Deutschland ist nach Einschätzung von Ökonomen endgültig in der Rezession angekommen. Hintergrund ist der erneute Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung im dritten Quartal des laufenden Jahres.
Deutschland steckt in der Rezession
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging von Juli bis September preis-, kalender- und saisonbereinigt um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurück, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Der BIP-Rückgang im dritten Quartal war der zweite in Folge. Nachdem die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal noch um 1,4 Prozent gestiegen war, ging sie im zweiten Quartal nach revidierten Angaben um 0,4 Prozent zurück. Damit befindet sich nach allgemeiner Einschätzung von Ökonomen die Wirtschaft in einer "technischen Rezession". Für das dritte Quartal hatten Analysten nur einen Rückgang von 0,1 Prozent vorhergesagt.
Auf Jahressicht befand sich das Wirtschaftswachstum noch im Plus. Die Statistiker wiesen ein preisbereinigtes Wirtschaftswachstum von Januar bis September von 1,3 Prozent gegenüber dem dritten Quartal 2007 aus. Kalenderbereinigt belief sich das Wachstum durch einen zusätzlichen Arbeitstag mehr im dritten Quartal 2008 auf 0,8 Prozent.
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte lediglich, dass die deutsche Wirtschaft 2009 möglicherweise in eine Rezession geraten könnte. Auf der Jahrestagung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erklärte Steinbrück: "Wir gehen einer Situation entgegen, wo wir erkennbar eventuell sogar von einer Stagnation in eine Rezession hineinkommen." Wie tiefgreifend eine solche Entwicklung ausfallen und welche Auswirkungen sie auf den Arbeitsmarkt habe könnte, wollte Steinbrück aber auf Nachfrage nicht sagen. Das wisse keiner, sagte der Finanzminister.
Glos: BIP-Rückgang überrascht nicht
Für Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) kam die BIP-Schrumpfung nicht überraschend: "Nach dem Minus im zweiten Quartal war auch das dritte Quartal erwartungsgemäß rückläufig". Die Finanzmarktkrise und weltwirtschaftliche Abschwächung wirkten sich bremsend auf die deutsche Wirtschaft aus.
Nach Einschätzung der Deutschen Bundesbank liegt der Rückgang der Wirtschaftsleistung vor allem in der Abschwächung des globalen Wirtschaftswachstums und in den rückläufigen Investitionen begründet. "Es macht sich jetzt zunehmend die breite globale Konjunkturabkühlung bemerkbar", teilte die Bundesbank mit. Die deutsche Wirtschaft sei wegen ihres hohen außenwirtschaftlichen Offenheitsgrades und der starken Abhängigkeit von der Exportnachfrage besonders anfällig gegenüber globalen Schocks.
Zugleich verwies das Statistische Bundesamt darauf, dass gegenüber dem Vorquartal aus dem Inland überwiegend positive Impulse gekommen seien. Diese führten sie auf einen leichten Anstieg des privaten und öffentlichen Konsums zurück. Bei stark gestiegenen Importen und sich abschwächenden Exporten habe es allerdings eine negative Wirkung des Außenbeitrags auf die deutsche Wirtschaftsleistung gegeben.
Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen meinte, jetzt sei endgültig klar, dass sich die deutsche Wirtschaft in der Rezession befindet. ING-Ökonom Carsten Brzeski sagte, eine solch schlechte Entwicklung der deutschen Wirtschaft habe es zuletzt 2003 gegeben. Damals war das BIP zwischen dem vierten Quartal 2002 und dem zweiten Quartal 2003 dreimal in Folge gesunken. Brzeski führte die Schwäche der Wirtschaft auf die Finanzmarktkrise und die allgemeine weltwirtschaftliche Abkühlung zurück.
OECD glaubt an längere Rezession
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat unterdessen ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum in ihren Mitgliedsländern deutlich gesenkt. Für 2009 rechnet die Organisation nunmehr mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung in den 30 Industrieländern der Gruppe um 0,3 Prozent, nach einem Wachstum von 1,4 Prozent in diesem Jahr. Laut OECD gleiten die Volkswirtschaften im OECD-Raum damit in eine Rezession, die voraussichtlich länger anhalten dürfte.
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland hatte erst für 2009 wegen einer stagnierenden Wirtschaftsleistung eine Rezession vorhergesagt. Bisher hält die Bundesregierung an ihrer Erwartung einer BIP-Zunahme von 0,2 Prozent im kommenden Jahr fest.
Nadine Schimroszik/ddp
