Studie "Krisengebiet" Ostdeutschland

Viele Alte, wenig Nachwuchs und schlechte Zukunftsaussichten – Ostdeutschland gehört einer neuen Studie zufolge zu den Verlierern Europas. In einer Analyse des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ist gar von dem "demografischen Krisengebiet" die Rede.

"Krisengebiet" Ostdeutschland

"Deutschland fällt als am deutlichsten gespaltenes Land in Gewinner- und Verliererregionen auf", kommentiert Mitautor Reiner Klingholz die Untersuchung zur "demografischen Zukunft von Europa". Während Oberbayern darin zu den Gewinnern gehört, zählt Sachsen-Anhalt zu den Schlusslichtern im Ranking europäischer Regionen. Zusammen mit Chemnitz und Thüringen sei das Bundesland unter den zehn am stärksten vom Bevölkerungsschwund betroffenen Gebieten Europas.

Deutschland im Mittelfeld

Verglichen wurden 285 Regionen in 27 EU-Ländern und den Nicht-EU-Ländern Island, Norwegen und Schweiz anhand von Indikatoren zur demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung. Deutschland liegt in der Gesamtwertung mit Platz 14 im Mittelfeld. Das Schlusslicht bildet Rumänien.

Die Veränderungen in Ostdeutschland sind der Untersuchung zufolge besonders alarmierend: Seit Ende der DDR zogen den Angaben nach bis 2006 mehr als 1,7 Millionen Menschen nach Westen. Nirgendwo in Europa seien großflächig so viele junge Frauen abgewandert, heißt es. Tschechien, Slowenien sowie die Hauptstadtregionen von Ungarn und der Slowakei hätten im Vergleich zu den neuen Bundesländern bessere Zukunftschancen. Stabilisieren konnten sich vor allem Dresden, Leipzig, Jena, Erfurt und Rostock.

Mit der Note 4,17 auf einer Skala von 1 bis 6 erreichte Sachsen-Anhalt unter den Bundesländern lediglich den letzten Rang und kam auf Platz 241 der insgesamt 285 europäischen Regionen. In diesem Bereich liegen sonst vor allem entlegene Gebiete Rumäniens, Bulgariens, Polens und Süditaliens. Die Region Dessau gelte dabei "als Synonym für den demografisch-ökonomischen Niedergang". Von der deutschen Binnenwanderung profitierten hingegen der wirtschaftsstarke Süden und die Region Köln.

Berlin (Note 3,38) erscheint in der Analyse als Sonderfall unter den Metropolen. Während andere Hauptstädte Anziehungspunkte für Bildungs- und Wirtschaftseliten bilden, habe in Berlin kein einziges Dax- oder MDax-Unternehmen seinen Hauptsitz. Die aufstrebenden Zentren Osteuropas wie Prag oder Bratislava entwickelten sich weitaus besser. Hervorgehoben wird ferner die "hochgradige" Verschuldung und die hohe Arbeitslosigkeit in der Stadt. "Wie wenig Bedeutung Berlin im internationalen Maßstab zukommt, zeigt sich auch daran, dass von der Spree kaum Linienflüge nach Asien oder Amerika unterhalten werden", schreiben die Autoren.

"Die deutsche Politik sollte sich vielmehr im Ausland umschauen", rät Klingholz. Zwar liege Deutschland in Sachen Effizienz und Patenten vorne. In der Bildungspolitik könne man aber von Finnland lernen, in der Familienpolitik von Frankreich, in der Wirtschaftspolitik von Irland und Estland und in der Arbeitsmarktpolitik von Dänemark. Als besonderes Vorbild nennt er Island, den Spitzenreiter der Studie: "Die machen praktisch alles richtig, was wir noch lernen müssen", sagt Klingholz. Außerdem lebten dort Umfragen zufolge "die glücklichsten Menschen der Welt".

Mey Dudin/ddp