiden und im Trend den Flusskreuzfahrten, der bequemsten Form einer Rundreise, den Vorzug geben.
Die Viking Sky ist ein solches Flusskreuzfahrtschiff. Eine ihrer Fahrten beginnt in Nürnberg und führt vom Main-Donau-Kanal über den Main in den Rhein und von dort in die Mosel. Der Main gleitet gemächlich, der Rhein wirkt lebhaft und geschäftig und die Mosel mäandert durch das Land.
Der erste Ausflug gilt Bamberg, das im letzten Krieg kaum beschädigt wurde und dadurch die größte erhaltene Altstadt Deutschlands mit über 2.200 denkmalgeschützten Bauten ist. Als Weltkulturerbe ist sie seit 1993 in die Liste der UNESCO eingetragen. Und wer kennt nicht den Bamberger Reiter, der hier im Dom seinen Platz hat. Wenn die Bamberger davon sprechen, dass sie am Nabel der Welt leben, dann meinen sie damit eine um 1777 eingelassene Säule vor dem Dom, die heute nur noch als klitzekleiner Nagelkopf zu sehen ist. Direkt daneben liegt jetzt ein "unterirdisches Denkmal" – eine Glasscheibe, geschaffen von einem israelischen Künstler mit familiären Wurzeln in Bamberg. Da der Untergrund so tief ist, wie die frühere Säule hoch, kann es durch die nicht vorhergesehene Feuchtigkeit des Erdreiches passieren, dass die Scheibe im Winter vereist. Und da sich Bürgermeister im Allgemeinen nicht gerne aufs Glatteis führen lassen, verfügte der Stadtrat, dass ab Oktober jeden Jahres bis ins kommende Frühjahr ein rot-weißes Band das Kunstwerk absperrt. Und noch etwas über die Feuchtigkeit: Die wechselnde Wasserführung der in Bamberg fließenden Regnitz bedrohte in früheren Jahren Bamberg mit Hochwasser. Davon zeugen heute noch doppelte Keller; das zeigt wie findige Bürger Abhilfe schufen und damit ihr Hab und Gut "in trockene Tücher" legten.
Die Stadt ist eine wahre Fundgrube für Geschichten und Geschichtchen – seien es die über 300 hingerichteten Hexen, sei es über die Folgen des hier gebrauten Rauchbiers oder über Hegel und E. T. A. Hoffmann, die beide einige Zeit in der Stadt mehr schlecht als recht lebten. Vor allen Dingen aber fällt auf, dass Bamberg zwar eine alte Stadt ist, aber gleichzeitig jung und so modern, wie man es sich kaum vorstellt. Etwa, weil das Stadtbild von jungen Menschen geprägt wird, Studenten hier die Universität besuchen, und Besucher und Ratsuchende aus dem Umland kommen, da Bamberg auch der Sitz vieler Behörden ist und es unzählige hübsche Geschäfte gibt. Die Stadt hat sich eine Lebendigkeit bewahrt, die bewundernswert ist. Man hat das Gefühl, hier läßt es sich gut leben.
Zurück auf unserem Schiff machen wir uns dann auf den Weg nach Würzburg. An Deck oder auch vom Kabinenfenster aus spannt sich ein wahrer Bilderbogen: Eine ruhige, sanfte Landschaft mit Aussichten auf Kirchtürme, kleine Dörfer, grüne Wiesen und gelbe Rapsfelder.
Später sorgt sich die Küchenchefin Angelika Heinemann mit ihrer Truppe um das Wohlbehagen im Magen. Der Abend klingt langsam aus und man freut sich auf den kommenden Tag.
Würzburg steht auf dem Plan. Auf der Suche nach dem Grab von Walter von der Vogelweide stehen wir vor einem seiner Verse:
"Ich hab´ mein Lehen, ich hab´ mein Lehen, Jetzt fürchte ich nicht mehr den Frost der Zehen“
Wie man sieht, musste auch damals mancher Dichter um seinen Lohn fürchten. Warum sonst hat der gute Walter so über seinen Alterssitz gejubelt. Dank den Würzburgern sind immer Blumen auf dem Sarkophag des mittelalterlichen Minnesängers, meistens gelbe Rosen. Die Stadt unterstützt die Blumenspenden finanziell.
