Die Zukunft des Handwerks spricht türkisch, heißt es
Von Aaron Buck
Ungenutzte Potenziale
Keine zwei Wochen sind vergangen, seit das Berlin Institut seine Studie „Ungenutzte Potenziale“ zur Lage der Integration in Deutschland vorgestellt hat. Aussagen, die öffentliche und politische Vorstellungen bestätigen, wonach ein großer Teil der Menschen mit Migrationshintergrund unzureichend integriert sei, erhitzen seither die Gemüter. Zur Abkühlung trug nun Anfang der Woche ZDH-Präsident Otto Kentzler bei: „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit ausländischen Mitarbeitern gemacht“, sagte er. Im Kampf gegen den drohenden Fachkräftemangel sollen ab sofort noch mehr junge Ausländer und Schulabgänger mit Migrationshintergrund als Lehrlinge gewonnen werden.
Unzeitgemäßer Optimismus
„Der Meister der Zukunft ist ein Türke“, zitiert die „Bild“ aus dem neuen Integrationsatlas des Handwerks. Hürra! Schreiben doch die Berliner Integrationsforscher: „Mit Abstand am schlechtesten integriert ist die Gruppe mit türkischem Hintergrund.“ Kentzler hält dagegen. Handwerksbetriebe seien kein Ort für Parallelgesellschaften. Und man möchte ihm nur zu gerne glauben und applaudieren angesichts so viel unzeitgemäßem Optimismus. Doch da melden sich die übrigen Mitglieder des Ausbildungspaktes schon wieder säuerlich zu Wort und beklagen Defizite bei der Ausbildungsfähigkeit Jugendlicher aus Zuwandererfamilien. Die Vertreter aus Bundesregierung, Wirtschaft und der Bundesagentur für Arbeit monieren, dass überproportional viele junge Ausländer ohne beruflichen Abschluss blieben. Die PISA-Studie nennt so etwas wohl einen „Kompetenzrückstand“.
Kentzler hingegen traut dem Handwerk offenbar die erforderliche Integrationskraft zu. Schon jetzt bildet der Schmelztiegel Handwerk prozentual mehr ausländische Jugendliche aus als alle anderen Branchen. Die typischerweise kleineren Betriebe scheinen die nötige menschliche Nähe auszustrahlen, um auch sogenannte Problemfälle motivieren und zu guten Leistungen anspornen zu können. Dennoch wäre es verheerend nachlässig, die berechtigten Forderungen aller Partner im Ausbildungspakt nach frühkindlicher Bildung, Sprachförderung und gezielter Beratung von Eltern und Jugendlichen zu ignorieren. Auch das Handwerk kann nicht jeden versorgen oder es liefe Gefahr, sich auf Kosten der Qualität zu übernehmen. „Das Potenzial der jungen Migranten“, das Kentzler stärker nutzen will, muss schließlich auch in geeigneter Höhe vorhanden oder zumindest ausbaufähig sein.