Altersvorsorge: Hilft eine Zusatzrente gegen Altersarmut?

Geringverdienern fehlt nicht nur heute das Geld, auch im Rentenalter werden sie von Armut bedroht sein. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) möchte eine Zuschussrente, Andrea Nahles von der SPD ist dagegen.

Andrea Nahles ist SPD-Generalsekretärin. Foto: Florian Jaenicke/SPD

Altersvorsorge: Hilft eine Zusatzrente gegen Altersarmut?

Ursula von der Leyen: Das deutsche Rentensystem ist stabil und zukunftsfest. Aber an eine Schwachstelle müssen wir ran: Menschen, die etwas geleistet und vorgesorgt haben, müssen im Alter besser dastehen, als die, die das nicht gemacht haben.

Mit der Zuschussrente wollen wir denen 850 Euro im Monat garantieren, die Voll- oder Teilzeit gearbeitet, aber wenig verdient haben. Genauso denen, die Kinder erzogen oder Menschen gepflegt haben. Die Zuschussrente ist Lohn für Lebensleistung. Wir schauen zuerst darauf, was jemand gemacht hat, nicht, wie viel er verdient oder ob er Vollzeit gearbeitet hat.

So profitieren besonders Frauen. Denn sie steigen häufiger als Männer für Kinder oder Pflege aus dem Beruf aus, arbeiten Teilzeit, sind geringfügig beschäftigt, verdienen eher wenig. Die Zuschussrente ist für alle gut erreichbar, die sie brauchen. Am Anfang gilt 30/40/5: 30 Jahre Erziehung, Pflege oder Arbeit – auch Teilzeit oder mit Rentenbeiträgen aufgestockter Minijob. Dazu weitere 10 Jahre Versicherungszeiten, etwa durch Ausbildung, Schwangerschaft, Arbeitslosigkeit. Plus 5 Jahre Vorsorge zum Beispiel mit „Riestern“ – das ist ab 5 Euro pro Monat möglich.

Andere Modelle springen zu kurz und in die falsche Richtung, denn sie setzen wie eh und je auf jahrzehntelange Vollzeitarbeit. Davon haben viele Frauen nichts. Der geforderte Mindestlohn würde auch nicht helfen. Mit 8,50 pro Stunde kommt man auch in 45 Jahren Vollzeit nicht auf die 850 Euro der Zuschussrente. Daran müssen sich alle Gegenvorschläge messen lassen.

Rentenversicherung verliert an Akzeptanz

Andrea Nahles: Für die SPD steht fest: Niemand, der ein Leben lang voll gearbeitet hat, darf mit einer Armutsrente nach Hause gehen! Die Zuschussrente von Frau von der Leyen wird dem nicht gerecht. Sie hilft denen, die am ehesten von Armut betroffen sind nicht und untergräbt die Akzeptanz der gesetzlichen Rentenversicherung.

Die Bruttorente müsste 948,66 Euro betragen, um Netto auf die von der Arbeitsministerin genannten 850 Euro zu kommen. Das heißt: Ein Durchschnittsverdiener muss 34,53 Jahre Beiträge zahlen, um diesen Betrag zu erreichen. Die Hürden sind zu hoch, so dass nur wenige profitieren. Und viele, die aus eigener Kraft einen Rentenanspruch von rund 900 Euro erreichen, fragen sich, ob diese Rente noch attraktiv ist.

Die Zuschussrente schwächt die solidarische Rente. Stattdessen stärkt von der Leyen die private Vorsorge – obwohl die Kapitalmärkte keine sichere Bank sind. Die SPD ist überzeugt: Gute Renten erwachsen aus guten Löhnen. Es müssen zunächst alle Voraussetzungen geschaffen werden, damit die Menschen eine gute Rente selbst erreichen können. Das heißt, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung muss gestärkt werden:

Wir brauchen einen gesetzlichen Mindestlohn, höhere Löhne und bessere Aufstiegschancen. Niemand soll sein Leben lang vom Mindestlohn leben müssen. Um Altersarmut zu vermeiden, müssen aber auch Zeiten von Minilöhnen, von Arbeitslosigkeit sowie von Kindererziehung und Pflege höher bewertet und die Erwerbsminderungsrente muss verbessert werden.