Porträt- und Werbefotografen Die Digitalisierung verändert die Fotografen-Branche

Die Digitalisierung hat das Fotografieren und die Bildbearbeitung einfacher denn je gemacht. Vor allem für die Porträtfotografen ist damit ein Teil ihres Marktes weggebrochen. Die Werbefotografen leiden weniger darunter, haben sich zusätzch aber auch andere Geschäftsfelder erschlossen. Was für beide Sparten zählt: Flexibilität und außerordentliche Qualität entscheiden über den Erfolg.

Frank Muck

Vor den Kulissen: Fotografen müssen sich neue Geschäftsfelder erobern. - © Alexander Mirokhin/Fotolia

Vor ein paar Tagen klingelte bei Joachim Michels das Telefon. Es war das Finanzamt. Der Fotograf aus Darmstadt bekam einen Schreck und überlegte ­fieberhaft, ob er vielleicht eine Steuersünde begangen hatte. Doch weit gefehlt. Sein Gesprächspartner, so stellte sich nach ein paar Minuten heraus, wollte sich nur ein Objektiv ausleihen. Er sei Hobbyfotograf und verdiene am Wochen­ende ein wenig Geld mit dem Fotografieren von Hochzeiten.

Mehr Betriebe, gleich viele Lehrlinge

Joachim Michels hat ihm das Objektiv nicht gegeben. Weil er keinen Fotohandel oder -verleih hat, wie er sagt. Diese Situation kennzeichnet den schwierigen Markt der Porträtfotografen. Seit die Digitalisierung Einzug in die Fotografie gehalten hat, denken viele Hobbyfotografen, dass sie ihre Pass-, Hochzeits- und Familienbilder mit dem entsprechenden Computerprogramm genauso gut machen können wie ausgebildete Fotografen. So ist mit der Änderung der Handwerksordnung im Jahr 2004 und der Herabstufung der Fotografen in die Gruppe der nicht meisterpflichtigen Gewerke in Anlage B1 die Zahl der Betriebe um mehr als das Zweieinhalbfache auf 11.529 im Jahr 2010 angestiegen. Die Nachfrage nach den Leistungen der Porträtfotografen hat dementsprechend abgenommen.

Der Darmstädter Fotograf Joachim Michels in seinem Fotostudio. - © Joachim Michels
Joachim Michels

Die Rechner haben das Labor ersetzt

In den Zeiten analoger Fotografie bekam Joachim Michels pro Jahr noch rund 150 Aufträge für Hochzeiten. In diesem Jahr werden es maximal 45 sein. Der Fotografenmeister, der sich vor 36 Jahren mit Porträtfotografie selbstständig gemacht hat, hat dennoch sein Auskommen. Die Art Bilder, die er macht, sind nur schwer ohne den gewissen Blick des geschulten Fotografen und eine gute technische Ausstattung zu machen. Der Babybauch, das Aktfoto oder Passbilder beschäftigen bei Michels immer noch fünf Fotografen und zwei Lehrlinge. Auch die notwendigen Investitionen kann er sich noch leisten. Vor ein paar Jahren hat er neue Computer gekauft. Die Arbeitsplätze am Rechner mussten die Dunkelkammer ersetzen. Weil ein Teil der ureigensten Arbeit eines Fotografen nun einmal völlig weggefallen ist, geraten ihre Dienste zusätzlich preislich unter Druck. Entwickeln, Vergrößern, also die ganze Arbeit im Labor, ist inzwischen überflüssig.

Jahr Lehrlinge Eintragungen in die Handwerksrolle
200320374.313
200619297.150
2010200911.529

Was es bedeutet, ein gutes Bild zu machen, sehen viele Kunden nicht. "Dafür braucht es zum Beispiel viel Wissen über das richtige Licht", sagt Hans Starosta, Bundesinnungsmeister und Vorsitzender des Centralverbands Deutscher Berufsfotografen. Neben all den Billigangeboten ist es deshalb für Profi-Fotografen schwer, ihre Preise durchzusetzen. Dem Fotografenmeister bleibe nur, die hohe Qualität der eigenen Arbeiten herauszustellen. Hans Starosta hat sich zusätzlich neue Geschäftsfelder erarbeitet. Er selbst nutzt die Eventfotografie. Auf Schul- und Abibällen bietet er günstig seine dort geschossenen Fotos an. Auf seiner Webseite können sich die Gäste die gewünschten Bilder heraussuchen und bestellen. Der Bundesinnungsmeister rät seinen Kollegen, sich diese Märkte zu erarbeiten und den eigenen Service zu verbessern, etwa mit Vorgesprächen, einem Styling-Angebot oder der entsprechenden Einrichtung zum jeweiligen Shooting im Studio.

Bundesinnumgsmeister Hans Starosta wünscht sich mehr Wertschätzung für die speziellen Fähigkeiten eines Fotografen. - © Hans Starosta
Hans Starosta.

