Amerika hat auf Paul Dobler eigentlich gar keine Faszination ausgeübt. Heute ist sein Bild von den USA ganz anders. Der Sprung ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zahlt sich für ihn nicht nur beruflich aus.
Christoph Ledder

Paul Dobler hat den Sprung gewagt und macht als Zimmerermeister ein Praktikum in den USA. Sowohl beruflich als auch persönlich haben ihm die Monate dort bisher sehr viel gebracht.
- © Foto: DoblerIn Tamwoth liegt auch Mitte April noch Schnee. Die Temperaturen in dem beschaulichen Ort im Bundesstaat New Hampshire sind unter Null. Für Paul Dobler aus Deutschland ist das allerdings kein Problem. "Wenn ich mit meinen Kollegen auf die Baustelle komme, heißt es erstmal Schneeschieben", sagt er. Doch wenn die Sonne scheint und der Blick auf den zugeschneiten "Silver Lake" und die angrenzenden Berge frei ist, ist das anstrengende Schneeschaufeln längst vergessen.
"Keine Sekunde bereut"
Der 25-jährige Zimmerermeister macht in einem ortsansässigen Zimmereibetrieb ein Praktikum. Ein Meister im Praktikum? Für Dobler ist das keineswegs ein Schritt zurück. Im Gegenteil, es sind gleich mehrere Sprünge nach vorne. "Den Schritt in die USA zu gehen, habe ich bis jetzt keine einzige Sekunde bereut", sagt er. Deshalb hat er sein Praktikum auch bis Oktober verlängert.
Unterstützt wird er dabei vom Baden-Württembergischen Handwerkstag. Dessen Stipendium-Programm für Berufstätige ermöglicht es ihm, Berufserfahrungen im Ausland zu sammeln und neue Techniken zu erlernen. Mit 1.000 Euro pro Monat und seinem Praktikantengehalt in den USA kann er sich dort für ein paar Monate sein Leben finanzieren.

Am Silver Lake außerhalb von Tamworth liegt die Baustelle. Der Blick auf den verschneiten See entschädigt für Vieles.
- © Foto: P.DoblerBild von Amerika hat sich verschoben
Von dem Betrieb habe ihm ein Freund erzählt. Daraufhin hat er übers Internet Kontakt mit der Zimmerei aufgenommen und angefragt, ob er nicht für ein paar Monate bei ihnen arbeiten könne. Daraufhin ist ihm der Praktikumsplatz angeboten worden. Dass er sich innerhalb kurzer Zeit in dem Betrieb in Tamworth wiederfinden würde, hat er selbst nicht geglaubt. Auch denkt er heute über Amerika anders als noch vor ein paar Monaten. "Bevor ich hierher kam, hatte ich kein gutes Bild von Amerika. Innerhalb weniger Wochen hat sich das komplett geändert", erzählt er.
Auch mit Blick auf die Arbeit sei er überrascht gewesen. Mit seinen amerikanischen Kollegen arbeitet er derzeit an einem so genannten "Timber Frame". Das Haus ist eine Fachwerkholzkonstruktion, bei der auch im Haus alle Verbindungen aus Holz sind. Das Innere des Hauses ähnelt dabei einem Schiffsrumpf. Für Dobler absolutes Neuland.

Die "Timber Frame"-Kostruktion ist in den USA sehr verbreitet. Sämtliche Elemente des Hauses bestehen aus Holz.
- © Foto: P.Dobler"Ich bin immer noch beeindruckt von der Konstruktion, die ich vorher nicht kannte", sagt der junge Zimmerermeister. Beim "Timber Frame" muss bis auf den letzten Millimeter genau gearbeitet werden, was für Dobler eine echte Herausforderung ist. "Allein schon deshalb hat es sich gelohnt, ein Praktikum in den USA zu machen, da ich unheimlich viel Neues lerne“, sagt er weiter.
Amerikaner sind experimentierfreudiger
Doch es ist nicht nur die Arbeit allein, die ihn in Amerika fasziniert. Auch die amerikanische Mentalität ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. "Die Menschen und die Kultur sind vollkommen anders als bei uns in Deutschland. Die Zimmerer sind experimentierfreudiger in ihrer Arbeit", so Dobler. Die Unterschiede zwischen deutscher Genauigkeit und amerikanischem Machertum sind deutlich spürbar. "Was meine Arbeit als Zimmerer angeht, bin ich sehr genau, aber hier habe ich gelernt, nicht immer alles zu verbissen zu sehen", sagt er.
Wissensaustausch findet in Tamworth täglich statt. "Seitdem ich hier bin, konnte ich nicht nur von meinen amerikanischen Kollegen etwas lernen, sondern habe ihnen auch viel Wissen vermitteln können", sagt Dobler. Hierbei gehe es vor allem um Grundlagen und Feinheiten des Zimmererhandwerks.
Klare Vorstellungen für Zeit nach Amerika
In den USA ist der Zimmererberuf ein Anlernberuf, auch eine Ausbildung und den Meister dazu gibt es nicht. Darum ist Doblers Wissen bei seinen amerikanischen Kollegen sehr gefragt. Doch von Überheblichkeit oder gar Arroganz ist bei dem jungen Meister nicht die Spur zu merken. Vielmehr genießt er den deutsch-amerikanischen Wissensaustausch und wird im Oktober jede Menge berufliche und persönliche Erfahrungen zurück mit nach Deutschland nehmen.
Sein Ziel für die Zeit nach Tamworth steht bereits fest: "Zusammen mit einem Freund möchte ich mich selbstständig machen und einen Betrieb gründen." Auch wenn Dobler seine Zeit in den USA genießt, hat er manchmal Sehnsucht nach seiner Heimat Crailsheim in Baden-Württemberg. Vor allem die Vorfreude auf das deutsche Essen macht sich bei ihm bemerkbar.
Mut gehört dazu
Doch bei allen kulinarischen Entbehrungen würde Dobler solch ein Praktikum jederzeit wieder machen. Die persönlichen und beruflichen Erfahrungen seien goldwert und könnten einem nicht mehr genommen werden, sagt er. Und auch für seine deutschen Kollegen, die ein Auslandspraktikum anstreben, hat er einen Tipp: "Es ist wichtig, sich zu trauen für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Selbstzweifel sind fehl am Platz und man kann nur an Erfahrungen gewinnen. Mut und eine gesunde Portion Selbstbewusstsein gehören dazu."
Auf die restlichen Monate bis Oktober freut sich Paul Dobler jetzt schon. Neben der Arbeit in der Zimmerei will er ein paar Bundesstaaten bereisen, um das Land noch besser kennenzulernen. Auch soll in New Hampshire bald der Frühling einsetzen. "Dann hat auch das Schneeschaufeln vor Arbeitsbeginn endlich ein Ende", sagt er und lacht.
Vier Stipendien pro Jahr
Berufstätige Handwerker, die sich für das Stipendium interessieren, können sich an den Baden-Württembergischen Handwerkstag wenden. Es wird viermal pro Jahr vergeben. Die nächsten Bewerbungsstichtage sind der 30. Juni und 30. September. Die Förderung umfasst 1.000 Euro monatlich und einen Sprachkurszuschuss in Höhe von 500 Euro. Viermal im Jahr können sich junge Berufstätige mit nicht-akademischem Ausbildungsabschluss für ein Praktikum oder eine Weiterbildung im Ausland bewerben. Das Programm richtet sich an berufstätige Handwerker in Baden-Württemberg.