Interview "Alle überlastet, gleichzeitig die Welt retten wollen"

Man muss am Arbeitsplatz nicht immer gleich die Welt retten und mit allen befreundet sein. Das sagt Coach und Buchautor Attila Albert.

Buchautor und Coach Attila Albert. - © Tyler Ramsey

Coach und Autor Attila Albert (49) schreibt in seinem Buch "Ich will doch nur meinen Job machen": "Viele Arbeitnehmer fühlen sich heute bedrängt wie nie. Überall unterbesetzt, alle überlastet, gleichzeitig schwebt das Management in höheren Sphären und will jeden gesellschaftliches Konflikt angehen." Im Interview berichtet er, was ihn auf die Idee gebracht hat und was er Arbeitnehmern empfiehlt.

Was hat Sie auf die Idee für das Buch gebracht?

Attila Albert: Die hohe Zahl von Klienten, Freunden und Bekannten, die heute teilweise bereits mit Ende 30 völlig erschöpft ist. Dabei gehen die meisten davon einfach nur zur Arbeit und haben oft noch nicht einmal Kinder. Das Buch behandelt unterschiedliche Gründe dafür.

Gab es Überlastung nicht schon immer?

Die Krankenkassen melden seit Jahren immer neue Rekordstände bei Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen. Verändert hat sich aus meiner Sicht, dass die Ursachen diffuser geworden sind, für die Betroffenen selbst viel schwerer zu erkennen.

Wie haben sich die Ursachen verändert?

Einst galten mangelhafte Arbeitsorganisation und unzureichendes Zeitmanagement als wichtigste Gründe für Überlastung. Diese Bereiche sind längst optimiert, ohne dass der Stress geringer geworden. Heute geht es verstärkt um subtilere Übergriffigkeiten.

Was ist damit gemeint?

Psychologische Tricks, etwa die Verantwortung für eine Aufgabe an den Mitarbeiter zu delegieren, aber ohne die dafür notwendigen Ressourcen und Kompetenzen. Der Chef behauptet, einem ,alle Freiheiten’ zu geben, nur stimmt das gar nicht.

Was steckt hinter der Überlastung?

Zuerst betriebswirtschaftliche Zwänge. Viele Märkte stagnieren, Unternehmen erwirtschaften teils nur einstellige Umsatzrenditen. Damit lassen sich höhere Gewinne nur über niedrigere Kosten erzielen. Gleichzeitig sind die Erwartungen von allen Seiten gestiegen.

Im Buch geht es viel um Wertekonflikte.

Viele Arbeitnehmer empfinden ihr berufliches Umfeld heute auch als unangenehm politisiert, sehen eine ständig steigende Zahl von gesellschaftlichen Konfliktthemen ins Unternehmen verlagert und ihnen zusätzlich zu den eigentlichen Anforderungen aufgedrängt.

Wie sieht das konkret aus?

Da es in einer Belegschaft, wie in der Bevölkerung insgesamt, ganz vielfältige Ansichten gibt, stört jeden etwas anderes. Der eine will kein "Gender-Deutsch", der andere nicht, dass der Vorstand auch in seinem Namen Fridays for Future oder Black Lives Matter unterstützt.

Sollen sich Firmen nicht engagieren?

Arbeitsvertraglich vereinbart ist politisches Engagement eines Arbeitnehmers nicht, wenn er sich nicht ausdrücklich für einen sogenannten Tendenzbetrieb entschieden hat, etwa eine Partei, Gewerkschaft, Kirche oder NGO. So ist es schon eine Grenzüberschreitung.

Was ist das Problem dabei?

Für die meisten: Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Überall sind Abteilungen unterbesetzt, alle Kollegen überlastet. Gleichzeitig redet die Firmenleitung vollmundig von der Weltrettung. Dann scheitert es aber schon am Tarifgehalt oder stabilem WLAN.

Was ist die Ursache dafür?

Dass symbolische Handlungen – ,ein Zeichen’, ,eine Botschaft’, ,eine Signal’ – einfacher für das Management sind und nicht viel kosten. Tatsächliche Verbesserungen sind langwierig, stoßen an viele technische, wirtschaftliche und organisatorische Hürden.

Also besser gar nichts tun?

Man könnte auch sagen: Macht euren Job, lasst euch nicht von jeder öffentlichen Aufregung treiben. Kümmert euch um eure Eigentümer, Mitarbeiter und Kunden, und das im Rahmen der Gesetze. Wenn ein Management damit nicht ausgelastet ist, stimmt etwas nicht.

Was raten Sie Arbeitnehmern?

Grenzen setzen, sowohl bei der beruflichen Belastung wie bei der Bevormundung durch Vorgesetzte. Wer die psychologischen Manipulationen und moralischen Erpressungen kennt, bei dem wirken sie nur noch sehr begrenzt. Notfalls gilt: Firma wechseln.

Wovon raten Sie ab?

Alles mit sich machen zu lassen oder den Fehler nur bei sich zu suchen. Das ist das Risiko der aktuellen Achtsamkeitsbewegung: Sie propagiert die Selbstreflektion und das zeitweise Verdrängen der äußeren Umstände. Kurzfristig hilft das, langfristig ist das riskant.

Ist es heute nicht überall so?

Öffentliche und börsennotierte Arbeitgeber sehen sich sicherlich einem besonderen Druck ausgesetzt, möglichst auf jeden gesellschaftlichen Trend zu reagieren. Mittelständler oder inhabergeführte Unternehmen sind da freier, haben dafür andere Herausforderungen.

Was erhoffen Sie sich von dem Buch?

Dass es den Einzelnen dazu anregt, seine eigene Position zu finden und sich besser vor subtilen Manipulationen zu schützen. Zudem ist es wieder humorvoll verfasst, daher hoffentlich auch unterhaltsam, wenn man nicht jede Ansicht persönlich teilt.

Attila Albert: Ich will doch nur meinen Job machen (224 S., 15 Euro), erschienen bei Redline. Hier bestellen!