Kommentar Die Lust am Untergang

Krise, Krise, Krise… Man muss kein Prophet sein, um mit der Voraussage ins Schwarze zu treffen, dass das Wort mit den fünf schmalen Buchstaben zum nächsten "Unwort des Jahres" gekürt werden dürfte, meint Roman Leuthner.

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Die Lust am Untergang

Natürlich: Die Situation ist ernst und darf nicht klein geredet oder -geschrieben werden. Ebenso wahr ist jedoch, dass uns Deutschen ein ausgeprägter Hang zum Jammern, Wehklagen und zur Besorgnis eigen ist. Dabei leben gut 90 Prozent der Menschen auf diesem Planeten seit Jahrzehnten unter weit schlechteren Verhältnissen – und dies dürfte wohl auch in Zukunft so bleiben.

Was treibt uns an, auch in guten Zeiten nach dem berühmten Haar in der Suppe zu stochern? Was bringt uns dazu, in schlechten Zeiten immer noch eins draufzusetzen und nun in tiefste Depression und allerhöchste Zukunftsangst zu verfallen? Die Lust am Untergang? Oder sind wir manisch-depressiv? Erst Himmel hoch jauchzend, dann zu Tode betrübt?

Trotzdem wissen wir nicht, was besser ist. Denn was bei uns zu viel ist, das gibt es in Amerika zu wenig, fast nur in homöopathischen Dosen: Angst. Die Amerikaner spotten seit Jahrzehnten über die so genannte "German Angst", die sogar sprichwörtlich in ihren Alltagswortschatz eingegangen ist. Hätten sie ein bisschen mehr davon, dann würden sie wohl nicht auf jeden Scharlatan in Nadelstreif und Seidenkrawatte hereinfallen und sich irgendwie vielleicht doch vorstellen können, dass jeder, der ein Haus kauft, dies auch abbezahlen muss. Irgendwann. Irgendwie. Mit irgendwas. Denn Geld fällt ja nicht vom Himmel. Wenigstens nicht in diesem Leben.

Na ja. Die Amis tun sich jedenfalls leichter und pfeifen auf die Krise. Vielleicht nicht ganz so laut wie Ende der 90-er und Ende der 80-er. Viele spitzen aber doch noch den Mund und philosophieren offensichtlich nach der Devise: "Sei’s drum. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen“…

Und hierzulande? Nachdem das Glas immer schon halb leer und nur ganz selten halb voll war, sehen wir jetzt mindestens die Höllenqualen des Verdurstens vor unserem geistigen Auge. Mindestens.

Selbstverständlich tragen wir Medien dazu einen großen Teil bei und überbieten uns im Krisengejammer und schießen mit Superlativen um uns. Gejammer? Nein, es handelt sich eher schon um eine neue Form der Kriegsberichterstattung. Da überschlägt sich beispielsweise ein Fernsehreporter namens Schlaumeier vom Frankfurter Börsenparkett in der Tonlage eines Maschinengewehrs und schwadroniert von der "Implosion eines Börsenkurses“, vom "Schlachtfest der Anleger“ und dem "brutalen Abschmieren eines ehemaligen Überfliegers“. Das einzige, das wir bei diesem grotesken Auftritt in unserer Betroffenheit vermissen, ist die schusssichere Weste, die Schlaumeier wahrscheinlich beim letzten Luftangriff im Bankenzentrum von Mainhatten verloren hat.

Trotzdem: Wir wünschen ihm und uns nur das Allerbeste.