Zu erwähnen ist der Kiliansdom mit Figuren von Tillmann Riemenschneider und seiner Schule. Außen jedoch findet man moderne Kunst, u. a. "Auferstehender und Fallender", eine Plastik, die Michael Mogner nach dem Tod seiner Frau schuf, und Maria Lehens "Gefesselter Mann". Dann ist da die Residenz mit dem überwältigenden Treppenhaus von Balthasar Neumann, gekrönt von einem riesigen Deckenfresko von Tiepolo, das unglaubliche 540 Quadratmeter groß ist. Nach einem Blick in den Garten machen wir uns auf den Nachhauseweg. Vor der Residenz, am Frankonia-Brunnen, sieht uns Walter von der Vogelweide sinnend nach und vielleicht denkt er: "Besucht uns mal wieder".
Am nächsten Morgen kommt ein Glasbläser auf das Schiff. Er pustet uns etwas, streut bunte Glassplitter dazu und wir haben eine wunderhübsche Kugel. Und somit sind wir vorbereitet auf Wertheim. 3.500 Jahre Geschichte der Herstellung und der Anwendung von Glas kann man im Wertheimer Glasmuseum besichtigen. Aber auch bei den Glasbläsern arbeiten heutzutage noch oft mindestens drei Generationen zusammen in ihrem Betrieb.
Die im 13. Jahrhundert erbaute Burg Wertheim, die zu den größten ihrer Art in Deutschland gehört, bewacht das kleine Städtchen mit seinen prachtvollen Fachwerkbauten. Eingebettet zwischen Tauber und Main glaubt man zuweilen in einem Märchen zu sein und wartet, dass die Räuber aus dem Spessart erscheinen, um das friedliche Bild zu zerstören.
Und da sind wir dann auch schon auf dem Weg zum Wasserschloss Mespelbrunn. Bestens bekannt durch den Film "Das Wirtshaus im Spessart" mit Liselotte Pulver. Die Besitzer, die Grafen von Ingelheim genannt „Echter von und zu "Mespelbrunn“ machten das Wasserschloß teilweise für die Öffentlichkeit zugänglich. Frau Maria, die Kastellanin, führt mit Elan und Witz durch den Nordteil des Schlösschens und wenn sie das dort gesammelte, zumeist chinesische Porzellan zeigt, ist sie so stolz, als wäre es ihr eigenes "gutes" Geschirr.
Wieder auf dem Schiff erscheint uns am nächsten Tag Frankfurt meilenweit von den bis jetzt gesehenen und erlebten Stationen entfernt. Modern und nüchtern, nicht einmal der Main fließt mehr gemächlich, er eilt dem Rhein entgegen. Bei Mainz hat er ihn erreicht – 34 Staustufen waren nötig, um unser Schiff hierher zu steuern – und jetzt ist auf einmal alles anders. Hier ist der Fluss voller Leben. Auf der rechten und der linken Seite große Schiffe, schwere Schleppkähne, kleine Ausflugsdampfer, Segelboote in allen Größen und nicht zuletzt Kreuzfahrtschiffe – fast eine Autobahn auf dem Wasser. Wir fahren am Mainzer Dom vorbei, winken auf der rechten Seite dem Biebricher Schloss, erreichen Rüdesheim, unser nächstes Ziel. Und es ist nicht die Drosselgasse, die wir ansteuern.
Wir wollen "Siegfrieds mechanisches Musikkabinett" besuchen. Es lockt mit 350 selbstspielenden Musikinstrumenten aus drei Jahrhunderten. Beheimatet sind diese in einem Rittersitz aus dem 15. Jahrhundert, dem Brömserhof. Vom singenden Vogel in einer Schnupftabakdose, über ein selbstspielendes Klavier bis zu Violinen, die mit mechanischen Fingern gezupft werden, ist alles, was man sich denken kann, vorhanden. Dass die Karussellorgel vom Jahrmarkt nicht fehlt, ist selbstverständlich. Die Zuschauer bzw. Zuhörer haben einen Heidenspaß und sogar unser früherer Bundeskanzler Helmut Schmidt war von den mechanischen Musikinstrumenten so angetan, dass er damals Siegfried Wenzel zu seinem Gartenfest nach Bonn einlud. Ein kurzer Besuch der Drosselgasse brachte die nötige Bettschwere und als wir wieder alle in unseren Heimathafen eingelaufen, geht es Richtung Koblenz weiter.
