Betrugsverdacht in der Pharmabranche - Razzia bei Sanofi-Aventis Arzneimittel für Nordkorea in deutschen Apotheken verkauft

Betrugsverdacht in der Pharmabranche: Angeblich für Nordkorea gedachte verbilligte Arzneimittel des Konzerns Sanofi-Aventis sind offenbar über Umwege in deutschen Apotheken gelandet und dort zu regulären Preisen verkauft worden. Entsprechende Informationen des "Spiegel" bestätigte am Sonntag der Anwalt eines beteiligten Großhändlers der Nachrichtenagentur dapd.

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Arzneimittel für Nordkorea in deutschen Apotheken verkauft

Berlin (dapd). Betrugsverdacht in der Pharmabranche: Angeblich für Nordkorea gedachte verbilligte Arzneimittel des Konzerns Sanofi-Aventis sind offenbar über Umwege in deutschen Apotheken gelandet und dort zu regulären Preisen verkauft worden. Entsprechende Informationen des "Spiegel" bestätigte am Sonntag der Anwalt eines beteiligten Großhändlers der Nachrichtenagentur dapd. Bei Sanofi-Aventis gab es deshalb vergangene Woche Razzien.

Das bestätigte auch der Konzern, wies aber alle Vorwürfe zurück. Sanofi-Aventis habe "Patienten in Nordkorea helfen wollen und ist betrogen worden", sagte Sprecherin Judith Kramer der dapd. Der Anwalt des beteiligten Großhändlers Multi-Trade-International (MTI), Oliver Pragal, bestritt seinerseits illegale Handlungen seines Mandanten, beschrieb aber genau, wie die Geschäfte abgelaufen sein sollen.

Hilfslieferungen als "Legende"?

Nach Pragals Darstellung nahm MTI seit 2002 von Aventis - später Sanofi-Aventis - große Mengen Arzneimittel mit nahendem Verfallsdatum ab. Dabei erhielt der Abnehmer den Angaben zufolge 20 Prozent Rabatt. 2004 schlossen beide Seiten einen Vertrag, wonach die Medikamente für Hilfslieferungen vorgesehen seien. Tatsächlich sei dies aber nur "eine Legende" gewesen.

Denn Sanofi-Aventis habe den Großhändler MTI bewusst als Zwischenglied genutzt, um über die angebliche Hilfslieferung beinahe abgelaufene "Ramschware" in den deutschen Markt zu drücken, meinte Pragal. Hintergrund ist eine Bestimmung des Arzneimittelrechts, wonach Pharmahersteller keine Rabatte für Ware mit eingeschränkter Haltbarkeit geben dürfen. Vielmehr müssen "pharmazeutische Unternehmer einen einheitlichen Abgabepreis sicherstellen", zitiert der "Spiegel" aus dem Gesetz.

Pragal sagte, Sanofi-Aventis habe von Anfang an gewusst, dass die Arzneien in Wirklichkeit über den Apotheken-Großhandel in Deutschland abgesetzt wurden. Letztlich wurden die Pillen und Salben den Angaben zufolge zu regulären Preisen an Patienten in der Bundesrepublik abgegeben.

MTI, vorher nicht im Pharmamarkt aktiv, habe sich zur Abwicklung eines Pharmaexperten bedient und sich mit ihm die Gewinne des "lukrativen Geschäfts, das nicht illegal war" geteilt, sagte Pragal. Allerdings habe dieser MTI-Geschäftspartner gleichzeitig "Schmiergelder" von Sanofi-Aventis angenommen. Man habe deshalb gegen ihn Strafanzeige wegen Bestechlichkeit gestellt, sagte der Anwalt.

Provisionsvertrag für humanitären Helfer

Sanofi-Aventis-Sprecherin Kramer bestätigte einen "Provisionsvertrag" mit dem Pharmaexperten, der als Vertreter der Hilfsorganisation "Viva Westfalen hilft e.V." auftrat und die Hilfslieferungen nach Nordkorea abwickeln sollte. Der Mann habe ein Prozent des Umsatzwerts als Provision bekommen. Warum der angebliche humanitäre Helfer, der verbilligte Medikamente in arme Länder liefern sollte, von dem Pharmakonzern bezahlt wurde, konnte Kramer zunächst nicht erklären.

Alle Vorwürfe des MTI-Anwalts wies sie zurück. Alle von Sanofi abgegebenen Arzneimittel hätten "in der Regel zwölf Monate Laufzeit oder mehr", versicherte die Sprecherin. "Ware, die nicht genügend lange Laufzeit hat, wird vernichtet." Der Konzern hätte kein Motiv, Arzneien für den deutschen Markt mit 20 Prozent Rabatt über einen gesonderten Vertriebsweg abzugeben, während gleichzeitig die gleiche Ware zum Normalpreis vertrieben werde. Sanofi-Aventis sei in dem Fall eine der Geschädigten. Deshalb habe man gegen den Großhändler im Juli 2010 Anzeige gestellt.

80 Millionen Umsatz

Pragal sagte jedoch, schon die großen Mengen der über MTI abgesetzten Medikamente sprächen dagegen, dass es sich um Hilfslieferungen hätte handeln können. Allein mit Sanofi-Aventis sei von 2004 bis 2010 ein Umsatz von 80 Millionen Euro zusammengekommen. "Das kann niemand geglaubt haben, dass das nach Nordkorea geht - dem verschlossensten Land der Erde", sagte der Anwalt.

Nach seiner Darstellung wurden die nach der Sanofi-Anzeige laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stade gegen MTI eingestellt. Stattdessen ermittle nun die Staatsanwaltschaft Verden unter anderem gegen den Mittelsmann, der sich sowohl von MTI als auch von Sanofi-Aventis habe bezahlen lassen. Laut Pragal strich der Mann neben seiner Gewinnbeteiligung bei MTI auch 700.000 Euro von Sanofi ein.

dapd