Neue Sicherungsgeländer für Gerüstbauer Arbeitssicherheit im Gerüstbau: Branche warnt vor Milliardenkosten

Neue Pläne für mehr Arbeitssicherheit im Gerüstbau sorgen für Ärger. Sie sehen vor, dass Betriebe ihr Gerüstmaterial austauschen müssen. Der Bundesverband Gerüstbau schätzt die Gesamtkosten dafür im schlimmsten Fall auf bis zu fünf Milliarden Euro. Dies entspricht in etwa dem Gerüstmaterialbestand in der Branche. Auch andere Gewerke aus der Baubranche sind betroffen.

Jessica Baker

Neue Pläne zum Arbeitsschutz im Gerüstbau sorgen für Unmut in der Branche. Es wird mit hohen Kosten gerechnet. - © krizz7 - stock.adobe.com

Unübersichtliche Baustellen, schnelle Maschinen und spitzes Werkzeug – im Arbeitsalltag sind Handwerker immer wieder gefährlichen Situationen ausgesetzt. Deshalb ist ein richtiger Arbeitsschutz besonders wichtig. Aber wie der genau aussehen sollte, darüber gehen die Meinungen oft auseinander. Aktuell stoßen neue staatliche Pläne für besseren Arbeitsschutz im Gerüstbau auf Kritik der Branchenvertreter.

Nach den aktuellen staatlichen Plänen sollen die  Schutzmaßnahmen für Gerüstbauer neu definiert werden. Ein Arbeitsauftrag für ein technisches Regelwerk sieht vor, dass systemintegrierte Sicherungsgeländer standardmäßig eingeführt werden. Technische Schutzmaßnahmen erhalten damit Vorrang vor anderen Schutzmaßnahmen, wie zum Beispiel persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz. Diskutiert werden diese Pläne in einem Ausschuss für Arbeitssicherheit, in dem unter anderem Bund, Länder, Berufsgenossenschaften und Branchenverbände vertreten sind.

Kosten von bis zu fünf Milliarden Euro

Der Bundesverband Gerüstbau und andere Branchenvertreter sehen diese staatlichen Forderung kritisch. "Das Problem ist, dass es bisher keine ausreichenden Untersuchungen darüber gibt, ob diese speziellen Sicherungsgeländer wirklich für mehr Schutz sorgen. Außerdem sind diese Sicherungsgeländer in vielen Bausituationen nicht einsetzbar. Sie sind also nicht besser geeignet als andere Absturzsicherungen auf dem Markt", sagt Sabrina Luther, Geschäftsführerin von  Bundesinnung und Bundesverband  Gerüstbau.

Branchenvertreter sehen vor allem hohe Kosten auf die Betriebe zukommen. "Nach den aktuellen Plänen müssten Betriebe im schlimmsten Fall ihren gesamten Gerüstmaterialbestand gegen neues Material austauschen. Das ist ein nicht vertretbarer wirtschaftlicher Schaden und kann einige Existenzen kosten", sagt Luther. Der Verband schätzt den Materialbestand an Gerüsten, die umgetauscht werden müssten, auf bis zu fünf Milliarden Euro.

Auch andere Gewerke betroffen

Betroffen davon wären nicht nur Gerüstbauer, sondern auch andere Gewerke, die ihre Gerüste selbst aufbauen, wie zum Beispiel Maler, Dachdecker und andere Gewerke aus der Baubranche. Luther rechnet außerdem damit, dass die Preise für Gerüstbauleistungen  aufgrund der Austauschmaßnahmen stark ansteigen werden.

Der Verband geht auch davon aus, dass sich in Folge der hohen Austauschkosten, schwarze Schafe in der Branche weiter durchsetzen werden. "Die Betriebe, die sich bisher an keinerlei Vorschriften für die Arbeitssicherheit gehalten haben werden sich mit ihren Marktpreisen gegenüber den Unternehmen zukünftig durchsetzen, die regelkonform den Gerüstmaterialbestand austauschen und dies in ihren Preisen einkalkulieren müssen. Denn die eigentlich notwendigen Kontrollen der Baustellen finden kaum statt", teilte der Verband mit.

Detaillierte Unfallanalyse sinnvoller

Zielführender aus Sicht der Branchenvertreter wäre ein ganzheitlicher Ansatz zur Verbesserung der Arbeitssicherheit im Gerüstbau, der auf einer detaillierteren Unfallanalyse beruht. Außerdem sei die aktuelle   persönliche Schutzausrüstung gegen Absturzeine sehr gute Maßnahme, um die Arbeitssicherheit von Gerüstbauern zu erhöhen und im Gegensatz zu systemintegrierten Sicherungsgeländern auch fast überall einsetzbar.

Die persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz sollte nach Wunsch des Verbandes endlich auch flächendeckend eingesetzt werden. Entscheidend hierfür sei ein durchgehendes staatliches bzw. berufsgenossenschaftliches Kontrollsystem, das sicherstellt, dass die Maßnahmen durchgesetzt werden.

Luther hofft, dass die Pläne in den kommenden Monaten noch geändert werden und sich Bund, Länder, Berufsgenossenschaften und Branchenvertreter auf eine Lösung  einigen können, die in der Praxis auf den Baustellen funktioniert und damit auch eine echte Chance hat, die Arbeitssicherheit im Gerüstbau weiter zu verbessern. Eine Umsetzung der endgültigen Regelung wird im Laufe des kommenden Jahres erwartet.