Interview mit Bundespräsident-Kandidat Christian Wulff Wulff will Bürgerpräsident sein

Am Mittwoch stellt sich Christian Wulff als Kandidat von CDU, CSU und FDP zur Wahl für das Amt des Bundespräsidenten. Im Interview spricht der CDU-Politiker und amtierende niedersächsische Ministerpräsident über seine Vorbereitungszeit auf das Amt, seine Schwerpunkte und Vorbilder.

Christian Wulff will sich als Bundespräsident um die Anliegen der Bürger - egal welchen Alters - kümmern. Foto: ddp

Wulff will Bürgerpräsident sein

Herr Wulff, Sie wollen am Mittwoch Deutschlands zehnter Bundespräsident werden. Haben Sie sich schon auf das Amt in irgendeiner Form vorbereiten können oder ist das mit Ihrer Aufgabe als Ministerpräsident Niedersachsens gar nicht möglich gewesen?

Christian Wulff: Die Situation ist nicht ganz einfach. Üblicherweise hat ein Kandidat fast ein halbes Jahr lang Zeit, sich auf das Amt des Bundespräsidenten vorzubereiten. Aufgrund der besonderen Umstände nach dem Rücktritt von Horst Köhler liegen zwischen Nominierung und Wahl aber nur wenige Wochen. Hilfreich ist, dass ich mehrere Bundespräsidenten persönlich erlebt habe.

Aber Sie arbeiten schon intensiv an ihrer Rede?

Wulff: Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht bereits unmittelbar nach der Wahl über die Ziele der nächsten fünf Jahre Ausblick geben werde. Sollte ich gewählt werden, will ich die erste programmatische Rede am Tag der Deutschen Einheit – also dem 3. Oktober, in Bremen halten. Ich möchte mir Zeit nehmen, um ausreichend tief zu schürfen und viele daran beteiligen zu können, auch die Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes.

Worum wird es in dieser Rede denn gehen?

Wulff: Ich möchte über den Zusammenhalt der Gesellschaft, die Werte, die uns in die Zukunft tragen sollen, über die Lastenverteilung in den nächsten Jahren sprechen. Wir brauchen die Jungen früher, aber dürfen sie nicht überfordern. Und wir brauchen die Alten länger mit ihrer Erfahrung, ihrem Rat und ihrem Wissen. Wir brauchen faire Chancen und bessere Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen und Menschen mit Migrationshintergrund.

Sie haben oft gesagt, dass Sie ein Bundespräsident "aus der Mitte des Lebens" sein werden. Kennen Sie sich deshalb mit den genannten Themen besser aus?

Wulff: Ich habe Kontakte in alle gesellschaftlichen Gruppen hinein gepflegt. Von Behinderteneinrichtungen über Bildungseinrichtungen bis hin zu Unternehmensführern, den Gewerkschaften und gleichermaßen den Kirchen, Handwerkern und Wirtschaftsunternehmen. Hinzu kommt meine Auslandserfahrung. Ich empfinde es als große Chance, in einem Alter von 51 Jahren der Kandidat sein zu dürfen. Ein Kandidat aus der mittleren Generation mit einer besonderen Nähe zu den Jüngeren und Sympathiewerten bei den Älteren. Und einer Familie mit schulpflichtigen Kindern, einem Kind in der Kinderkrippe. Da teile ich Erfahrungen, die andere Eltern mit ihren Kindern haben. Meine Frau hat die Situation einer Alleinerziehenden mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erlebt. Das alles sind Erfahrungen, die wir ganz unmittelbar mit einbringen und hinter denen sich sicher auch ganz viele versammeln können, die ganz ähnliche Probleme haben oder durchleben.

Was für ein Bundespräsident wollen Sie sein? Welchem der früheren Bundespräsidenten sehen Sie sich am nächsten?

Wulff: Mit allen bisherigen Bundespräsidenten haben wir Glück gehabt. Mir fällt zu jedem etwas Positives ein. Aus der jüngsten Zeit schätze ich in besonderer Weise Roman Herzog und Horst Köhler mit ihrer Art, einerseits bürgernah und andererseits fachkompetent zu sein. Roman Herzog hat mit seiner "Ruckrede" Akzente in der Bildungspolitik gesetzt, Horst Köhler bei den Finanzmarktthemen oder beim Thema Afrika. Ich sehe mich auch als Sprachrohr berechtigter Kritik, berechtigter Anliegen der Bürgerinnen und Bürger an die gesellschaftliche Entwicklung.

Möchten Sie auch einiges anders machen?

Wulff: Ich möchte vor allem unterschiedliche Positionen in einer besonderen Debattenkultur zusammenführen. Dabei liegt mir auch der Dialog der Religionen am Herzen. In diesem 21. Jahrhundert werden zwei Fragestellungen von großer Bedeutung sein: Wie stellen wir einen friedlicheren Umgang miteinander durch einen besseren Dialog der Religionen her? Andererseits ist das Weltklima von zentraler Bedeutung. Da bedarf es größerer diplomatischer und zwischenmenschlicher Anstrengungen – und zwar international, um gemeinsames Vorgehen wahrscheinlicher zu machen.

Interview: Julia Spurzem/ddp