Die Verschuldung Griechenlands wird zum Problem für die Europäische Union. Im Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung erläutert Jan Holthusen von der DZ-Bank Handlungsmöglichkeiten der EU. Interview: Karin Birk

"Griechenland muss unter EU-Kuratel"
DHZ: Griechenland wurde jetzt unter europäische Aufsicht gestellt. Ist damit gewährleistet, dass das Defizit in geraumer Zeit zurückgeführt wird?
Holthusen: Die Griechen haben schon in der Vergangenheit massiv gegen die europäischen Spielregeln verstoßen, so dass die verschärfte Beobachtung durch die Europäische Union sicherlich gerechtfertigt ist. Gerade auch für die Durchsetzung rigiderer Sparmaßnahmen in der Bevölkerung hilft es, wenn auf Zwänge und Druck von außen verwiesen werden kann. Dass Griechenland unter die Kuratel der EU gestellt wird, ist somit auf jeden Fall notwendig. Ob es ausreicht, dass Griechenland damit seine Finanzen dauerhaft in den Griff bekommt, ist jedoch nicht sicher.
DHZ: Die Finanzmärkte haben mittlerweile auch Spanien, Portugal und Italien im Visier.
Ist die Sippenhaft gerechtfertigt?
Holthusen: Sicherlich gibt es Unterschiede zwischen den betreffenden Ländern, gerade auch, was die Höhe der Verschuldung betrifft. Trotzdem ist der Reflex der Finanzmärkte, sich auf die Suche nach weiteren Opfern zu begeben, verständlich. Gemeinsam ist den betreffenden Staaten, dass sie in der Vergangenheit massive Hilfen zur Entwicklung der Wirtschaft aus verschiedenen Töpfen der EU bekommen haben und dass sie vom Eintritt in die Währungsunion – vor allem durch niedrige Zinsen – profitiert haben. Sie haben es aber versäumt, ihre Volkswirtschaften im Binnenmarkt konkurrenzfähig zu machen und bekommen nun das Misstrauen der Märkte mit voller Wucht zu spüren. Die höheren Zinsen, die diese Staaten zurzeit bieten müssen, wenn sie neue Schulden aufnehmen wollen, können aber durchaus disziplinierend wirken.
DHZ: Kann und soll Europa helfen, wenn Griechenland zahlungsunfähig werden sollte?
Holthusen: Europa könnte helfen, da Griechenland ein relativ kleines Land ist. So machen die Staatsschulden nur rund drei Prozent der jährlichen Wertschöpfung in der Europäischen Währungsunion aus. Die Frage, ob Europa helfen sollte, ist diffiziler. Eine Hilfe für ein Land würde Hilfegesuche anderer Staaten, die Probleme haben, nach sich ziehen. Der Anreiz, seine Probleme selbst zu lösen, wäre also vermindert. Auf der anderen Seite hat die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman im Herbst 2008 gezeigt, dass es fahrlässig ist, die Auswirkungen solcher Pleiten zu unterschätzen. Daher dürfte den Griechen schlussendlich doch geholfen werden – verbunden mit extrem rigiden Auflagen, die den Versuch einer Nachahmung durch andere Staaten unattraktiv machen.
DHZ: Warum schaut alle Welt nach Griechenland? Auch in Japan hat die Verschuldungsgrenze erschreckende Höhen erreicht.
Holthusen: Die Verschuldung Japans ist sogar noch höher als die Griechenlands. Auf der anderen Seite profitiert der japanische Staat davon, dass er nur sehr geringe Zinsen auf seine Schulden zu zahlen hat. Das hat auch etwas damit zu tun, dass der größte Teil der japanischen Staatsschulden von Inländern gehalten wird – vereinfacht gesagt, hat sich der Staat bei seinen eigenen Bürgern verschuldet.
DHZ: Hat ein schwacher Euro nicht auch etwas Gutes?
Holthusen: Schwach kann man den Euro bei den gegenwärtigen Kursniveaus nicht nennen. Es gibt aber bei Wechselkursen kein "richtiges" Niveau – allenfalls das Ziel, allzu abrupte Veränderungen zu verhindern. Eine Abschwächung der Währung ist grob gesprochen gut für exportierende Unternehmen, eine Aufwertung gut für Importeure und Konsumenten. Unsere Exportindustrie wird sich über den Wertverlust des Euro freuen, aber sie wird dem Export nicht sehr stark helfen. Denn es mangelt im Moment nicht an internationaler Wettbewerbsfähigkeit, sondern am Volumen der weltweiten Nachfrage.