Bäcker sollte Adolf "Adi" Dassler eigentlich werden. Doch er hatte einen anderen Traum und begann, nach der Lehre in der elterlichen Waschküche Schuhe zu nähen. Er gründete damit den Weltkonzern Adidas und leistete seinen Anteil am "Wunder von Bern". Am Sonntag feierte der Sportartikelhersteller seinen 70. Geburtstag.
Steffen Guthardt

"Schustern lernst du nicht. Das ist ein zu unsicheres Geschäft. Geh zu einem Bäcker in die Lehre. Brot müssen die Leute schließlich immer haben." Mit diesen Worten soll Christoph Dassler seinem Sohn Adi den Beruf des Schusters ausgeredet haben. Hätte der junge Adi Dassler den Rat seines Vaters befolgt, würde es den Weltkonzern Adidas wohl heute nicht geben.
Doch die Bäckerlehre in der Bäckerei Weiß in der Bamberger Straße in Herzogenaurach, etwa 100 Meter vom Wohnhaus der Familie Dassler entfernt, empfindet der junge Adi als hart und nicht das Richtige für sich. Nach dem Ende der Ausbildung und einem Kriegseinsatz an der Westfront, steht für ihn fest, dass er sich ganz dem Schuhmacherhandwerk verschreiben wird.
Sportschuhe aus der Waschküche
Anstatt wie sein Vater Filzpantoffeln zu produzieren, will der sportbegeisterte Adi aber lieber Turnschuhe fertigen. Gearbeitet wird ab 1920 zuerst in der heimischen Waschküche, die kurzerhand zur Werkstatt umfunktioniert wird. Der junge Adi absolviert zunächst keine Schuhmacherausbildung, vieles hatte er sich schon in seiner Jugend beim Vater abgeschaut.
Adi Dassler fasst gemeinsam mit seinem Bruder Rudolf den Entschluss eine eigene Firma zu gründen. Am 1. Juli 1924 entsteht die Sportschuhfabrik Gebrüder Dassler, die sich auf die Herstellung von Fußball- und Laufschuhen konzentriert.
Die Rollen im Unternehmen sind klar verteilt. Adi Dassler kümmert sich vor allem um die Schuhproduktion. Er ist kein Mann, der gerne in der Öffentlichkeit steht. Viel lieber tüftelt er in seiner Werkstatt und verbringt die freie Zeit zu Hause oder in der Natur. Sein wortgewandter Bruder Rudolf ist indes für das Marketing des jungen Unternehmens zuständig.
Export ins Ausland
1925 ziehen sie den ersten Großauftrag an Land. Der Herzogenauracher TV 1861 orderte 10.000 Paar Leinenturnschuhe für 23.900 Reichsmark. Schnell können die Brüder ihren Betrieb auf zwölf Mitarbeiter vergrößern und ein größeres Fabrikgebäude unmittelbar in der Nähe des Herzogenauracher Bahnhofs beziehen. Ab 1928 werden die Schuhe der Dasslers auch ins Ausland exportiert. Aus Österreich, Ungarn und der Schweiz kommen die ersten Anfragen. 1930 beträgt der Jahresumsatz bereits 234.000 Reichsmark. 10.500 Rennschuhe und 18.500 Paar Fußballschuhe werden in diesem Jahr produziert.
Doch Adi Dassler gibt sich mit der guten Entwicklung der Firma nicht zufrieden. Er sucht immer nach Innovationen für seine Schuhmodelle. Um mehr über das Schuhmacherhandwerk zu erfahren, besucht er 1932 einen Lehrgang an der Schuhfachschule in Pirmasens, der damaligen Hauptstadt der Schuhindustrie. Die Reise erweist sich für das Privatleben von Adi als Glücksfall. Bei einer Feier seines Lehrers Franz Martz lernt er seine große Liebe kennen, die 17 Jahre jüngere Käthe Martz. 1934 wird die Ehe geschlossen, aus der mehrere Kinder hervorgehen.
Owens läuft zu Gold
Internationale Bekanntheit erlangen die Dassler-Schuhe in dieser Zeit bereits durch Athleten, die bei den Olympischen Spielen in Los Angeles (1932) in den Laufmodellen der Dasslers antreten und Medaillen gewinnen. Die Brüder nutzen dabei ihre Kontakte zum Leichtathleten und Trainer Joseph Waitzer, der 1930 zum deutschen Reichssportminister ernannt wird. 1936 folgte der endgültige Durchbruch. Jesse Owens erzielt bei den Olympischen Spielen in Berlin Bestleistungen in einem federleichten Dassler-Modell aus Handschuhleder. Owens wird mit vier Goldmedaillen der erfolgreichste Athlet der Spiele.
Doch die Kriegsjahre gehen nicht spurlos an der Sportschuhfabrik Dassler vorüber. Die Brüder müssen für die deutsche Rüstung arbeiten anstatt neue Sportschuhe zu fertigen. Als Rudolf nach Kriegsende unter dem Vorwurf für die Spionageabwehr, den Sicherheitsdienst und die Zensur gearbeitet zu haben ins amerikanische Straflager kommt, führt dies zum dauerhaften Bruch von Adi und Rudolf und das Ende der gemeinsamen Firma. Rudolf hat den Verdacht, von Bruder Adi denunziert worden zu sein.
Ein Großteil der Mitarbeiter bleibt bei Adi, der am 18. August 1949 beim Amtsgericht Fürth den neuen Firmennamen "adidas" (sein Spitzname Adi und die ersten Silbe des Nachnamens) eintragen lässt und die "drei Streifen" fortan als Markenzeichen nutzt. Indes gründet Rudolf das Unternehmen "Puma".
"Das Wunder von Bern"
Neben der Leichtathletik versucht Adi seine Sportschuhe nun verstärkt im Profifußball bekannt zu machen. Sein großer Auftritt kommt 1954 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Bern. Obwohl längst Chef eines Großunternehmens, arbeitet Adi als Zeugwart bei dem Turnier. Im strömenden Regen des Finalspiels zwischen Deutschland und Ungarn hat Adi einen brillanten Einfall. Damit die deutschen Spieler im durchnässten Boden besseren Halt finden, schraubt Adi längere Stollen in die Schuhe. Deutschland gewinnt am Ende gegen die hochfavorisierten Ungarn 3:2. Nicht wenige Fußballkenner glauben, dass der Schuhwechsel einen Teil zum "Wunder von Bern" beigetragen hat.
Adidas exportiert seine Schuhe in der Folge in immer mehr Länder und steigt in den nächsten Jahrzehnten zum Weltkonzern auf. Etwa 700 Patente und Gebrauchsmuster lässt sich Adi Dassler über die Zeit patentieren.
Am 18. August 1978 erleidet Adi Dassler einen Schlaganfall, an dessen Folgen er schließlich am 6. September 1978 in Erlangen verstirbt. Sein Sohn Horst führte das Unternehmen weiter, das bis zum Börsengang 1995 in Familienbesitz verbleibt.
70 Jahre Adidas und eine neue Zentrale
Im August 2019 feierten die weltweit inzwischen 57.000 Mitarbeiter den 70. Geburtstag des Sportkonzerns. Rechtzeitig zum Jubiläum konnte der Sportartikelhersteller seine neue Zentrale auf dem unternehmenseigenen Campus in Herzogenaurach einweihen und beziehen. Das neu errichtete Gebäude, das optisch an ein Fußballstadion erinnert, bietet auf rund 52.000 Quadratmetern rund 2.000 Mitarbeitern Platz. Von hier aus soll das Erbe des ehemaligen Bäckers fortan weitergeführt werden.