"Der Fotograf hat als Beruf immer noch einen guten Klang."

Auch wenn der Markt schwierig ist, leidet die Branche nicht an Nachwuchsmangel. "Der Fotograf als Beruf hat noch immer einen guten Klang", sagt Starosta. Der kreative Umgang mit Kamera und Computer zieht viele junge Menschen an. Kai Vogelsänger kann es sich deshalb leisten, seine Bewerber auf die manchmal harte Realität der Branche vorzubereiten. Der geschäftsführende Gesellschafter eines Werbefoto-Studios mit Sitz in Lage, Düsseldorf und München sagt den Interessenten ganz deutlich, dass sie nur schwer ihren Lebensunterhalt verdienen können, wenn sie nicht für den Beruf brennen. Eine gute Ausbildung sei dafür das wichtigste Rüstzeug. Vogelsänger versucht, genau das weiterhin anzubieten. 271 Lehrlinge haben die Studios in ihrer 60-jährigen Unternehmensgeschichte ausgebildet und darunter immer wieder Kammer-, Landes- und Bundessieger hervorgebracht.

Markus Winter, Spezialist für Computer ­Generated Imagery, mit seinem Chef Kai ­Vogelsänger (rechts) beim Abgleich von 3-D-Bildern. - © Vogelsänger
Fotostudtio Vogelsänger

Qualität der Arbeiten hat sehr hohes Niveau erreicht

Einen durch die Digitalisierung drohenden Qualitätsverlust in der Ausbildung und der Arbeit insgesamt kann Klaus Heuke, Fotografenmeister und Ausbilder bei Vogelsänger, nicht feststellen. Ganz im Gegenteil: Die Arbeit der Auszubildenden hätte in den vergangenen Jahren ein sehr hohes Niveau erreicht, sagt Heuke, der Mitglied im Gesellenprüfungsausschuss der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld ist. Studios wie Vogelsänger, die inzwischen mit Film, Events und Beratung medienübergreifende Kommunikationslösungen für ihre Kunden bereithalten, sichern ihre Existenz durch Qualität. Denn Kunden kämen eben nur wieder, wenn die Qualität der Arbeit stimmt, so Kai Vogelsänger. Dennoch kennt auch er die durch die Digitalfotografie verloren gegangene Wertschätzung für die Arbeit seiner Mitarbeiter. Zu analogen Zeiten mussten Kunden allein für Dias und Scans schon 250 Euro bezahlen. Diese Kosten fallen heute weg. "Der digitale Datensatz hat keinen Wert mehr", sagt Vogelsänger. Dass das Equipment mit Kameras, Computern und Software fortlaufend erneuert werden muss, nehme der Kunde oft nicht wahr.

Unter dem Konkurrenzdruck ambitionierter Hobbyfotografen leiden die Werbefotostudios dagegen nicht. Dazu ist deren Arbeit zu aufwendig. Gleichzeitig profitieren die Studios von der Arbeit am Computer. Wo früher für die Fotoshootings aufwendige Kulissen und Settings erst aufgebaut werden mussten, kann heute mittels Computer Generated Imagery (CGI) jeden beliebigen Ort oder jede Kulisse für die fotografierten Models oder Produkte aufbereitet werden. Die Folge: Die Fotografen und ihre Assistenten müssten sich das Foto und seine Geschichte heute viel stärker vorab im Kopf vorstellen können, um am Computer ein gelungenes Setting für das fotografierte Bild zu entwerfen. Ein gutes Foto werde trotzdem nicht allein am Computer erzeugt, sagt Vogelsänger. Es sei eine Kombination aus beidem: Mit der Kamera gemachte Fotos und das am Computer erstellte Umfeld für das Bild – beides handwerklich sauber erarbeitet. Und das geht nun einmal nicht ohne gute Ausbildung.

Was Fotografen können sollten

  • vielfältige Angebote machen (Film, Multimedia, Eventfotografie, Panoramafotografie etc.)
  • zusätzliche Dienstleistungen für den Kunden (Beratung über Styling, Umgebung und Motiv, angenehme Atmos­phäre schaffen, Angebote für die Motivpräsentation)
  • das klassische Handwerk und die neueste Technik beherrschen
  • Trends nicht verschlafen

Technische Trends

Eine große technische Revolution ist derzeit nicht in Sicht. Nach Auffassung von Hans Starosta und Kai Vogelsänger wird es vor allem Verbesserungen in der Softwareanwendung und bei der Qualität der Bildschirme ­geben.

Ab heute zeigt die weltgrößte Fotomesse in Köln Innovationen und neue Trends aus der Fotografie. Wichtigste Neuerung sind Digitalkameras, mit denen man Fotos schnell und einfach ins Internet laden kann. Lesen Sie hier mehr zur Photokina.