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Asbest-Gefahr lauert nicht nur im Altbestand Asbest: Darum ist die Faser so gefährlich für Handwerker

Seit über 25 Jahren ist Asbest in Deutschland verboten. Dennoch ist die gefährliche Faser kein Problem der Vergangenheit - im Gegenteil. Die Zahl der Asbest-bedingten Krebsfälle steigt und auch heute begegnen Handwerker täglich dem gesundheitsschädlichen Mineral, oft ohne es zu wissen. Worauf Handwerker und Bauherren achten müssen.

Ein bröseliges Stück einer Leichtbauplatte, eingewickelt in etwas Papier und in der Hosentasche zur Asbestprüfung gebracht – was Peter Schenk in seinem Arbeitsalltag als Asbest-Experte bei TÜV Süd in München erlebt, spricht Bände. "Gerade jüngere Menschen sind nicht mehr sensibilisiert für die Gefahr “, beobachtet der Geochemiker.

1993 wurde Asbest in Deutschland verboten. Seither ist die Faser immer mehr aus dem Bewusstsein von Handwerkern und Bauherren gerutscht. Die Berufsgenossenschaft Bau (BG Bau) beobachtet, dass viele Asbest für ein Problem der Vergangenheit halten. Dabei ist die Substanz allgegenwärtig.

Ein Viertel der Gebäude Asbest-verseucht

Nach Schätzungen des Bundesarbeitsministerums (BMAS) ist in einem Viertel aller vor 1993 errichteten Gebäude Asbest verbaut: in Klebern, Putzen, Spachtelmassen, in Fassaden- und Leichtbauplatten, Bodenbelägen, Estrich und Zement, in und um Öfen und Heizungen, in Rohren sowie im Dämmmaterial.

Wer ohne spezielle Fachkenntnis an diese Materialien herangeht, setzt selbst durch ein winziges Bohrloch Millionen mikroskopisch kleiner Fasern frei. Über die Atemluft geraten diese in die Lunge, reichern sich dort an und lassen das Gewebe vernarben (Asbestose). Noch gravierender sind verschiedene Krebsarten, die sich Jahrzehnte nach dem Asbestkontakt entwickeln können: Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs, Mesotheliom (Tumor) des Rippenfells, Bauchfells oder Herzbeutels und Eierstockkrebs.

Informationen zu Asbest

Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten mit Asbest dürfen nur von Fachbetrieben durchgeführt werden. Das legt die Gefahrstoffverordnung fest. Bei den Arbeiten muss mindestens eine weisungsbefugte Person mit entsprechendem Sachkundenachweis vor Ort sein. Außerdem braucht der Betrieb eine spezielle sicherheitstechnische Ausstattung für Asbestarbeiten.

Ist der besonders gefährliche schwach gebundene Asbest vorhanden, brauchen die Fachbetriebe eine behördliche Zulassung. Könnte Asbeststaub freigesetzt werden, muss der Betrieb dies spätestens sieben Tage vor Arbeitsbeginn der Behörde melden. Details regeln die:
  • die Technische Regel für Gefahrstoffe TRGS 519 und die
  • Gefahrstoffverordnung. Sie ergänzt die TRGS 519 mit wichtigen Verhaltensregeln im Zusammenhang mit Asbest.
  • Derzeit finden in verschiedenen Behörden Beratungen zur Weiterentwicklung der Regelungen für Tätigkeiten mit Asbest oder potenziell asbesthaltigen Materialien statt. Diese sind gebündelt im "Asbest-Dialog“. Ein aus Sicht des Handwerks wichtiger Punkt dabei ist die Frage, wer die Erkundungspflicht hat, ob an einem Gebäude Asbest verwendet wurde oder nicht. Eine Leitlinie ist laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Erarbeitung. Erst nach Abschluss des Asbest-Dialogs im Frühjahr 2020 werden die Beratungen zur Anpassung der GefStoffV aufgenommen.

