DHZ-Gespräch mit Max Otte, Finanzwissenschaftler an der Fachhochschule Worms und Autor des Buches "Der Crash kommt" Die ganz große Krise ist möglich

"Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht", prognostiziert der Finanzwissenschaftler Max Otte im DHZ-Interview und erwartet in den nächsten Jahren eine deutlich höhere Inflation. Interview: Karin Birk

Interview: Karin Birk

Max Otte: "Das Konjunkturpaket schafft Nachfrage, mehr aber auch nicht." Foto: Privat

Die ganz große Krise ist möglich

DHZ: Herr Professor Otte, Sie haben die Finanz- und Wirtschaftskrise kommen sehen. Wagen Sie auch eine Prognose über ihr Ende?

Otte: Ganz klar nein. Ich sehe zwei Szenarien. Das eine ist eine scharfe Rezession wie in den Jahren 1981 und 1982. Das wäre für mich der günstige Fall – besser wird es nicht. Die Rezession wird in jedem Fall in das Jahr 2010 hineinreichen und wir werden noch Einiges an wirtschaftlichen Problemen zu sehen bekommen. Leider gibt es für mich auch ein zweites Szenario, in dem ich die ganz große Krise nicht ausschließen kann. Hoffnung gibt allerdings, dass alle Regierungen die Krise von 1929 vor Augen haben und mit aller Macht versuchen, Ähnliches zu verhindern.

DHZ: Was können die Konjunkturpakete der Bundesregierung bringen?

Otte: Sie schaffen ganz einfach zusätzliche Nachfrage. In einer Zeit, in der Nachfrage ausfällt, weil nicht mehr investiert oder weniger konsumiert wird, kann diese Nachfrage den Abschwung abschwächen, mehr aber auch nicht. Wir sind ganz einfach in einem Abschwung und müssen da durch. Weltweit haben wir auf Pump gelebt und mit Aufputschmitteln wie etwa billigen Zinsen ungesundes Wachstum produziert. Das muss jetzt aus dem System raus.

DHZ: Mit den Konjunkturpaketen verschuldet sich der Staat in einem gigantischen Ausmaß. Kommt die Schuldenbremse 2020 nicht zu spät?

Otte: Die Konjunkturpakete und die Verschuldung sind gar nicht so gigantisch, setzt man sie in Bezug zur Wirtschaftsleistung. Wir haben zwar heute eine nie da gewesene Neuverschuldung. In Bezug auf das Bruttosozialprodukt war sie aber schon höher. Und was die Schuldenbremse ab 2020 betrifft, kann man, optimistisch gedacht, nur hoffen, dass sie die Politiker in ihrem Ausgabenverhalten schon vorher positiv beeinflusst. Wenngleich da immer ein Fragezeichen bleibt.

DHZ: Die Europäische Zentralbank wird aller Voraussicht nach im März den Leitzins auf 1,5 Prozent senken. Wird sie damit die Kreditvergabe durch die Banken ankurbeln können?

Otte: Nein. Geldpolitik alleine ist wirkungslos geworden. Hinzukommen müssen flankierende Maßnahmen wie Konjunkturpakete oder der Aufkauf schlechter Papiere – wie jüngst in den USA geschehen.

DHZ: Die Notenbank hat unlängst viel Geld in den Kreislauf gepumpt. Muss das nicht früher oder später in eine höhere Inflation münden?

Otte: Im Moment noch nicht, weil viele Banken das Geld horten. Wenn die Banken aber wieder mehr Kredite vergeben und die Wirtschaft anspringt, wird die Inflation zunehmen. Meiner Ansicht nach zielt die ganze Politik derzeit darauf ab, früher oder später Inflation zu machen: Denn nur so werden die alten Schulden entwertet, nur so werden die schlechten Papiere entwertet. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Inflation in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird. Dabei sind zehn oder mehr Prozent an Inflation über mehrere Jahre durchaus möglich.

DHZ: Was heißt das für den langfristigen Sparer?

Otte: Man kann jetzt schon noch Geld auf dem Girokonto, auf Termingeldkonten oder in Bundespapieren halten. Bei höherer Inflation sollte man aber bald in gute Sachwerte gehen. Das können gute Aktien, selbstgenutzte oder andere erstklassige Immobilien oder Gold sein. Gold ist das Sicherste. Es ist auch nicht extrem teuer. Selbst bei einem Preis von etwas mehr 900 Dollar für eine Feinunze sind wir bei ungefähr 40 Prozent des absoluten Höchststandes, berücksichtigt man den aktuellen Wechselkurs. Abraten würde ich allerdings von mittelmäßigen Mietimmobilien in mittleren Städten. Steigende Sanierungs- und Energiekosten und sinkende Einkommen in der Bevölkerung machen sie immer unattraktiver.