Die Sorge vor einer großen Inflation geht um in Europa. Trotz aller Bekundungen aus der Politik und jüngst selbst von Spitzenvertretern der Europäischen Zentralbank ist die Frage mehr als berechtigt, was aus dem Euro wird: Ist mein Geld auf der Bank noch sicher? Von Hajo Friedrich, Brüssel
Die Schuldenkrise wird zur Zerreißprobe in Europa
Die Buchhandlungen sind voll mit Büchern, die Ratschläge zu einer Inflation geben und zugleich vor ihr warnen. Sachwerte seien vor Inflation besser geschützt als Geldwerte, heißt es darin. Auch im Kreis der deutschen Wirtschaftsprofessoren gibt es inzwischen erhebliche Inflationssorgen, aber kaum Rezepte, der Gefahr zu entgehen.
Nicht mehr als Zeit gekauft
Klar scheint: Die 16 Euro-Länder und die Europäische Zentralbank haben mit ihren jüngsten Entscheidungen, Griechenland zu helfen und einen "Rettungsschirm" über rund 750 Milliarden Euro aufzuspannen, das Schuldenrad noch einmal kräftig in Fahrt gebracht. Doch mit all diesen Versuchen, Ländern günstige Kredite zur Verfügung zu stellen, die sie sonst nicht, oder nur zu erheblich höheren Kreditkosten erhalten hätten, haben sich die Länder lediglich Zeit gekauft und den Zusammenhalt des Euro-Raums zunächst gerettet. Doch der Schuldenberg bleibt. "Der Euro wird zu einer Weichwährung, die Stabilitätsgemeinschaft, die die Eurozone einmal ausmachte, zu einer Schuldengemeinschaft", sagt Lüder Gerken vom Centrum für Europäische Politik (CEP) in Freiburg. "Die Märkte feiern die Rettungsaktion. Aber mittel- bis langfristig werden wir es mit höherer Inflation zu tun bekommen", sagt Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.
Zweifel gibt es auch am Erfolg des geplanten griechischen Sparprogramms und der Rückzahlung der EU-Milliardenhilfen. Dies fürchten neben dem Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann auch viele Wirtschaftsexperten. "Ich rechne damit, dass Griechenland seine Schulden nicht zurückzahlen kann", sagt Clemens Fuest, der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesfinanzministeriums. "Entweder werden andere EU-Staaten einen Teil der Schulden übernehmen oder es kommt zu einem Umschuldungsverfahren, so dass auch die Gläubiger an den Verlusten beteiligt werden." "Bei einem späteren ‚Haircut’, also bei einer Umschuldung mit Abschlägen, werden die EU-Staaten das Nachsehen haben", sagt Hans-Werner Sinn, der Präsident des Ifo-Instituts.
Der Euro sei nicht in Gefahr, aber in einer kritischen Situation, sagt Jürgen Stark. Der Deutsche sitzt seit 2006 im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) und leitet die Abteilung Volkswirtschaft. "Viele Euro-Länder haben über Jahre hohe Schulden und Defizite produziert. Dazu kommen unzureichende Reformen und Anpassungen vieler Länder an die Bedingungen der Währungsunion." Seine beschwichtigenden Äußerungen wirken eher wie das politische Bekenntnis eines Beamten, der den Spitzenposten der Deutschen Bundesbank anstrebt, wenn der jetzige Amtsinhaber, Axel Weber, an die Spitze der EZB wechseln sollte.
EZB verlässt Stabilitätskurs
Starks Worte sind schwach. Sie können nicht kaschieren, dass die EZB offensichtlich ihren Stabilitätskurs verlassen und sich der Hektik der Märkte und der Politik überantwortet hat.
Denn die EZB hat sich bereit erklärt, Staatsanleihen und Unternehmensanleihen mit minderer Bonität von notleidenden Ländern zu kaufen. Viele sehen darin das Signal, Geld zu drucken. Stark leugnet jedoch, dass davon Inflationsgefahren ausgehen. "Die geldpolitische Ausrichtung hat sich nicht geändert." Mit dem Kauf der Anleihen entstehe zwar "zusätzliche Liquidität, die aber kurzfristig wieder abgeschöpft" werde. Unklar ist auch, für wie viel Geld die EZB Staatsanleihen kaufen wird. "Ich nenne keine Volumina. Es sind aber keine gewaltigen Summen. Um eines ganz klarzustellen: Hier geht es um temporäre Maßnahmen, die höchstens in Ausnahmesituationen legitimiert sind und ständig überprüft werden müssen", sagt Stark.
Das Fenster der Möglichkeiten schließt sich
Dennoch, die Angst vor Spekulanten bleibt. Denn an den internationalen Regelwerken hat sich bis heute nichts groß geändert. Die EU-Ländern bemühen sich um neue Aufsichtsregeln und andere finanzmarktpolitische Instrumente. Doch das Fenster der Möglichkeiten, das Weltfinanzsystem neu zu ordnen, dürfte schon längst wieder geschlossen sein. Damit können Spekulanten mit nahezu unbegrenzten Finanzmitteln – zum Beispiel auf den Staatsbankrott eines Landes wetten – ihn damit sogar beschleunigen. Im aktuellen deutschen und europäischen Streit über die Einführung einer sogenannten Transaktionssteuer wird bereits auf das bekannte Argument verwiesen, Dinge im Keim zu ersticken: Erst wenn alle Welthandelspartner mitmachen, dann können wir dies auch.
Gewinner und Verlierer der Krise
Bleibt noch die Frage, wer neben den Kleinanlegern die großen Verlierer der Krise und wer die Gewinner sein werden. "Staaten wie Deutschland mit Leistungsbilanzüberschusssind die Verlierer", sagt Lüder Gerken. Die großen Gewinner seien dagegen Staaten, die kurz vor einem Staatsbankrott standen und "mittelfristig, wenn nicht dauerhaft auf fremde Kosten weiterleben können". "Die Gewinner sind die europäischen Banken, die viele griechische Anleihen haben. Sie können nun Abschreibungen vermeiden", sagt Ansgar Belke. Die Eurozone werde auch, neben den Inflationsgeschädigten, als Verlierer dastehen, "weil sie zu einer Transferunion mutiert – auch zugunsten von Ländern, die sich wohl außerhalb der Währungsunion besser zurechtfinden würden", sagt Belke.
Das zeigt: Die Diskussion, ob Deutschland (mit anderen Ländern) die aktuelle Währungsunion verlassen und eine neue gründen sollte, dürfte weitergehen. Ebenso die Beratungen in Regierungszentralen, ob es nicht nur für den Euro, sondern auch für andere schwache Währungen außerhalb Europas nicht einen gründlichen Währungsschnitt (deutliche Abwertung der Währung, gleich einer Währungsreform) geben sollte. Aber darüber wagt zurzeit kaum ein Politiker oder Banker offen zu reden.