Asbest wieder neu auf dem deutschen Markt

Gefährdet sind nicht nur Bauhandwerker, die im älteren Bestand arbeiten. Asbest gelangt auch wieder neu auf den deutschen Markt, trotz Verbots. "Kürzlich hat mir ein Privatmann die Probe einer asbesthaltigen Fassadenplatte geschickt, die erst vor drei Jahren an seinem Haus montiert wurde“, berichtet Peter Schenk.

In Russland, China, Kasachstan, Brasilien und Simbabwe wird das Mineral nach wie vor abgebaut. In Asien erlebt es sogar einen regelrechten Boom. Die Gesundheitsgefahren werden dort negiert. Importeure von Baumaterial, aber auch von Kfz-Ersatzteilen wie Motorradkupplungen, wissen oft gar nichts von der Schadstoffbelastung. Und innerhalb Deutschlands ist Asbest durch Bauschuttrecycling in den Materialkreislauf zurückgelangt.

Asbest aus rechtlicher Sicht

Bekommt ein Handwerker einen Sanierungs- oder Renovierungsauftrag an einem Gebäude, das aus der Zeit vor 1993 stammt, sollte er immer im Hinterkopf behalten, dass darin Asbest verbaut sein könnte und im Zweifelsfall Materialproben von einem Fachlabor untersuchen lassen. Denn Asbst ist in Deutschland sehr häufig und der unsachgemäße Umgang damit hat nicht nur gesundheitliche, sondern auch rechtliche Folgen. Ein geeignetes Prüflabor in der Nähe findet sich über die Stichwortsuche "Asbest Prüflabor" in einer Internetsuchmaschine. Peter Schenk empfiehlt, vorab Kontakt zu dem Prüflabor aufzunehmen, um Fehler bie der Entnahme zu vermeiden. Eine Anleitung, worauf bei der Entnahme zu achten ist, bietet der TÜV Süd.

Schon in der Antike verwendeten die Menschen Asbest. In Deutschland erlebte das widerstandsfähige Material seinen Aufstieg ab Anfang des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1950 und 1990 wurden rund 4,35 Mio Tonnen des Rohstoffs allein nach Westdeutschland eingeführt. Obwohl Asbest 1970 offziell als krebserregend eingestuft wurde, war Spritzasbest bis 1979 erlaubt.

Bis zu diesem Zeitpunkt gab es über 3.000 verschiedene asbesthaltige Produkte auf dem deutschen Markt. Zum endgültigen Asbestverbot kam es erst 1993. Selbst danach dürften noch einige Gebäude mit asbesthaltigem Material kontaminiert worden sein, denn nicht alle Unternehmer haben ihre alten Materialbestände direkt nach dem Verbot entsorgt.

Weil Asbest nicht mit bloßem Auge zu erkennen und auch sonst nicht wahrnehmbar ist, gestaltet sich heute die Lage bei Renovierungs-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten schwierig. Wer muss ermitteln, ob in einem Gebäude Asbest enthalten ist, Bauherr oder der Handwerker? Was passiert aus rechtlicher Sicht, wenn ein Handwerker durch seine Arbeiten Asbest freisetzt?

Wer warnt vor Schadstoffbelastung?

Florian Gutermuth ist Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht bei der Kanzlei WIR Jennißen und Partner in Köln. Er stellt fest, dass die bisherige Rechtsprechung eher auf die Sicht des Auftraggebers abstellt: "Man muss überlegen, ob ein durchschnittlicher Hauseigentümer überhaupt ahnen kann, dass in seinem Objekt das Material verbaut worden ist“, erläutert er den Grund. Wenn der Auftraggeber keine Erkenntnisse über Asbest in seinem Objekt hat, habe er auch keine Hinweispflicht gegenüber dem Handwerker. "Im Gegenteil, man wird annehmen müssen, dass der Handwerker, der in diesem Bereich als Fachmann tätig ist, die Problematik kennt und den Auftraggeber von sich aus auf eine mögliche Schadstoffbelastung hinweist“, warnt Gutermuth.

