Unter großem Polizeischutz haben die Abrissarbeiten des Milliardenprojekts "Stuttgart 21" begonnen. Trotz zahlreicher Demonstrationen verteidigt der Oberbürgermeister den Bau. Auch das Stuttgarter Handwerk sieht den Baubeginn positiv.
Handwerk sieht "Stuttgart 21" positiv
Mehrere Tausend Menschen haben vor der Baustelle für einen Baustopp des Projekts "Stuttgart 21" demonstriert. Protestorganisatoren sprachen von 12.000 Teilnehmern. Die Polizei zählte auf dem Platz vor dem denkmalgeschützen Nordflügel des Stuttgarter Bahnhofs etwa 5.000 Protestierende. Die Demonstranten zogen durch die Straßen und legten den Verkehr in der Innenstadt weitgehend lahm. Bis an den Stadtrand bildeten sich teilweise Staus.
Trotz der eskalierenden Auseinandersetzung um das Milliardenprojekt "Stuttgart 21" beharrt Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster auf den Bau des neuen unterirdischen Bahnhofs. "Die Entscheidung für Stuttgart 21 ist unumkehrbar", sagte der CDU-Politiker dem "Hamburger Abendblatt". Die Verträge seien unterzeichnet, eine andere Lösung gebe es nicht.
Handwerk begrüßt den Start der Bauarbeiten
Auch die Handwerkskammer Region Stuttgart begrüßt den Start der Bauarbeiten: "Jetzt müssen endlich der verkehrspolitische Fortschritt und die städtebauliche Chance für die Landeshauptstadt gesehen werden“, betont Rainer Reichhold, Präsident der Stuttgarter Handwerkskammer. Seiner Ansicht nach stärke das Projekt den Standort Stuttgart – da es dem Arbeitsmarkt neue Impulse gebe und so Wachstum und Wirtschaftskraft steigere. "Bei allem Respekt vor den Gegnern darf nicht vergessen werden, dass das Projekt über Jahre hinweg parlamentarisch vorbereitet wurde",sagte Reichhold. Es habe in allen Gremien Mehrheiten gefunden und die festgestellten Pläne seien auch im verwaltungsrechtlichen Verfahren bestätigt worden.
Über die Kosten für das Projekt sagte Oberbürgermeister Schuster, dass Stuttgart mit 160 Millionen Euro – als zinsträchtig angelegte Rücklage – "faktisch finanziell nicht belastet" werde. "Die Stadt wird mit dem Projekt langfristig Geld verdienen."
Neun Jahre Bauarbeiten
Das Projekt soll nach derzeitiger Planung insgesamt 4,1 Millarden Euro kosten – rund eine Milliarde mehr, als zunächst veranschlagt. Bisher können Züge den oberirdischen Bahnhof nur von einer Seite erreichen. Mit dem Umbau sollen die Gleise unter die Erde verlegt werden und der Bahnhof soll ein Durchgangsbahnhof werden. Zusätzlich soll unter anderem eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Wendlingen und Ulm gebaut werden. Das verursacht 2,89 Milliarden Euro weitere Kosten. Etwa neun Jahre sollen die Bauarbeiten dauern.
Für den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs müssen der Nord- und Südflügel des 1922 von Paul Bonatz gebauten denkmalgeschützten Gebäudes abgerissen werden. Im Schlossgarten sollen 282 Bäume gefällt werden, an anderer Stelle werden 293 neue Bäume gepflanzt. Der Park wird um 20 Hektar erweitert.
Aktivisten fordern Rücktritt des Bürgermeisters
Sieben "Stuttgart 21"-Gegner erklommen am Mittwoch, als die Abrissarbeiten begannen, den zum Teil bereits eingerissenen Seitenflügel und befestigten dort ein Banner, auf dem sie den Rücktritt des Oberbürgermeisters forderten, mit der Aufschrift: "Brandstifter Schuster – Raus aus dem Rathaus". Die Aktivisten kündigten an, von dem Dach freiwillig herunterzukommen, wenn Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) bis Freitag einen Baustopp veranlasse.
Der Stuttgarter Schauspieler Walter Sittler und der Sprecher des Bündnisses der "Stuttgart 21"-Gegner, Gangolf Stocker, riefen zu einer Menschenkette um den Landtag am Freitagabend auf. Bis dahin sollten die "Stuttgart 21"-Gegner dafür sorgen, dass durch den Eingang des Baugeländes "nichts mehr rein und nichts mehr raus" komme, sagte Stocker. Der Protest gegen den längst genehmigten Bau ist inzwischen zur Massenbewegung geworden.
Oberbürgermeister Schuster übte hingegen harte Kritik an den Gegnern des Projekts, die eine "Verunsicherungs- und Angstkampagne" fahren würden. "Jeder hat das Recht zu demonstrieren", sagte Schuster, "und die Bahn hat das Recht zu bauen". Auch den Vorschlag einer "Friedenskonferenz" lehnt Schuster ab. "Ich lebe mit niemandem in Unfrieden", sagte Stuttgarts Oberbürgermeister.
Die Stuttgarter Handwerkskammer betonte: Die Zukunft bringe die Möglichkeit, einen neuen Stadtteil auf den dann freien Gleisflächen zu entwickeln. "Das sind für Stuttgart bislang ungeahnte Perspektiven, die Stadt umzugestalten und die frühere Parkfläche wieder herzustellen", findet Reichhold.
ddp/kin