Die Diskussion über Altersarmut ist überzogen, findet Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Er mahnt aber auch Verbesserungen an.
Karin Birk

DHZ: Herr Geyer, angesichts der aktuellen Diskussion über drohende Altersarmut denkt die Regierung über eine weitere Rentenreform nach. Was halten Sie davon?
Geyer: Wir brauchen eher keine große Rentenreform. Wir haben durch die vergangenen Reformen das Rentensystem wenigstens in der mittleren Frist stabilisiert. Reformen sollten sich insbesondere auf zwei Aspekte konzentrieren: Korrekturen bei der Riester-Rente und der Betriebsrente und die Vermeidung von Altersarmut bei bestimmten Gruppen. Darum sollte es jetzt gehen. Generell gilt: Wer Altersarmut langfristig vermeiden will, investiert am besten in Bildung, um so für Aufstiegschancen und vernünftige Löhne zu sorgen.
Faktoren blieben unberücksichtigt
DHZ: Angestoßen wurde die Diskussion durch eine Studie, die besagt, dass ab 2030 jeder zweite Neu-Rentner von Altersarmut betroffen ist. Teilen Sie die Auffassung?
Geyer: Nein. Zum einen sind die Renten aus der gesetzlichen Rentenversicherung nur ein Teil der Alterseinkünfte. Zweitens leben viele Rentner nicht allein. Das heißt, eine individuell niedrige Rente ist nicht identisch mit Armut. Außerdem steigt über den Lebenszyklus in der Regel das Einkommen. All das wurde nicht berücksichtigt.
DHZ: Womit rechnen Sie 2030?
Geyer: Das vorgesehene Absenken des Rentenniveaus wird das Wachstum der Renten dämpfen. Wenn man nur von der gesetzlichen Rente leben muss, wird es kritisch. Man braucht Zusatzeinkünfte. Und für bestimmte Gruppen steigt das Risiko der Altersarmut. Wir hatten relativ lange Phasen mit hoher Arbeitslosigkeit, insbesondere in Ostdeutschland nach der Wende. Darüber hinaus sind der Niedriglohnsektor und versicherungsfreie Beschäftigung angewachsen. Das führt zu niedrigen Anwartschaften in der gesetzlichen Rente. Den Anstieg der dadurch bedingten Altersarmut kann man bereits heute beobachten.
Mittelständler benutzen Betriebsrenten zu wenig
DHZ: Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer hat die staatlich geförderte private Altersvorsorge für gescheitert erklärt. Unterschreiben Sie diese Aussage?
Geyer: Die Frage ist: Woran scheitert sie? Es war nie ein Ziel der Riester-Rente, Altersarmut zu verhindern. Es ging vor allem darum, das Absinken des Rentenniveaus auszugleichen und eine kapitalgedeckte Säule aufzubauen. Wenn es darum geht, dass sie nicht genügend in Anspruch genommen wird, könnte man sie auch obligatorisch machen – auch das würde ich nicht als Scheitern bezeichnen.
DHZ: Handlungsbedarf sieht die Große Koalition bei der Stärkung der zweiten Säule, den Betriebsrenten. Worauf ist hier zu achten?
Geyer: Obwohl wir seit längerem einen Rechtsanspruch auf betriebliche Rente haben, wird sie bei kleinen Mittelständlern noch wenig genutzt. Entscheidend sind deshalb einfache Durchführungswege und eine Flexibilität bei einem Arbeitgeberwechsel. Überprüft werden sollte auch die Regelung, Betriebsrenten in der Auszahlungsphase voll mit Sozialversicherungsbeiträgen zu belasten.
DHZ: Reicht das alles aus, um Altersarmut künftig ausschließen zu können? Was müsste noch unternommen werden?
Geyer: Wenig Beachtung findet in der aktuellen Diskussion die zunehmende Zahl von Solo-Selbstständigen. Auch sie könnte man verpflichten, in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen beziehungsweise privat vorzusorgen.