Geschieht das nicht und der Handwerker setzt durch seine Arbeit Asbest frei, schadet er nicht nur seiner Gesundheit, sondern risikiert auch hohe Folgekosten. Gemäß dem Bürgerlichen Gesetzbuch (§§ 631ff in Verbindung mit §§280 ff. BGB) haftet der Unternehmer gegenüber seinem Kunden für Schäden. Rechtsanwalt Gutermuth hatte bereits Fälle, in denen Handwerker keine Proben genommen beziehungsweise deren Ergebnis nicht abgewartet hatten. Durch ihre Arbeit setzten sie Asbest in der ganzen Wohnung frei und mussten hinterher für aufwändige und teure Sanierungen aufkommen, die den usprünglichen Auftragswert um ein Vielfaches überstiegen.

Hat der Auftraggeber den Handwerker sogar vorab um seine Einschätzung gebeten, ob im Gebäude Asbest verbaut sein könnte und verneint der Handwerker dies ohne weitere Sachkenntnis und Prüfung, kann sogar § 326 Strafgesetzbuch greifen. Dieser Gesetzestext regelt den unerlaubten Umgang mit krebserzeugenden Abfällen. Wer fahrlässig mit solchen Stoffen umgeht, riskiert eine Freihheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

Asbest: Fürsorgepflicht für Mitarbeiter

Auch gegenüber den Mitarbeitern hat der Unternehmer Fürsorgepflichten, die nicht nur eine menschliche, sondern auch eine starke rechtliche Komponente haben.

Laut Gefahrstoffverordnung und Technischer Regel für Gefahrstoffe 519 haben Chefs die Pflicht zu klären, ob ihre Mitarbeiter mit asbesthaltigem Material in Kontakt kommen könnten. Bestehen Zweifel, müssen sie eine Beprobung durch den Auftraggber verlangen oder selbst Materialproben von einem Fachlabor untersuchen lassen, bevor sie die Arbeit aufnehmen.

Das Bundesarbeitsgericht (BAG-Urteil vom 28.4.2011, 8 AZR 769/09) hatte 2011 über einen entsprechenden Fall zu urteilen. Demnach haftet ein Arbeitgeber für mögliche Schäden, die der Kläger aufgrund der Arbeiten mit asbesthaltigen Bauteilen erleidet; allerdings nur dann, wenn der für den Kläger zuständige Vorgesetzte ihm die Tätigkeit zugewiesen hat, obwohl ihm bekannt war, dass der Kläger damit einer besonderen Asbestbelastung ausgesetzt war und wenn er eine Gesundheitsschädigung des Klägers zumindest billigend in Kauf genommen hat (bedingter Vorsatz).

Berufskrankheiten durch Asbest

Als asbestbedingte Berufskrankheiten anerkannt ist Folgendes:
  • BK 4103: Asbeststaublungenerkrankung (Asbestose) und durch Asbeststaub verursachte Erkrankung des Brustfells (Pleura)
  • BK 4104: Lungenkrebs oder Kehlkopfkrebs, in Verbindung mit Asbestose oder in Verbindung mit durch Asbeststaub verursachter Erkrankung des Brustfells oder bei Nachweis von mindestens 25 „Faserjahren“ am Arbeitsplatz
  • Analog wird Eierstockkrebs (Ovarialkarzinom) durch Asbest in Verbindung mit oben genannten Erkrankungen wie eine Berufskrankheit anerkannt
  • BK 4105: Durch Asbest verursachtes Mesotheliom (Tumor) des Rippenfells, Bauchfells oder Perikards (Herzbeutels)
  • BK 4114: Lungenkrebs durch das Zusammenwirken von Asbestfaserstaub und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen
Das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) hat Informationen zu Asbest und zu den durch die Faser ausgelösten Berufskrankheiten gesammelt. Wenn unklar ist, ob eine Erkrankung auf beruflichen Kontakt mit Asbest zurückgeht, ermittelt die Berufsgenossenschaft die "Faserjahre" - also die Zeit, in der ein Patient während der Arbeit mit Asbest in Kontakt war. Diese kostenlose Broschüre zu den Faserjahren erläutert das komplizierte Verfahren.
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