Lärmschutz Arbeitssicherheit: Wenn Lärm auf die Nerven geht

Die Hälfte aller Erwerbstätigen in Deutschland fühlt sich durch Lärm am Arbeitsplatz belastet. Nicht nur die Ohren, der gesamte Organismus und die Psyche leiden darunter. Wie Unternehmer dem Krach zu Leibe rücken können.

Mirabell Schmidt und Barbara Oberst

Handwerker sollten sich vor zu viel Lärm schützen, denn die Folgen einer Lärmschwerhörigkeit sind schwerwiegend. - © Foto: Stefan Stelzer/fotolia.com

Jeder zweite Berufstätige leidet unter Lärm am Arbeitsplatz, zeigt der Unfallverhütungsbericht Arbeit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Nicht umsonst ist Lärmschwerhörigkeit die am häufigsten anerkannte Berufskrankheit in Deutschland. Im Jahr 2014 gab es laut Deutscher Gesetzlicher Unfallversicherung (DGUV) in Deutschland 6.425 anerkannte Fälle.

Neben dem Gehör leidet auch das Herz-Kreislauf-System unter Lärm. Zudem steigt die Unfallgefahr, erstens weil die Konzentration sinkt und zweitens, weil Warngeräusche nicht wahrgenommen werden. 

Lärm in der Gefährdungsbeurteilung

Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Lärm spielt dabei eine große Rolle. Die "Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung“ regelt das genaue Vorgehen. Nur "fachkundige Personen" dürfen die Gefährdungsbeurteilung durchführen. Fehlt dem Unternehmer diese Fachkunde, kann er sich beispielsweise an seine Berufsgenossenschaft wenden.

Zunächst ist wichtig herauszufinden, wie hoch die Werte tatsächlich sind. Herstellerangaben auf Maschinen oder in Bedienungsanleitungen geben Informationen, doch sind die Angaben oft undurchsichtig oder unvollständig. Nur bei einem Neukauf hat der Unternehmer realistische Chancen, verbindliche Aussagen des Herstellers zu bekommen.

Absolute Sicherheit erreichen Chefs letztlich nur durch Messungen, denn nicht selten kommen im Unternehmen mehrere Lärmquellen gleichzeitig zusammen.

Grenzwerte beachten

Ob der Lärm von klassischer Musik oder von Schlagbohrern verursacht wird, ist gleichgültig. Ausschlaggebend ist die Dosis: Der "Tageslärmexpositionspegel". Er ergibt sich aus der durchschnittlichen Lautstärke, die über den Tag verteilt auf die Menschen einwirkt und dem Zeitraum, in dem sie dem Lärm ausgesetzt sind.

Ab einer Lärmbelastung von 80 Dezibel im Mittel eines Achtstundentages ist der Arbeitgeber dazu verpflichtet, seine Mitarbeiter auf die außergewöhnliche Lärmbelastung hinzuweisen und Lärmschutz zur Verfügung stellen.

Ab 85 Dezibel muss er zudem kontrollieren, ob seine Mitarbeiter den Gehörschutz verwenden. Wichtig ist, allen klarzumachen, dass sie sich ohne Gehörschutz irreparable Schäden zuziehen. Für Spitzenlautstärken gilt ein Grenzwert von 137 dB (C).

Lärmemission verhindern

Noch bevor der Chef den Mitarbeitern Gehörschutz überreicht, muss er versuchen, Lärmquellen auszuräumen. Wer neue Maschinen kauft, sollte auf die Lärmentwicklung achten. Bei bestehenden Maschinen lassen sich häufig Kapselungen einarbeiten. Wo das nicht möglich ist, rät Günter Puzik, Lärmschutzexperte der Handwerkskammer für München und Oberbayern, zu raumakustischen Maßnahmen: "Mit Begrenzungsflächen, die den Lärm absorbieren statt reflektieren, lässt sich der Halleninnenpegel meist deutlich senken."

Auch organisatorische Schritte können viel bewirken. Handwerker sollten darauf achten, laute Arbeitsvorgänge immer am Rand des Raumens auszuführen, um Kollegen zu schützen. Auch Arbeitsabläufe lassen sich optimieren. Wenn geräuschintensive Arbeiten nacheinander statt zeitgleich gemacht werden, schaukelt sich der Lärmpegel weniger auf.

Gehörschutz kommt zuletzt

Erst, wenn diese Möglichkeiten ausgereizt sind, folgt der Gehörschutz. Besser als Kapselgehörschutz ("Kopfhörer“) und klassische Gehörschutzstöpsel wirken individuell angepasste Otoplastiken, die im Ohr getragen werden. Eine aktuelle Untersuchung der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) zeigt allerdings, dass die Filterelemente der Otoplastiken häufig verstopfen und die Nutzer dadurch immer schlechter damit klarkommen.

Auch das mag ein Grund sein, weshalb persönliche Schutzausrüstung oft zu wenig genutzt wird. Zudem bemerken Menschen, die mit lauten Maschinen arbeiten, Beeinträchtigungen nicht sofort. "Eine Hörschädigung kommt schleichend, erste Auswirkungen spüren Betroffene häufig erst nach Jahren", erklärt Patrick Kurtz, Lärmschutzexperte der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).

Erste Effekte, die Lärmschwerhörige meist feststellen, seien Schwierigkeiten, in größeren Gruppen einzelne Stimmen herauszufiltern – der sogenannte Cocktailparty-Effekt. "Doch erst, wenn sich der Schaden manifestiert hat, sind die Leute von ihrem Leiden sehr betroffen", ergänzt Kurtz. Die Schäden sind jedoch irreparabel.

Gerade junge Handwerker unterschätzen die Folgen des Gehörverlustes häufig. "Hörgeräte sind nicht mit Brillen vergleichbar. Wer ein Hörgerät hat, hört trotzdem nicht so gut, wie Menschen mit normalem Gehör", informiert Kurtz..

Chef investiert, Mitarbeiter denken mit

Investitionen in neue Maschinen und Lärmschutz schrecken natürlich zunächst ab. Doch die Kosten für Arbeitgeber, ihren Angestellten eine Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen oder geräuscharme Maschinen anzuschaffen, sind meist geringer, als kranke Mitarbeiter zu beschäftigen. Ein durch zu hoher Lautstärke ausgelöster Tinnitus beispielsweise, also ein ständiges Pfeifen im Ohr, schlägt häufig auf die Psyche. Und das kann dazu führen, dass jemand über Wochen oder Monate ausfällt.

Jeder Mitarbeiter sollte aber auch selbst darauf achten, sich nicht zu viel Lärm auszusetzen. Vor allem bei einer hohen Lärmbelastung am Arbeitsplatz seien für das Gehör Regenerationsphasen in der Freizeit enorm wertvoll. Zu denken, dass Gehörschutz nicht wichtig ist, wenn man ohnehin schon schlecht hört, sei schlichtweg falsch: "Es wird immer schlimmer, es hört nicht auf."

Nützliche Informationen zu Lärm im Betrieb

Dieser Artikel wurde am 2. Dezember 2015 aktualisiert.