Wir sehen die Burg Ehrenbreitstein, dann kommt das Deutsche Eck. Schon ist das Schiff auf der Mosel. Bald sind die steilen Hänge, an denen der Moselwein wächst, zu bestaunen. Ein Wunder, wie es die Winzer schaffen, die Trauben zuernten. Wir kommen zu dem Schluss, dass eigentlich viel mit der Hand statt mit Maschinen gelesen werden muss und glauben deshalb, dass Moselwein mit Andacht getrunken werden sollte. Bald ist einer der Hauptanziehungspunkte an der Mosel erreicht: Cochem mit seiner auf der Höhe liegenden Reichsburg. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt schwer beschädigt. Dass der Marktplatz von Cochem mit seinen wunderschönen Fachwerkhäusern verschont blieb, grenzt an ein Wunder.
An der Uferpromenade kann man den Stammbaum der Stadt bewundern. Karlfritz und Monika Nicolay haben, angefangen von den Kelten, über die Römer, den Kreuzrittern bis in die Jetztzeit, ein sehr interessantes und schönes Mosaik gestaltet. Von der Mittelalterlichen Stadtbefestigung sind noch wichtige Bauten vorhanden. Und der Marktplatz mit seinen schönen Fachwerkhäusern, seinem Brunnen und dem barocken Rathaus erfreut jeden. Und fürs Album zuhause kann der Finger nicht schnell genug auf den Auslöser drücken, Zu erwähnen sei noch die Historische Senfmühle von 1810. Hier kann man außer Senf sogar Marmelade mit Senf probieren. Ein apartes Mitbringsel – so kann jeder seinen Senf dazugeben.
Der Kapitän steuert sein Schiff gen Bernkastel-Kues. Weithin sichtbar die Burgruine Landshut. Ihr zu Füßen liegt inmitten von Weinbergen Bernkastel-Kues mit seinem Bilderbuch-Marktplatz mit buntbemalten und mit Blumen geschmückten Fachwerkhäusern. Hier wächst auch der berühmte Doktor-Wein. Eine Sage erzählt, dass der im 13. Jahrhundert lebende Erzbischof Boemund II.
Todkrank war und von seinen Ärzten, als sie sich keinen Rat mehr wussten, mit Wein kuriert wurde. Zum Dank verlieh der Boemund dem Wein den Doktor-Titel. Auch heute noch heilt dieser Doktor-Wein eine Krankheit: den Durst. Eine Besonderheit dieses Städtchens ist das von Nikolaus von Kues 1457 gestiftete Hospiz. 33 bedürftige Männer, die keine Familie hatten – die Zahl 33 steht für das Alter, in dem Christus am Kreuz starb – lebten am Anfang hier. In der Stiftungsurkunde ist festgelegt, dass das Geld vom Ertrag der eigenen Weinberge genommen wird. Auch heute noch kommt die Stiftung für ihre Insassen auf. So bringen nun die schon seit über 500 Jahren gestifteten Weinberge immer noch den Betrag zur Unterhaltung des Stiftes ein. Nur leben heute Männlein und Weiblein zusammen und von 33 Insassen ist auch nicht mehr die Rede.
Wir nehmen Abschied von dem bezaubernden kleinen Ort und schwimmen der ältesten Stadt Deutschlands entgegen: Trier.Gegründet um 15 v. Chr. von Kaiser Augustus, regierte Kaiser Konstantin 300 Jahre später sein riesiges Reich von Trier aus. Aus dieser Zeit stammt auch das einzige noch existierende Stadttor, die Porta Nigra, und die Kaiser- und Babarathermen, die schon damals auch für die Bevölkerung geöffnet waren. Dann, im Mittelalter, wurde die Stadt Zentrum eines mächtigen Erzbistums. Ihr mächtiger Dom, die gotische Liebfrauenkirche und die Wallfahrtskirche St. Matthias, in der auch ihr Namensgeber begraben liegt, zeugen von der religiösen Bedeutung des Ortes. Sehenswert ist auch das prächtige Kurfürstliche Palais aus dem 17 Jahrhundert.
Auch später machte Trier von sich reden. 1818 wurde hier Karl Marx geboren. Seine Beschäftigung mit dem Sozialismus war der preußischen Regierung so suspekt, dass sie ihn auswies und die Stadt damals kein Kapital aus ihm schlagen konnte.
Und am Ende bewahrheitete sich, was die Umfrage der Schiffsgesellschaft schon zuvor festgestellt hatte: Zufriedenheit auf der ganzen Linie. Die Gäste dachten beim "Aufwiedersehen" schon darüber nach, wann dieses stattfinden und welche Route man dann noch nehmen könnte.
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