Fachkräftemangel Arbeitsmarkt braucht zunehmend Zuwanderer

Die Arbeitslosigkeit ist wieder gestiegen. Das ist für diese Jahreszeit nicht ungewöhnlich. Doch ein Trend fällt auf: Das Arbeitskräftepotenzial im Inland kann die Bedürfnisse der Betriebe nicht mehr befriedigen – quantitativ und qualitativ.

Ausländische Fachkräfte
Ausländische Fachkräfte sind im Handwerk nicht mehr wegzudenken. Sie machen etwa 16 Prozent aller Beschäftigten im Handwerk aus. - © A. Frank/peopleimages.com - stock.adobe.com

Etwa 113.000 aus der Ukraine, 123.000 aus Indien, 567.000 aus der Türkei. Der deutsche Arbeitsmarkt würde ohne die Arbeitskräfte aus Drittstaaten längst zusammenbrechen. Im Jahr 2023 waren Menschen von außerhalb der Europäischen Union die größte Gruppe derer, die einen Job in Deutschland annahmen, sagte die Vorstandvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles. Trotzdem sind immer noch fast 700.000 Stellen unbesetzt.

Allein aus der Ukraine kamen von Juni 2022 bis Juni 2023 insgesamt 53.000 Menschen hinzu, die in Deutschland eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufgenommen haben. Aus Indien waren es im selben Zeitraum 24.000.  

"Nach unserer Prognose wird das in Zukunft zunehmen", sagte Nahles. Hintergrund sei schlichtweg die Demografie. Die geburtenstarken Jahrgänge beginnen, in Rente zu gehen.

Ausländer als Stütze im Handwerk

Auch im Handwerk fehlen Fachkräfte an allen Ecken und Enden. Allein schon beim Nachwuchs klafft jedes Jahr eine Lücke von mehreren 10.000 unbesetzten Lehrstellen. Zum Start des Ausbildungsjahres 2023 waren noch 30.000 Ausbildungsplätze unbesetzt.

Im gesamten Handwerk machen Menschen ohne einen deutschen Pass rund 16 Prozent aller Beschäftigten aus. Im Juni 2023 gingen laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit rund 537.000 Ausländer einer Arbeit im Handwerk nach.

Anlässlich der aktuellen Entwicklung betonte Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstages, die große Bedeutung dieser ausländischen Fachkräfte: "Sie bauen unsere Wohnungen und Häuser, reinigen die Büros, in denen wir arbeiten oder schneiden die Haare unserer Kinder. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Ausland gehören fest zur Handwerksfamilie. Rechtsextreme Pläne, die ihre Vertreibung vorsehen, sind zutiefst menschenverachtend." Das Handwerk als personalintensiver Wirtschaftsbereich sei auf motivierte Beschäftigte angewiesen. Aus welchem Land sie kommen und welche Hautfarbe sie haben, spiele dabei überhaupt keine Rolle, stellte Peteranderl klar.

Fehlende Qualifikationen erschweren Jobchancen

Für diejenigen, die bereits in Deutschland leben – ob als Einheimische oder Zuwanderer – und derzeit keinen Job haben, wird die Suche allerdings schwieriger. Sie sind häufig zu alt oder zu schlecht ausgebildet. Hinzu kommt, dass aus den EU-Beitrittsstaaten wie Rumänien, Bulgarien oder auch Polen immer weniger Menschen nach Deutschland kommen. Die Länder hätten inzwischen selbst demografische Probleme.  

Im Januar hat sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht allzu viel getan. Die Zahl der Arbeitslosen ist saisonüblich auf 2,805 Millionen gestiegen. Das sind 169.000 mehr als im Dezember 2023 und 189.000 mehr als im Januar vorigen Jahres, wie die Bundesagentur mitteilte. Die Arbeitslosenquote stieg um 0,4 Punkte auf 6,1 Prozent. Die Bundesagentur griff bei ihrer Januar-Statistik auf Datenmaterial zurück, das bis zum 15. des Monats vorlag. 

"Der alljährliche Anstieg der Arbeitslosigkeit zum Jahreswechsel fällt in diesem Jahr geringer aus. Auch die Beschäftigung und Arbeitskräftenachfrage zeigen sich konstant, sodass sich der Arbeitsmarkt zu Jahresbeginn trotz der anhaltenden Wirtschaftsschwäche stabil zeigt", sagte Nahles. Sie bezog sich mit diesem Vergleich auf die Jahre vor der Coronapandemie, als die Arbeitslosigkeit im Januar üblicherweise um etwa 200.000 Personen stieg. In den Coronajahren war der Anstieg geringer ausgefallen.

Obwohl der Arbeitsmarkt in starkem Maße auf Zuwanderer angewiesen ist und die Zahl der Langzeitarbeitslosen mit fast einer Million (960.000) noch immer deutlich höher ist als vor den Pandemiejahren, werden die Chancen für Arbeitslose, einen neuen Job zu finden, kleiner. Im Januar waren nach Angaben der Bundesagentur 699.000 Arbeitsstellen als offen gemeldet. Das sind 66.000 weniger als vor einem Jahr. dpa/jes